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Jugendkultur in beiden deutschen Staaten

Kaspar Maase betrachtet in seinem Aufsatz die Jugendkulturen in Ost und West in den 60er und 70er Jahren und ihren Einfluss auf einen mentalen Wandel. Dabei geht er zwar davon aus, dass in beiden deutschen Staaten ganz unterschiedliche Bedingungen vorlagen, dass jedoch in der deutschen Kulturgeschichte dennoch klare gemeinsame Linien, wie etwa der Aufstieg der kommerziellen Populärkünste im 20. Jahrhundert, zu erkennen sind.
von Elke Sieber (07.04.2016)

Kaspar Maase: Körper, Konsum, Genuss – Jugendkultur und mentaler Wandel, in: APuZ 45/2003, S. 9-16.

Kaspar Maase betrachtet in seinem Aufsatz die Jugendkulturen in Ost und West in den 60er und 70er Jahren und ihren Einfluss auf einen mentalen Wandel. Dabei geht er zwar davon aus, dass in beiden deutschen Staaten ganz unterschiedliche Bedingungen vorlagen, dass jedoch in der deutschen Kulturgeschichte dennoch klare gemeinsame Linien, wie etwa der Aufstieg der kommerziellen Populärkünste im 20. Jahrhundert, zu erkennen sind.

Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Populärkultur durch und drängte die Hochkultur an den Rand. Auch der Nachwuchs der Bildungsschicht begann sich die neuen populären Vergnügungen anzueignen und sich zur Massenkultur zu bekennen, die die Eltern noch bekämpften. Es bestanden somit systemübergreifende Modernisierungsbestrebungen, mit denen beide deutschen Gesellschaften umzugehen hatten.

Sein erstes Kapitel fasst Maase unter den Begriff „Gammler und Halbstarke“. Er beschreibt eine illegale Kundgebung in Leipzig vom 31. Oktober 1965 zum Auftrittsverbot von über 50 Amateurbeatgruppen. Beatgruppen würden sich unsittlich artikulieren und bewegen, war die Begründung. Die Demonstration wurde letztlich durch die Volkspolizei gewaltsam beendet, welche die als Gammler bezeichneten Demonstranten niederknüppelten und ihre Haare kurzschoren. Auch im Westen empörten sich viele über diese „Gammler“, die Beatmusik hörten und durch ihre Frisuren und Kleidung gegen Konventionen verstießen. In Westdeutschland forderte man ebenfalls ein hartes Vorgehen gegen die Abtrünnigen der Gesellschaft. Maase führt diese „Gammler“-Bewegung auf die Entstehung der Subkultur der „Halbstarken“ um 1956 bis 1960 zurück, die sich aus der Liebe zum Rock ´n´ Roll entwickelte. Bereits diese Minderheit aus dem jungen Arbeitermilieu brach mit überkommenen Werten und Verhaltensmustern, jegliche Normen von Maßhalten und Selbstkontrolle wurden aufgekündigt. Sie wurden zum „Bürgerschreck Nr. 1“ in Ost und West. In der DDR traten die Halbstarken nicht ganz so deutlich in Erscheinung, sicherlich aus dem Grund, dass sie öffentlich gebrandmarkt, unter Druck gesetzt und zu Verbrechern erklärt wurden, und denen, so der DDR-Innenminister, eine „anständige Tracht Prügel“ bekommen würde.

Im Kapitel Teenager, Beatfans, bewegte Studenten greift der Autor auf, dass im Westen schnell das kommerzielle Interesse für diese „Teenager“ geweckt wurde, die bereit waren, Musik, Filme, Kleidung und Getränke zu kaufen, die ihren Idealen entsprachen. Die Halbstarken gingen in der breiteren Masse der Teenager auf, die weniger provokativ waren und dadurch größere Teile der Jugendlichen ansprachen. Jungsein wurde zum Ausdruck von Freiheit und gelebtem Vergnügen nicht zuletzt mittels Konsum. Im Westen wurde das Potential dieser neuen „amerikanisierten“ Jugendstile erkannt, die nicht nur mit dem Massenwohlstand einherging, sondern auch die Überlegenheit des westlichen Lebensstandards im Kalten Krieg auszudrücken vermochte.

Die Bundesrepublik pflegte fortan einen integrierenden und toleranten Umgang mit der sich verändernden Jugend, während die DDR die Normenverletzungen und Ausschweifungen der Jugendlichen als feindliche Aktivitäten bekämpfte. Dennoch merkt Maase an, dass große Teile der westdeutschen Bevölkerung weiterhin auf die „Pilzköpfe“, Gammler und Hippies mit Argwohn reagierte, insbesondere in den Zeiten der Wirtschaftskrise von 1966, die eine Suche nach Halt und Sicherheit bei den Bürgern auslöste.

Ferner wurde den jugendlichen Subkulturen Faulheit und Bildungsferne nachgesagt. Nach und nach erfasste die neue Jugendkultur jedoch insbesondere Oberschüler und Studenten. Gerade der Wertewandel der Studenten sollte für die Bundesrepublik folgenreich sein. Junge Intellektuelle empfanden die populären Künste als progressiv, demokratisch und befreiend. Beat- und Rockmusik avancierten zum Ausdruck einer gesellschaftskritischen Haltung. Es entstand eine „Kultur der Lust“, die verausgabendes Tanzen ebenso einschloss wie befreiende Erfahrungen von Sexualität. Die „gebildete“ und „ungebildete“ Jugend war kulturell nicht mehr zu trennen.

