Für Sie gelesen: Den „neuen Menschen“ schaffen. Die ideologische Grundlage der kommunistischen Herrschaft

Tilman Mayer: Den „neuen Menschen“ schaffen. Die ideologische Grundlage der kommunistischen Herrschaft, in: Schöner Schein und Wirklichkeit. Die SED-Diktatur zwischen Repression, Anpassung und Widerstand, hrsg. v. Andreas H. Apelt/Robert Grünbaum/Martin Gutzeit, Berlin 2013., S. 53-64.
von Elke Sieber (14.01.2016)

Tilman Mayer: Den „neuen Menschen“ schaffen. Die ideologische Grundlage der kommunistischen Herrschaft, in: Schöner Schein und Wirklichkeit. Die SED-Diktatur zwischen Repression, Anpassung und Widerstand, hrsg. v. Andreas H. Apelt/Robert Grünbaum/Martin Gutzeit, Berlin 2013., S. 53-64.

Tilman Mayer beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit den Grundpfeilern der kommunistischen Ideologie und ihrer Umsetzung durch die kommunistischen Machtapparate seit 1917. Dabei steht vor allem der Mensch und wie er nach kommunistischen Vorgaben leben und arbeiten sollte im Mittelpunkt.

Zu Beginn umreißt Mayer, was unter der kommunistischen Ideologie zu verstehen ist. Er beschreibt das Fernziel des Kommunismus als eine klassenlose Gesellschaft sowie in einer Verneinung von Religion, Bürgerlichkeit und Liberalismus. Den Weg dorthin sollte die Diktatur des Proletariats ebnen, das fähig sein würde, diese Zustände herbeizuzwingen. Das Geschichtsbild der kommunistischen Utopie ist äußerst dogmatisch: Es wird davon ausgegangen, dass eine Entwicklung hin zum Kommunismus von Klassenkämpfen geprägt ist, an deren Ende sich die kommunistische Gesellschaft bildet. Um diesen Weg zu beschleunigen, so die Idee, wird eine revolutionäre Vorhut gebraucht. Dies kann beispielsweise in Form einer kommunistischen Partei sein, die den Systemwechsel durch Revolution vorantreibt, die dann auf die Bevölkerung überschwappt. Dabei wird persönlicher Besitz in Frage gestellt, das Privateigentum an Produktionsmitteln vollständig aufgelöst. In der Praxis sollte der auf die Revolution folgende Sozialismus als Vorstufe den Weg für die Utopie ebnen.

Nach dieser Einführung befasst sich Mayer mit dem Menschenbild des Kommunismus. Grundsätzlich, sagt er, sei es egalitär angelegt, dennoch sollte sich gegen die elitäre Führungsriege nicht aufgelehnt werden. So leitet er über auf die Zeit des Stalinismus, da die SED selbst ein Kind Stalins sei. Er bezeichnet die Diktatur Stalins als ultratotalitär, die jede Abweichung mit massiven Repressionen strafte sowie den Staat strikt zentralistisch durch die Staatspartei steuerte. Auch politische Säuberungen gehörten zur Herrschaftspraxis. Der Leninismus wurde radikalisiert und führte zu deutlichem zivilisatorischem und gesellschaftlichem Rückschritt hinter bürgerliche Errungenschaften selbst in der Zeit nach der absolutistischen Epoche.

Der Personenkult um Stalin blieb nicht ohne Wirkung, in der Sowjetunion und auch im Ausland begannen sich viele mit dem Staat und den Modernisierungsverfahren des „gottähnlichen Führers“ zu identifizieren. Die SED entstand in der Spätphase des Stalinismus. So wurde noch nach Stalins Tod durch das SED-Regime eine zwar im Vergleich zu Stalin abgeschwächte, aber dennoch denselben Grundmustern folgende, totalitäre Regierung hin zum siegreichen Sozialismus vertreten. In diesem Kontext steht für Mayer auch die allseitige Entwicklung zu einem sozialistischen (neuen) Menschen in den kommunistischen Staaten.

Der Begriff des “neuen Menschen“ findet sich bereits in Bibelstellen. Dem hätten Marx und Engels nun ein neues Menschenbild entgegensetzen wollen, dessen Entstehung den Himmel bereits auf Erden verspräche. Der neue Mensch stellt dabei eine höhere Entwicklungsstufe als der bürgerliche, kapitalistische Mensch dar.  Der sozialistische Mensch sollte hierbei eine Art Übermensch sein, der seine Fähigkeiten perfektioniert und Laster ausgemerzt hat. Des Weiteren zeichnet er sich dadurch aus, dass jegliche biologische Triebe und Unterbewusstsein von ihm enttarnt und kontrolliert sein sollen.

Mayer reflektiert kritisch, dass die Idee des neuen Menschen sowohl eine Art „sozialistischer Verblendungszusammenhang“ darstellt, der bei manchen Teilen der Bevölkerung fruchtete, als auch anderseits zu Indoktrinationsmaßnahmen führte, die gewaltsam, schonungslos und menschenverachtend durchgesetzt wurden, so etwa im geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau.

Auch einen Vergleich zur NS-Ideologie und zu anderen kommunistischen Regimen scheut der Autor hierbei nicht, begründet diese Perspektive ausführlich  und kommt zu dem Ergebnis, dass die kommunistischen Hardliner durchaus bereit waren über Leichenberge unpassender und widerständiger Menschen zu gehen, um den „neuen Menschen“ zu erzwingen. Er spricht hier ein besonderes Phänomen an, eine Art von Doppelmoral. Die kommunistischen Idealisten glaubten an eine Überhöhung des neuen Menschen, besaßen große Hoffnung und Opferbereitschaft und gleichzeitig wurden reale Verbrechen, Terror und Gewalt ignoriert oder verdrängt.

Nach dieser Einschätzung schlägt er eine Brücke zur heutigen Zeit. Doch bilden Sie sich selbst ein Urteil. Schöner Schein und Wirklichkeit erhalten Sie über den Metropolverlag sowie online für 19,00 EUR.

 

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-57163-0001

 

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