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Wolfgang Benz: Gewalt gegen Kinder. Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR

In seinem Aufsatz für das Deutschlandarchiv wendete er sich einem sehr emotionalen Thema zu: der Gewalt gegen Kinder in der DDR in Kinderheimen und Jugendwerkhöfen. Nachvollziehbar, jedoch kritisch zu bewerten, fällt der Aufsatz an manchen Stellen aus der wissenschaftlichen Neutralität heraus.
von Elke Sieber (29.10.2015)

Wolfgang Benz: Gewalt gegen Kinder. Jugendhilfe und Heimerziehung in der DDR, in: DA 11.04.2014, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/182642/jugendhilfe-und-heimerziehung-in-der-ddr, abgerufen am 27.09.2015.

 

Wolfgang Benz lehrte bis 2011 als Professor an der Technischen Universität Berlin, zuvor leitete er von 1990 bis 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung. In seinem Aufsatz für das Deutschlandarchiv wendete er sich einem sehr emotionalen Thema zu: der Gewalt gegen Kinder in der DDR in Kinderheimen und Jugendwerkhöfen. Nachvollziehbar, jedoch kritisch zu bewerten, fällt der Aufsatz an manchen Stellen aus der wissenschaftlichen Neutralität heraus.

Die Institutionen der staatlichen Erziehung und Umerziehung von Kindern und Jugendlichen fiel unter die Zuständigkeit des Ministeriums für Volksbildung, das von 1963 bis 1989 Margot Honecker leitete. Heruntergebrochen auf Bezirke, Kreise und Gemeinden waren Referate und Kommissionen für die klassische Fürsorge für Waisen zuständig aber auch für die Erziehung von vernachlässigten Kindern und Jugendlichen. Der Staat sollte an dieser Stelle günstige Bedingungen für die Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit schaffen, wo die „Erziehung, Entwicklung und Gesundheit unter der Verantwortung der Erziehungsberechtigten nicht gewährleistet“ waren. (Gesetzblatt der DDR, Teil II, 17.5.1965, S. 359, zit. n. Verena Zimmermann: Den neuen Menschen schaffen. Die Umerziehung von schwererziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1949-1990), Köln 2004.)

Hierfür gab es insgesamt 47 Kinderheime, Spezialheime, Durchgangsheime und Jugendwerkhöfe. Gründe für eine Einweisung waren der Verstoß gegen die rigide Heimordnung der vorangehenden Anstalt, Fluchtversuche aus Heimen, Auffälligkeit in der Schule und der Eingliederung in die Gesellschaft. Die letzte Konsequenz war bei weiteren Verstößen der Jugendwerkhof in Torgau. Dazu zählten: Auflehnung gegen die Heimordnung und Flucht aus Spezialheimen oder Jugendwerkhöfen, „sexuelle Triebhaftigkeit“ und weitere Formen von „abweichendem Verhalten“ und Schwererziehbarkeit“, die willkürlich von den Verantwortlichen ausgelegt werden konnten.

Das Ministerium für Volksbildung wollte jegliche Außenseiter zwischen 14 und 20 Jahren, zu denen in den 1960er Jahren auch Hörer von Beatmusik sowie Träger von langen Haaren und westlicher Kleidung gehörten (so genannte Gammler), die ihre Distanz zum Regime in ihrem Verhalten und Aussehen äußerten, sollten in den Jugendwerkhöfen umerzogen werden.

Wer in der DDR die Arbeit verweigerte oder sich davor drückte, galt nach offiziellem Terminus als „asozial“ und war gefährlich für die Gesellschaftsordnung. Der Paragraf 249 des Strafgesetzbuches kriminalisierte dieses Verhalten und es konnte bis 1979 mit der Maßnahme „Arbeitserziehung“ bestraft werden. Doch auch danach wurden „Gammler“, „Assis“ und „Parasiten“ unter dem Deckmantel der Erziehung und Besserung gnadenlos verfolgt.

Nach diesem Überblick über die Machtinstrumente und ihre Anwendung wendet sich Benz konkreten Fällen zu, um zu verdeutlichen, auf welche Weise innerhalb der staatlichen Einrichtungen physische und psychische Gewalt verübt wurde. Prügel, Isolation, Hunger, Demütigung durch sinnlose Befehle und Bestrafungen gehörten zum Alltag dieser Kinder und Jugendlichen. All dies unter dem Wissen und der Zustimmung der Oberen und im Namen der Ideologie.

Benz beendet seine Ausführungen mit einem Ausblick. So schreibt er, dass auch an einem Runden Tisch eine Aufarbeitung der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre erfolgte, allerdings erst im Jahre 2009. Daraufhin wurde der staatliche Fonds „Heimerziehung in der DDR“ mit einem Vermögen von 40 Millionen Euro gebildet, um den geschätzten 30.000 Opfern der „Jugendhilfe“ in der DDR eine Entschädigung zu ermöglichen. Bis zu 10.000 Euro konnten einem Opfer für die erlittenen Schäden und Schmerzen ausgezahlt werden. Für mich eine bescheidene Summe für das erlittene Leid.

Traurig ist meines Erachtens außerdem, dass der Entschädigungsfonds für ehemalige Heimkinder der Bundesrepublik nach Benz über das dreifache Vermögen verfügt, während der Heimkinderfonds Ost im Herbst 2013 illiquide wurde. Und das bereits nachdem 3.300 Anspruchsberechtigte abgefunden worden waren, 10.000 jedoch noch auf einer Warteliste standen. Er wurde zwar noch einmal vom Bund und den Ländern aufgestockt, die Betroffenen konnten allerdings nur noch bis zum 30. September 2014 Ansprüche anmelden. Doch das Leid endet meiner Meinung nach nicht mit einer Frist.

 

Bild: By Stefan Kühn (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

 


 

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