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Günther Heydemann: Gesellschaft und Alltag in der DDR

In seinem Aufsatz betrachtet er den Einfluss von Wirtschaft und Politik auf das Alltagsleben der DDR-Bürger und stellt die These auf, dass zwar ein Rückzug ins Private erfolgte, jedoch das Alltagsleben eng mit staatlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten verwoben war. von Elke Sieber (29.09.2016)

Günther Heydemann: Gesellschaft und Alltag in der DDR, 04.04.2002, http://www.bpb.de/izpb/9766/gesellschaft-und-alltag-in-der-ddr?p=all, abgerufen am 28.09.2016.

Günther Heydemann ist Historiker und Professor für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Leipzig sowie Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Zeitgeschichte, dem Vergleich von Diktaturen und dem Transformationsprozess der Neuen Bundesländer.

In seinem Aufsatz betrachtet er den Einfluss von Wirtschaft und Politik auf das Alltagsleben der DDR-Bürger und stellt die These auf, dass zwar ein Rückzug ins Private erfolgte, jedoch das Alltagsleben eng mit staatlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten verwoben war. Dies lag zu einem großen Teil daran, dass die Partei mittels der modernen Medien, Bildungseinrichtungen und Massenorganisationen deutlich machte, die „einzig wahre“ Weltanschauung zu vertreten und deshalb über die alleinige Entscheidungskompetenz zu verfügen. Wenn es nötig wurde, war die Partei bereit die Akzeptanz dieser Ideologie auch zu erzwingen, eine (Um-)Erziehung aller DDR-Bürger wurde angestrebt. Dieser Anspruch auf eine politisch-ideologische Deutungshoheit wirkte bis in das Privatleben hinein.

Zu Beginn weist er darauf hin, dass natürlich auch in der DDR das Geschlecht, das Alter, der Gesundheitszustand sowie die intellektuellen und praktischen Fähigkeiten das Leben und Arbeiten der DDR-Bürger in der Honecker Ära mitbestimmten. Doch täglich erlebten die Bürger, dass auch die ideologische Unterordnung von ihnen erwartet wurde. Eine „Doppelzüngigkeit“ entwickelte sich, die bedeutete die „(Leer-)Formeln“ der Partei nachzubeten, um weder berufliche noch soziale Nachteile zu erfahren. Doch auch eine aktive Teilnahme oder Verweigerung einer Minderheit war vorhanden.

Wirtschaftliche Einflüsse

Als weiteren Prägungsfaktor der Menschen, der die Grenzen von Politik, Wirtschaft und Privatleben verschwimmen ließ, nennt Heydemann die spezifischen Strukturen und Organisationsformen der sozialistischen Wirtschaft. Die Arbeit im Betrieb war das Zentrum des Lebens. Der Betrieb war Versorgungs-, Bildungs- und sozialer Ort, wo man enge Beziehungen zu Kollegen aufbaute und im Kollektiv persönliche und Arbeitskonflikte austrug. Auch in der Propaganda erfuhr die menschliche Arbeit eine hohe Wertschätzung. Hinzu kam die gesellschaftspolitische Bedeutung des Arbeitens. Über Löhne und Gehälter sollten neben der Wohnraumverteilung die Klassenunterschiede beseitigt werden, sodass ganz unterschiedliche Arbeiten auch eine ähnliche finanzielle Wertschätzung genossen.

Obwohl die SED versuchte die Gesellschaft zu „durchherrschen“ und ihr das auch durch ein weit verzweigtes Bespitzelungsnetzwerk teilweise gelang, versuchten sich die Menschen dem allgegenwärtigen politisch-ideologischen Anspruch, wo es möglich war, zu entziehen. Dennoch war das Leben in der DDR stark vom Herrschafts- und Wirtschaftssystem der sozialistischen DDR geprägt.

