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„Jahrgang 45“

Der Film „Jahrgang 45“ ist einer der zahlreichen Filme, die Mitte der 60er Jahre von der DEFA produziert wurden, jedoch aufgrund ihrer zum Teil ausgeprägten systemkritischen Ausrichtung dem sogenannten Kahlschlagplenum zum Opfer fielen und aufgrund der bestehenden „Gefährdung für den sozialistischen Staat“ von der Parteiführung als „politisch falsch“ eingestuft und entsprechend verboten wurden. von Maria Bartholomäus (06.10.2016)

Der Film „Jahrgang 45“ ist einer der zahlreichen Filme, die Mitte der 60er Jahre von der DEFA produziert wurden, jedoch aufgrund ihrer zum Teil ausgeprägten systemkritischen Ausrichtung dem sogenannten Kahlschlagplenum zum Opfer fielen und aufgrund der bestehenden „Gefährdung für den sozialistischen Staat“ von der Parteiführung als „politisch falsch“ eingestuft und entsprechend verboten wurden. Das Unternehmen Icestorm hat im November 2015 eine DVD-Box zum Thema „Verbotene Filme in der DDR“ herausgebracht, die in unserem Blog in den nächsten Monaten besprochen werden soll. Eine Rezension zum wohl bekanntesten Film der Reihe, „Spur der Steine“, finden Sie hier.

Die Produktion „Jahrgang 45“ entstand 1966 unter der Regie von Jürgen Böttcher. Die Musik ist von Henry Purcell und Wolf Biermann mit Gesang von Eva-Maria Hagen. Unter den Darstellern sind Monika Hildebrand als Lisa, Rolf Römer als Al und Paul Eichbaum als Mogul.

 

Handlung

Der Film beginnt mit einer intimen Szene zwischen den Hauptfiguren Alfred und Lisa; einem jungen Ehepaar das jedoch kurz vor der Scheidung steht. Die Papiere sind bereits eingereicht, der Termin beim Scheidungsrichter naht in wenigen Tagen. Schon nach wenigen Minuten gelingt es dem Regisseur, den Grund für die Scheidung nachzuvollziehen – die strebsame Hebamme Lisa steht in einem starken Kontrast zu ihrem Noch-Ehemann und Automechaniker Alfred, der wie ein aufmüpfiger 14-Jähriger wirkt und sich mit den Verpflichtungen und Problemen des Erwachsenseins nicht so recht anzufreunden vermag. Sein Großvater kommentiert die gescheiterte Ehe mit den Worten „Die Lisa ist so gut, dass du davon läufst“. Trotz des gegenseitigen Einvernehmens über die Trennung merkt man Al seine Enttäuschung über die beendete Beziehung an: Immer wieder schwankt er zwischen starker Abweisung und liebevoller Zuneigung seiner Noch-Ehefrau gegenüber. Diese hat sich jedoch bereits entschieden abgewendet. Um sich von der Trennung abzulenken sucht Al wieder Anschluss an seine ehemaligen Kumpels, mit denen er in früheren Tagen an Motorrädern bastelte. Er flirtet mit anderen Frauen und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück, obwohl er eigentlich noch Urlaub hat. Auch sein Kaderleiter redet ihm ins Gewissen, wovon sich der junge Mann jedoch auch nicht beeindrucken lässt. Ohne wirkliches Ziel streunert die Gruppe junger Männer durch das immer noch stark zerstörte Ostberlin, fährt auf Motorrädern durch den Prenzlauer Berg oder beobachtet Touristen aus Westdeutschland von den Stufen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt.

Immer wieder laufen sich Al und Li über den Weg, so auch eines Abends beim Tanz. „Du weißt immer nur was du nicht willst, aber nie was du willst. Bei einem richtigen Mann stelle ich mir etwas ganz anderes vor.“ sagt sie zu ihm, als er ihr beim Verlassen des Tanzlokals folgt und erneut Annäherungsversuche startet. Dieses Hin und Her des jungen Paares zieht sich über den gesamten Film hindurch. In der Schlussszene sitzen Alfred und Lisa auf einer Erhebung am Stadtrand und schauen in die Ferne, womit Böttcher dem Zuschauer doch noch einen Hoffnungsschimmer für eine gemeinsame Zukunft des jungen Paares suggeriert.

 

„Heroisierung des Abseitigen“

„Jahrgang 45“ macht es dem Zuschauer nicht leicht, sich in eine bestimmte Genrekategorie einordnen zu lassen. Die Handlung passiert eher beiläufig; der Fokus ist eher auf die Beobachtung der jungen Hauptdarsteller und ihren Beziehungen untereinander. Stellenweise wirkt die Produktion fast schon wie eine Dokumentation oder Milieustudie vom Ostberlin der Nachkriegszeit. Dem Regisseur Böttcher, der eigentlich ausgebildeter Maler ist, wurde von der Partei vorgeworfen mit seinem ersten und einzigen Film „das Abseitige zu heroisieren“. Die unangepasste Hauptfigur Al passte mit seiner Planlosigkeit und seinem lässigen Erscheinungsbild in keinster Weise in das Schema, welches die DDR-Regierung für den Nachwuchs des sozialistischen Staates entwarf. Die Nachlässigkeit, mit der der junge Al den Grundpfeilern der sozialistischen Gesellschaft (z.B. Ehe und Arbeit) entgegen tritt stieß auf heftige Ressentiments und führte dementsprechend dazu, dass das Werk nie in den Kinos der DDR gespielt wurde – die Uraufführung fand in der Wendezeit im Jahr 1990 statt.

Aufgrund der eindrucksvollen Charakterstudie eines jungen Mannes, der seinen Platz im Leben und der Gesellschaft erst noch finden muss, ist der Film dennoch zeitlos und behandelt eine Kernproblematik junger Erwachsener; ganz unabhängig von Herkunft und Jahrgang.

 

Bildquelle: http://assets.cdn.moviepilot.de/

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