In seinem Kapitel Hebungsprogramm und „dekadente Lebensweise“ wirft der Autor nun einen Blick auf die Entwicklung in der DDR. Er erklärt, dass die Jugendkultur der DDR von den Kurswechseln der SED und staatlichen Vorgaben stark beeinflusst wurde, wenn auch eine abgrenzende Haltung sich immer stärker ausbildete. Beat und Rock waren auch hier die zentralen Ausdrucksformen der Jugend, Schlager verloren immer mehr ihren Einfluss. Die neuen Möglichkeiten durch mehr Freizeit und größere Kaufkraft ließen Jugendliche bessere Freizeitmöglichkeiten fordern. Die SED hatte eine sozialistische Antwort darauf zu liefern.

Diese Antwort fand sich im „kulturellen Hebungsprogramm“, das zwar in einer aufklärerisch-volkserzieherischen Tradition der kommunistischen Parteien stand, jedoch auf einen Gegenentwurf zur westlichen Entwicklung reduziert wurde. Dies bedeutete die Verneinung der amerikanisierten Lebensstile, der Massenkultur und kommerzieller Freizeitgestaltung. Das Ziel der Umerziehungsbestrebungen war eine Hinwendung zu traditionellen Werten der Hochkultur, zur Arbeit als Mittelpunkt der Persönlichkeitsentwicklung und zu proletarischen Kulturmustern. Jegliche abweichende Jugendkultur wurde zum Ausdruck einer Unterwanderung durch den Klassengegner. In der Ablehnung der westlichen Jugendkultur war sich die SED mit einem Großteil der Bevölkerung einig. Doch die Jugend kämpfte für ihr neues Lebensmodell, hörte auch nach der Abriegelung zum Westen weiter westliche Musik und kleidete sich nach der Mode der Beat- und Rockgruppen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass dies gleichzusetzen wäre mit einer Vereinnahmung durch die westliche Kultur oder eine Opposition zum Sozialismus oder zur DDR.

Bereits ab 1963 setzte die SED auf mehr Toleranz gegenüber den Jugendlichen. Beim Deutschlandtreffen der FDJ 1964 erhielten Beat und Twist bereits einen offiziellen Raum, das Jugendradio DT 64 ging auf Sendung. Doch dann lief die Entwicklung für die SED aus dem Ruder, Beatmusik wurde erneut verpönt, nach der Beat-Demonstration erfolgte eine Eiszeit. Zumindest offiziell, denn unter dem Druck der Jugendlichen kursierten weiterhin Mitschnitte und Kopien der einschlägigen Musik auf Tonband. Diesem musste auch der Staat letztendlich nachgeben und lockerte Ende der 60er/Anfang der 70er die Reglementierungen. Mit Honecker etablierte sich eine vielfältige Musikszene und die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik brachte für die Jugendlichen ein breiteres Spektrum an Freizeitangeboten. 60 Prozent der öffentlich gespielten Musik musste allerdings weiterhin aus dem Sozialismus kommen. Die internationalen Musik-, Mode- und Verhaltensstile bildeten aber fortan trotz einer verbreiteten Unzufriedenheit nach Maase den Rahmen für die Sehnsüchte und die Selbstdarstellung der Jugendlichen. Während sich aber darauf aufbauend eine DDR-spezifische Jugendkultur mit eigenen Modetrends und einer breiten Laienbandbewegung entwickelte.

Zusammenfassend konstatiert er für beide deutschen Staaten eine heiße Phase des Mentalitätswandels und seiner Konfrontation in den 60er Jahren. Der Wandel wurde jedoch im Westen schneller sichtbar als in der DDR, wo die Wirkung häufig von der Öffentlichkeit abgeschnitten wurde. Auch mit den Lockerungen der 70er Jahre blieb ein Misstrauen sowie Überwachung und Zensur bestehen, was eine Integration der Jugend oder gar deren Motivation für den Sozialismus verhinderte.

In beiden deutschen Staaten war die neue Jugendkultur ein Aufbegehren gegen Eltern, Lehrer und Arbeitgeber. Erst deren Widerstand und Abstempelung der Subkultur zur Antikultur ermöglichten den Siegeszug der Populärkultur und ein Zusammenwachsen der Jugendlichen. Zwar entwickelten sich innerhalb der Jugendkultur unterschiedliche Stile, doch die klassen- und schichtenübergreifenden gemeinsamen Linien sind unübersehbar.

 

Maase ist hier ein interessanter Einblick in die deutsche Kulturgeschichte gelungen. Einmal mehr ist unverkennbar, dass Ost und West sich zwar selbständig entwickelten, aber Einfluss aufeinander ausübten. Und dies trotz offizieller Abschottung von Seiten der DDR. Wer mehr zu diesem Thema erfahren möchte, dem sei zu diesem Aufsatz geraten, der noch viel mehr Aspekte des Mentalitätswandels behandelt und dennoch kurzweilig zu lesen ist.

 

(Bild: By Bin im Garten (Own work) CC BY-SA 3.0.)


 

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