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Gerhard Weigt: Ein ungewöhnlicher Sommer in der DDR

Gerhard Weigt war Gründungsmitglied der Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“ und Mitinitiator des Zentralen Runden Tisches sowie Mitautor des Verfassungsentwurfs des Runden Tisches. von Elke Sieber (08.06.2016)

Gerhard Weigt: Ein ungewöhnlicher Sommer in der DDR. Die stille Revolution im Vorfeld der friedlichen Revolution des Herbstes 1989, in: DA, 19.5.2016, Link: www.bpb.de/227738.

Gerhard Weigt war Gründungsmitglied der Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“ und Mitinitiator des Zentralen Runden Tisches sowie Mitautor des Verfassungsentwurfs des Runden Tisches. Der studierte Physiker hat seine Erinnerungen an die Bürgerbewegung und das Wachsen der Bürgerbewegung im Vorfeld von 1989 in dem Buch „Demokratie jetzt – Der schwierige Weg zur deutschen Einheit“ festgehalten, das im Deutschland Archiv in Ausschnitten und leicht abgewandelt veröffentlicht wurde.

Der Autor beschreibt zu Beginn, dass schon vor dem Synodalantrag „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ im April 1987 und dem ersten Zusammenschluss der Akteure von „Demokratie Jetzt“, sich die diese bereits in unterschiedlichen Gruppierungen gegen das totalitäre System der DDR einsetzten. Mit dem Synodalantrag, so räumt Weigt ein, wäre jedoch die Fundamentalkritik aus dem kirchlichen Raum heraus öffentlich geworden. Die Dynamik ließ sich fortan nicht mehr aufhalten und endete im Mauerfall und einer neuen europäischen Ordnung.

Insbesondere auch von außen wirkten Geschehnisse ein, die die Opposition in der DDR zwangen sich zu emanzipieren und politische Verantwortung zu übernehmen. So existierten auch in den anderen Ostblockländern stärker werdende Oppositionsgruppen. Durch die besondere geografische und damit politische Lage der DDR an der Grenze zum Westen bekam der Opposition eine besondere Bedeutung zu. Zwar gesteht Weigt ein, dass die kirchlichen Gruppen in der Bevölkerung zunächst wenig verankert waren, dennoch geht er von ihrer Schlüsselrolle für die „Revolution“ aus.

Der Initiativkreis des Synodalantrags deckte am 7. Mai 1989 den Wahlbetrug bei den Berliner Kommunalwahlen auf, der deutlich zeigte, dass die Nein-Stimmen gegen die Einheitsliste der Nationalen Front zahlenmäßig weit höher lagen, als die von der Wahlkommission angegebene Auszählung. Die SED jedoch vermutete hinter der Aktion der Opposition ein Vorgehen der westlichen Feinde gegen die DDR. Da die staatlichen Stellen voraussichtlich weder verhandlungsbereit waren noch ein Protest ihnen gegenüber sinnvoll erschien, wandte sich die Initiativgruppe an die Kirche und forderte sie auf, das Gespräch mit dem Staat zu suchen und Gesprächsrunden einzufordern. Der SED war das Schreiben an die kirchlichen Stellen wohlbekannt, auch die deutliche Ansage, dass man sich einen derartigen Wahlbetrug nicht noch einmal gefallen lassen werde. Die Opposition hoffte nun auf Zugeständnisse. Durch das Massaker in Peking und die Reaktion der DDR-Führung darauf, veränderte sich die Stimmung der Opposition allerdings wieder.

Viele wollten nun einfach nur weg, andere begannen neu über ihre Zukunft in der DDR nachzudenken. Die Opposition musste sich neu formieren. In Ungarn öffnete sich währenddessen die Grenze zum Westen. Viele DDR-Bürger fuhren im Frühsommer nach Ungarn, wo der Regierungschef Grosz eine „Wende“ vorbereitete. Einige durchbrachen erfolgreich die Grenze zu Österreich und kehrten dem Sozialismus den Rücken. Andere besetzten die Botschaften in Warschau, Prag und Budapest. Beides destabilisierte die DDR erneut.

Nach dem Autor war eine Veranstaltung der Initiativgruppe am 13.8.1989 ein weiterer Schritt der Politisierung und Stärkung der Opposition. In der Treptower Bekenntniskirche wurde vor einer überfüllten Kirche ein politisches „Sonntagsgespräch“ abgehalten. Der Aufruf war klar: „Deshalb ist es an der Zeit, eine oppositionelle Sammlungsbewegung zur demokratischen Erneuerung ins Leben zu rufen.“ Es ging der Initiativgruppe auch darum zu verdeutlichen, dass der Blick nicht in den Westen gerichtet sein sollte, sondern eine demokratische Erneuerung der DDR angestrebt sein sollte. Einen Protestmarsch der Ausreisewilligen zur Mauer nach dem Sonntagsgespräch konnte von den Organisatoren abgewendet werden. Das Zeichen, dass die Opposition sich nun wieder laut zu Wort meldet, wurde dennoch deutlich gesetzt.

Die Initiatoren der Veranstaltung hatten nun die Staatssicherheit im Nacken, die turbulenten Ereignisse des Spätsommers verhinderten jedoch weitere Konsequenzen. Nach dem Aufruf zur Sammlung der Opposition wurde ein zweites Papier verfasst, das diesmal die Ziele dieser benennen sollte. Es wurde zum Gründungspapier der Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“.

Hatte sich auch an den Grundzielen seit 1987 kaum etwas geändert, so wollte die Bürgerbewegung nun nicht mehr die Kirche ins Boot holen sondern insbesondere die Bürger der DDR. Nicht mehr nur ein Runder Tisch wurde als Möglichkeit des Dialogs gesehen, sondern ebenfalls friedliche Demonstrationen.

Doch auch der Runde Tisch sollte nach dem Mauerfall kommen, eine Kontaktgruppe der Opposition verfolgte dieses Ziel über ein halbes Jahr. Offiziell hatte nur die Altpartei LDPD die Einladung angenommen. Doch der Druck auf die SED war groß genug, sodass auch sie sich der Einladung nicht widersetzen konnte. Mit diesem Runden Tisch wurde ihr Herrschaftsanspruch bereits stark beschnitten, durch die Volkskammerwahlen am 18. März 1990 dann gänzlich genommen.

Der Aufsatz von Weigt liest sich ein wenig wie eine Erfolgsgeschichte der Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“. Leider, denn dabei werden andere Oppositionsgruppen und Kritiker und ihr Einwirken auf die Geschehnisse nicht bedacht. Des Weiteren wäre gerade von einem „Insider“ eine kritische Beleuchtung der oppositionellen Arbeit interessant gewesen. In Ansätzen stellt Weigt die Diskussionen innerhalb der Bewegung dar, doch welche Meinungskonflikte es tatsächlich gab, bleibt unklar. Jedoch handelt es sich hier auch nur um Ausschnitte aus seinem Buch, die Fragen offen lassen, die das Gesamtwerk vielleicht zu beantworten vermag.

Bild: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig

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