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„Platte mit Aussicht“

Uta Hergert und Marcel Raabe haben sich dem Neubaugebiet ihrer Kindheit in einer liebevoll aber dennoch kritisch gestalteten Dokumentation gewidmet. Beide bezogen als „Erstbezieher“ mit ihren Eltern den in den 80er Jahren neu errichteten Stadtteil Dresden-Gorbitz, der jahrelang noch vielmehr einer Baustelle glich als einem Wohnviertel.
von Elke Sieber (05.11.2015)

Uta Hergert und Marcel Raabe haben sich dem Neubaugebiet ihrer Kindheit in einer liebevoll aber dennoch kritisch gestalteten Dokumentation gewidmet. Beide bezogen als „Erstbezieher“ mit ihren Eltern den in den 80er Jahren neu errichteten Stadtteil Dresden-Gorbitz, der jahrelang noch vielmehr einer Baustelle glich als einem Wohnviertel.

Ihr Film ist unterteilt in vier Teile, zwei davon beziehen sich auf die Baugeschichte, erste Erlebnisse in Gorbitz und den Plattenbautyp WBS 70. Dieser wurde nicht nur in Gorbitz, sondern in der ganzen DDR hauptsächlich gebaut. Die letzten beiden Teile befassen sich mit dem Wandel der Siedlung nach 1989, den sozialen Entwicklungen sowie baulichen Veränderungen, die die deutsche Einheit und das Ende des Sozialismus mit sich brachten.

Gorbitz wurde auf dem Reißbrett geplant und sollte mit 20.000 Wohnungen das größte Neubaugebiet Sachsens werden. Es sollte ein selbständiger Stadtteil entstehen, der gemäß der Komplexrichtlinie alle wichtigen Einrichtungen des täglichen Bedarfes der Bevölkerung beinhaltete. Der Bezug einer Neubauwohnung bedeutete für viele Menschen ein langersehntes Glück, ein komfortableres Leben als im Altbau mit eigenem Badezimmer und Toilette sowie Fernheizung. Auch deshalb wurden die Wohnungen bereits bezogen, bevor Straßen und Wege angelegt waren. Man fand sich einfach damit ab, auf einer Baustelle zu leben.

Der Bau des Viertels brachte einige Schwierigkeiten mit sich: Grund und Boden waren schwer zu erschließen, häufiger kam es zu Überschwemmungen ganzer Gebiete und teuren Einsätzen zur Sicherung des Bodens. Hierzu ließen die Regisseure die Architekten und Planer der Siedlung zu Wort kommen. Diese berichteten des Weiteren, dass die Wohnungsbauserie 70 in Dresden besonders rationell verwirklicht wurde, die Zuschnitte der Wohnungen alle gleich aussahen und die Wohnungsausstattung überall gleich ausgefallen war. Ein Experimentieren war den Planer aber schon allein aufgrund der wirtschaftlichen Hintergründe nicht möglich.

In die Gestaltung des Wohnumfeldes wurden letztlich auch die Einwohner von Gorbitz einbezogen, sie leisteten Pflichtstunden ab bei der Anlegung von Grünanlagen. Darüber hinaus war das Neubaugebiet voll von Familien mit kleinen Kindern, die sich zwischen den Blöcken zum gemeinsamen Spielen zusammenfanden. So wirkte der Stadtteil zwar auf den ersten Blick anonym, während gleichzeitig eine Gemeinschaft, eine gemeinsame Sozialisation, entstand. Aber auch die Bilder und Geräusche aus den Erinnerungen sind bis heute gemeinschaftsstiftend: Blümchentapeten, Lichtschalter, die Geräusche des Treppengeländers oder eines an die Wäschestangen im Hof gedonnerten Fußballes, Getrampel in der Wohnung über einem oder die Kommunikation zwischen den Nachbarn über Schläge an die Heizung. All das wird im Film mit Zitaten und Bildern verdeutlicht.

Nach dem Mauerfall ereignete sich ein langsamer Zerfall dieser Gemeinschaft. Aus einer komfortablen Wohnung im Neubaugebiet wurde eine Art Sozialwohnung im Problemviertel. Wer es sich nun leisten konnte, zog aus Gorbitz weg, alteingesessene Gorbitzer blieben unter sich. Doch die Jugend begann aufzubegehren gegen die Eintönigkeit, Langeweile und Perspektivlosigkeit in Gorbitz. Im Film wurden Heavy Metal, Rumlungern, Alkohol und Rechtsradikalismus als ihre ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen benannt.

Dresden-Gorbitz wurde zum Problembezirk, den Makel des Rechtsradikalismus ist er bis heute nicht losgeworden. Zuziehende bleiben meist nur befristet, als Studenten beispielsweise, und verlassen das alternde Gorbitz wieder. Eine soziale Vermischung findet kaum statt. Die Schule musste schließen.

Doch die Regisseure geben auch einen positiven Ausblick. Einzelne Projekte versuchen den Stadtteil zu retten. Eine Kneipe wurde eröffnet, eine Laborschule mit Unterstützung durch die Gorbitzer Eltern wurde eingerichtet. Gorbitz wurde stärker begrünt, hohe Platten wurden zurückgebaut, Wohnungen vergrößert und komfortabel ausgestattet.

Dennoch stehen sich am Schluss zwei Aussagen für die Zukunft von Gorbitz gegenüber. Ein Interviewpartner beschreibt den Stadtteil als familienfreundlicher denn je, ein anderer befürchtet eine Ghettoisierung, eine soziale Verelendung des Dresdner Bezirks.

Der Film scheint auf den ersten Blick sehr speziell, dennoch vermute ich, dass Gorbitz für so viele Neubausiedlungen der DDR steht. Nicht nur die sozialen Probleme nach der Wende, sondern auch die gemeinsamen Erinnerungen finden sich in anderen Plattenbausiedlungen wieder. Dennoch zeigt der Film auch, dass es keine allgemeingültige Wahrheit zum Leben im sozialistischen Neubauviertel geben kann, sondern jedes Leben durch seine eigenen Erfahrungen geprägt ist und jeder Mensch eigene Erinnerungen und Emotionen hat.

Bild: Aus der Pressemappe von gorbitzfilm

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