Immer wieder klafften jedoch die zwei Welten der sozialistischen Ideologie und Propaganda einerseits und der DDR-Realität andererseits weit auseinander, wodurch eine gänzliche Erziehung der Bürger zu überzeugten Sozialisten mit scheitern musste. Im Arbeitsprozess fehlte es immer wieder an Produktionsmaterialien, Ersatzteilen und neuen Maschinen. In der Kaufhalle mangelte es an Produkten, wodurch die prekäre Versorgungslage durch die Planwirtschaft den Menschen immer wieder vor Augen geführt wurde. Währenddessen gab es in den Intershops und über Genex Westwaren, die zu jeder Zeit, wenn auch zu überteuerten Preisen, zu haben waren, wenn man westliche Devisen hatte. Die Frustration über diese Situation machten die Bürger über Eingaben an die Behörden oder Honecker direkt deutlich.

Sozialpolitische Einflüsse

Doch nicht nur Konsumgüter waren knapp, sondern auch Wohnraum. Die Altbauten befanden sich in desolatem Zustand und wurden in einer Vielzahl bis in die 80er Jahre nahezu unbewohnbar. Auch das Wohnungsbauprogramm konnte die Wohnraumknappheit nicht beseitigen. Ein weiterer Aspekt, der sich direkt auf den Alltag und das Leben der DDR-Bürger auswirkte.

Sogar auf die Freizeit und die Urlaubsmöglichkeiten seiner Bürger wirkte der Staat ein. Zwar durchaus auch in positivem Sinne durch allgemeine Senkung der Arbeitszeit und die Einführung des arbeitsfreien Wochenendes oder der Erhöhung des Mindesturlaubs, doch gleichzeitig wurden fast drei Viertel der Ferienplätze durch den Staat und die Betriebe vergeben. Reisen war zum Großteil nur innerhalb der Ostblockstaaten möglich. Außerdem führt Heydemann die Datschenkultur und den Rückzug in den Schrebergarten zudem auf die staatliche Bevormundung, Einflussnahme und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zurück.

Darüber hinaus spricht der Autor die Stellung der Frau in der Gesellschaft der DDR an. Auch hier hatte zwar die Gleichberechtigungspolitik den Effekt, dass die DDR die höchste Frauenbeschäftigungsquote weltweit aufwies, doch die alten Rollenbilder hatten sich in der Familie trotzdem nicht gewandelt. Somit waren Frauen der Mehrfachbelastung von Beruf, Haushalt und Kindererziehung ausgesetzt und zudem häufig in schlechter bezahlten Berufen tätig.

Bildungspolitische Einflüsse

Zentralen Einfluss übte die Partei des Weiteren bereits auf Kleinkinder aus, die sie versuchte in den Krippen, Kindergärten sowie später in der Schule und den Massenorganisationen zu erziehen. Wer von den sozialistischen Tugenden abwich, bekam dies oftmals über Diffamierung und Nachteile im persönlichen Werdegang zu spüren. Dass diese Erziehungsmaßnahmen allerdings nicht gänzlich fruchteten, zeigt sich in dem großen und begründeten staatlichen Misstrauen gegenüber der Jugend, deren Entfaltung enge Grenzen gesetzt wurden.

Staatliche Kontrolle

Doch das Bedürfnis nach umfassender Kontrolle hatte der Staat nicht nur gegenüber der Jugend. Das Ministerium für Staatssicherheit stockte sein Personal erheblich auf und ließ die Bevölkerung auch durch Inoffizielle Mitarbeiter flächendeckend und präventiv überwachen. Für das soziale Leben bedeutete diese Allgegenwart der Stasi eine dauerhafte Verunsicherung. Man musste sich stets überlegen, was man offen sagen konnte und wem.

Zusammenfassend schließt Heydemann, dass die propagierte Überlegenheit des sozialistischen Systems gegenüber dem „Westen“ der Realität nicht standhielt. Die Lebenswelt der Menschen in der DDR war eine andere als die, die von der sozialistischen Ideologie gezeichnet wurde. Ferner war der Alltag immer ein politischer, der von der Partei, Wirtschaft und den diversen Normen, Institutionen und Massenorganisationen beeinflusst war.

Diesem Urteil muss man sich anschließen, wenn man die Beispiele und Belege, die Heydemann heranzieht, betrachtet, und von denen er deutlich macht, dass sie keine Einzelfälle sind. Der Aufsatz wirft damit die alte Diskussion nach der DDR als Nischengesellschaft auf und strebt an diesen, wenn auch nicht zu verwerfen, so doch zu relativieren.

Bild: By Felix O [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons.


 

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