Für Sie gelesen: 1989- eine Zäsur von globaler Reichweite?

Siebold, Angela: 1989- eine Zäsur von globaler Reichweite?, in APuZ 2014, http://www.bpb.de/apuz/185592/1989-eine-zaesur-von-globaler-reichweite?p=all , abgerufen am 29.09.2015.
von Elke Sieber (01.10.2015)

Siebold, Angela: 1989- eine Zäsur von globaler Reichweite?, in APuZ 2014, http://www.bpb.de/apuz/185592/1989-eine-zaesur-von-globaler-reichweite?p=all , abgerufen am 29.09.2015.

Angela Siebold betrachtet das Umbruchsjahr 1989 aus globaler Perspektive und nimmt sich der Frage an, ob man hier von einer weltweiten Zäsur sprechen kann. Historiker wie Francis Fukuyama haben versucht dieser Einschnitt einen sinnstiftenden Namen zu geben, wie zu Beispiel „Das Ende der Geschichte“.

Solche Deutungen erkennen 1989 als historisch relevante Zäsur an und beziehen sich dabei hauptsächlich auf den politikgeschichtlichen Einschnitt auf dem europäischen Kontinent, den das Ende des Kalten Krieges mit sich brachte. Siebold hält diese Betrachtung jedoch für räumlich wie thematisch reduziert. Aber auch sie merkt an, dass es bei einer globalen Zäsur nicht darum geht, sie allein mit einer möglichst viele Teile der Welt betreffende Veränderung zu begründen oder einer nachholenden Modernisierung nach den westlichen Maßstäben zu verstehen.

Sie fasst 1989 als das Jahr der "Polyvalenz" (Mehrdeutigkeit) zusammen und nennt verschiedene Ereignisse, die diese Uneinheitlichkeit der globalen Entwicklung verdeutlichen. Als Beispiele seien das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking oder Unabhängigkeitserklärungen und Gewaltausbrüche in Afrika genannt.

Sie schließt daraus, dass eine globale, allgemeingültige Beschreibung dieser Entwicklungen als „demokratische Revolution“ oder der Entstehung einer „freien" oder „unipolaren Welt“ verlockend sind, aber auch eine auf Europa beschränkte Perspektive darstellen. Vielmehr führten die Veränderungen in Europa zu einer „chaotic disorder“ der Welt. Diese Unsicherheit belegt sie mit neuen Abgrenzungen zwischen Gesellschaften, insbesondere wirtschaftlicher und kultureller Natur („Clash of Civilizations“).

Darüber hinaussieht Siebold die Zäsur 1989 eher als langen Übergang statt als punktuellen Einschnitt. Ferner verweist Siebold darauf, dass die Zäsur 1989 die globale Entwicklung vor neue Herausforderungen stellt, seien es der Klimawandel oder die kritische Auseinandersetzung mit Demokratie und Marktwirtschaft.

Sie plädiert dafür, globale Phänomene nicht als homogen zu betrachten und nationale Spannungen nicht auszublenden. Auch Abweichungen und nicht beabsichtigte Folgen des Umbruchs sollten berücksichtigt werden. Währenddessen müssten aber auch politische und ökonomische Entwicklungen verstärkt unter dem Aspekt der globalen Vernetzung betrachtet werden. Sie verweist zusätzlich darauf, dass sowohl Kontinuität als auch Wandel nach 1989 zu beobachten sind. Folglich steht die wissenschaftliche Deutung hier noch am Anfang.

(Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0)

 


 

Mehr zum Thema