Für Sie gelesen: Lust auf Feste

Ute Mohrmann: Lust auf Feste. Zur Festkultur in der DDR, in: Vergnügen in der DDR, Berlin 2009, S. 32-51.
von Elke Sieber (19.05.2016)

Ute Mohrmann: Lust auf Feste. Zur Festkultur in der DDR, in: Vergnügen in der DDR, Berlin 2009, S. 32-51.

Nach Ethnologin Ute Mohrmann gab es eine breite Festkultur in der DDR. Von Volksfesten, Pfingst- und Sommerfesten in den Gartenanlagen, „traditionellen“ Erntefesten, Karnevalsfeiern, Stadtjubiläen und –bezirksfesten sowie den großen Feier- und Gedenktagen über Sportfeste, Jugendfestivals und Arbeitsjubiläen wurden eine Vielzahl von Familienfesten im großen und kleinen Kreis abgehalten. Der DDR-Festkalender hatte einen ganz eigenen Typus, der aus der Verknüpfung von politisch-kultureller Zielsetzung und Konsens der Gesellschaft mit den kulturpolitischen Intentionen entstanden war. In Mohrmanns Aufsatz soll es insbesondere um die „Verschränkung von offiziellem Kalkül, spontaner Aktivität und Teilhabe größerer Bevölkerungsgruppen“ gehen. Dabei geht die Autorin chronologisch vor und betrachtet die Festentwicklung der einzelnen Jahrzehnte, setzt diese in den kulturpolitischen Kontext und beleuchtet dabei die „Lust auf Feste“, die Annahme der Bevölkerung der Festkultur oder deren Verweigerung.

In der Nachkriegszeit war die Flucht aus dem grauen und von Existenznot geprägten Alltag ein Grundpfeiler der Festkultur. Die ersehnte Idylle ließ Rummelplätze und Vergnügungsstätten geradezu aus dem Boden schießen. Ebenfalls spielten für die Staatsführung Gedenk- und Kampftage eine bedeutende Rolle, die an kommunistische Helden erinnerten und vom Antifaschismus und Aufbau des Sozialismus kündeten. Die Festausgestaltung und der Festkalender hatten hierbei ihre Wurzeln hauptsächlich in den kulturellen Entwicklungen vor und seit 1900 und somit in der Arbeiter-, Jugend- und bürgerlichen Heimatbewegung. In der DDR der 50er Jahre wurden die Feiern allerdings mit einem ganz besonderen Pathos aufgeladen. Darüber hinaus nutzte man Volksmusik und Volkstanz sowie Volkskunst als kulturellen Rahmen der öffentlichen Veranstaltungen, die nach und nach stärker von sowjetischen Vorbildern geprägt und vom sozialistischen Realismus begrenzt wurden. Dennoch nutzte man diese Form der „Folklore“, um gegen die moderne Massen- und Alltagskultur, die besonders von Amerika herüberschwappte einen Kontrast zu setzen.

Im Privaten unterschied sich die Festkultur in den 50er Jahren nicht wesentlich von der im anderen Teil Deutschlands. Die ältere Generation wollte, dass es gemütlich und bescheiden zugeht und es wurde großer Wert auf Anstand gelegt. Die Jugendlichen in Ost und West brachen jedoch aus diesen Normen aus und veranstalteten Feten und Tanzpartys, auf denen deutlich lässiger und ungezwungener gefeiert wurde. Eine Jugendkultur aus dem Westen fand so auch Einzug in die Privatfeiern der DDR-Jugendlichen. Dabei merkt Mohrmann jedoch an, dass die meisten Jugendlichen sich vielmehr unorganisiert und unpolitisch überlieferten Regelsystemen anpassten und Tanzstunden, Tanzabende und Bars besuchten.

Die kirchlichen Feiertage sowie Neujahr und Silvester beging man in der DDR traditionell. Zwar wurden sie offiziell zu weltlichen Festtagen umgedeutet, doch große Teile der Bevölkerung gehörten in den 50er Jahren auch in der DDR der evangelischen und katholischen Kirche an und begingen solche Feiertage nach christlicher Tradition. Die Ersatzrituale des sozialistischen Staates zu Taufe oder Hochzeit wurden von der Bevölkerung nicht wie gewünscht angenommen, wenn auch die Anzahl der kirchlichen Familienfeste zurückging. Am deutlichsten zeigte sich der Einfluss der Partei allerdings bei der Jugendweihe, die eine Konfirmation ersetzen sollte, und für die sich Jahr für Jahr mehr Jugendliche aufgrund eines immensen öffentlichen und sozialen Druckes entschieden.

Mitte der 50er begann die Staatsführung außerdem das Folkloristische zu verdrängen, das zu sehr auf die vergangene Zeit und kleinbürgerliche Vergnüglichkeit gerichtet war. In der heißen Phase des Kalten Krieges wurde eine sozialistische Nationalkultur und die Traditionen der Arbeiterbewegung zum wichtigsten Bezugspunkt bei Volksfesten. Allein die Erntebräuche wurden wiederbelebt sowie weitere Feierlichkeiten zu Ehren landwirtschaftlicher und industrieller Arbeitsleistung geschaffen. Ganz im Sinne des Arbeiter- und Bauernstaates wurden durch Ehrentage Berufsgruppen gewürdigt und Leistungen ausgezeichnet.

In den 1960er Jahren wurde die Repräsentationskultur des sozialistischen Staates durch seine Feier- und Gedenktage noch ausgebaut. Eine monumentale Festästhetik mit Demonstrationszügen, Fahnen, Winkelementen, Aufmärschen vor Ehrentribünen und Personenkult hatte sich durchgesetzt und ritualisierte Staatsfeiertage waren geschaffen. Die Kulturrevolution beinhaltete nun eine aktivere Rolle der Arbeiterklasse als Teil des geistig-kulturellen Lebens. Bereits 1959 wurden die ersten Arbeiterfestspiele abgehalten. Während die staatlichen Jubiläen und Jahrestage an Bedeutung gewannen, wurden die kirchlichen Feiertage teilweise abgeschafft. Die 5 Tage-Woche bedeutete den Verlust diverser arbeitsfreier Feiertage zugunsten eines verlängerten Wochenendes. Der Wunsch nach Erholung und Geselligkeit ließ jedoch den Unmut über den Verlust schwinden und stimulierte die massenhafte „Lust auf Feste“.

In den 70er Jahren war der Festtagskalender der DDR prall gefüllt. Verschiedenste Festspiele lösten regionale und lokale Traditionsfeste ab. Eine erneute Folklorisierung der Feierlichkeiten griff um sich, die sich aus Honeckers Kurskorrektur 1971 ergab. Eine neue gesellschaftliche Identität sollte aufgebaut werden, die eine endgültige Festigung einer sozialistischen (DDR-)deutschen Nation vorsah. Nationalstolz, der mit Tradition, Geschichte und nationalem Erbe verknüpft war, führte zu einem neuen Stellenwert für die Volkskultur sowie zu einer Besinnung auf Heimat, ländliche und regionale Traditionen oder Bräuche, die eine besondere Geborgenheit innerhalb der geschlossenen Gesellschaft schuf, die sich jedoch im privaten Bereich nicht gleichermaßen durchsetzte. Die „Überorganisation ritualisierter Lebensstationen“ wie etwa Einschulung, Aufnahme als Jungpionier, Fest der Volljährigkeit oder Beginn der Facharbeiterlehre wurden im wirklichen Leben nicht mitgetragen. Lediglich Feiern, die das Öffentliche und Private miteinander verbanden, fanden breiten Zuspruch.

In den 80er Jahren wurde die standesamtliche Eheschließung zur Hauptform der Hochzeit. Kirchliche Bräuche wurden einfach in das weltliche Zeremoniell übernommen, wie etwa der Ringtausch oder Blumen streuende Kinder. Für die 80er ist des Weiteren bei Eheschließungen und anderen Festlichkeiten eine Pluralisierung der Festkultur festzustellen. Junge Menschen entschieden unabhängig von bisher gängigen Normen und Ritualen, wie ihre Feierlichkeit aussehen sollte. Doch nicht nur generationenspezifische Unterschiede sondern auch soziale und politische wurden im letzten Jahrzehnt der DDR sichtbar. Zwischen der gezielten Herausbildung einer sozialistischen Festkultur und der kulturellen Praxis bestand eine Kluft. Staatliche Förderung, aber auch Zensur und Verbot konnten diese Entwicklung nicht aufhalten. Die Folklorepflege hatte gerade Subkulturen Raum geboten, die dann innerhalb des staatlichen Rahmens eine eigene Dynamik entwickelt hatten, die sich wohl am stärksten in den letzten Jahren der SED-Diktatur zeigt. Die Bürgerrechtler eigneten sich die politische Festkultur, wie etwa der Gedenktag für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1988, an und brachen die starren Rituale auf.

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-U1007-0009 / Wolfgang Kluge


 

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