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„Der verlorene Engel. Ein Tag im Leben von Ernst Barlach“

Der Film „Der verlorene Engel“ ist einer der zahlreichen Filme, die Mitte der 60er Jahre von der DEFA produziert wurden, jedoch aufgrund ihrer zum Teil ausgeprägten systemkritischen Ausrichtung dem sogenannten Kahlschlagplenum zum Opfer fielen und aufgrund der bestehenden „Gefährdung für den sozialistischen Staat“ von der Parteiführung als „politisch falsch“ eingestuft und entsprechend verboten wurden. Das Unternehmen Icestorm hat im November 2015 eine DVD-Box zum Thema „Verbotene Filme in der DDR“ herausgebracht, die in unserem Blog in den nächsten Monaten besprochen werden soll. Eine Rezension zum wohl bekanntesten Film der Reihe, „Spur der Steine“, finden Sie hier.
von Maria Bartholomäus (17.03.2016)

Der Film „Der verlorene Engel“ ist einer der zahlreichen Filme, die Mitte der 60er Jahre von der DEFA produziert wurden, jedoch aufgrund ihrer zum Teil ausgeprägten systemkritischen Ausrichtung dem sogenannten Kahlschlagplenum zum Opfer fielen und aufgrund der bestehenden „Gefährdung für den sozialistischen Staat“ von der Parteiführung als „politisch falsch“ eingestuft und entsprechend verboten wurden. Das Unternehmen Icestorm hat im November 2015 eine DVD-Box zum Thema „Verbotene Filme in der DDR“ herausgebracht, die in unserem Blog in den nächsten Monaten besprochen werden soll. Eine Rezension zum wohl bekanntesten Film der Reihe, „Spur der Steine“, finden Sie hier.

Die Produktion „Der verlorene Engel“ entstand 1966 unter der Regie von Ralf Kirsten nach der Novelle „Das schlimme Jahr“ von Franz Fühmann. Die Musik ist von Andre Asriel, unter den Darstellern sind Fred Düren als Ernst Barlach, Erika Pelikowsky als Barlach’s Lebensgefährtin Marga Böhmer, Agnes Kraus und Erik S. Klein.

Der Film spielt im Jahr 1937 und thematisiert die Zensur von Kunst und Kultur durch die Nationalsozialisten. Der humanistische Bildhauer, Zeichner, Grafiker und Dramatiker Ernst Barlach (1870 – 1938) ließ sich bewusst nicht durch die Zensur der „Braunen“, wie die Hauptfigur die Nazis bezeichnet, beeinflussen. Seine Werke wurden dementsprechend im Rahmen der „Säuberung von humanistischen Werken“ durch die Nazis als „entartete Kunst“ eingestuft und aus vielen öffentlichen Sammlungen und Ausstellungsorten entfernt und zerstört, darunter auch zahlreiche Mahnmale die der Künstler in Gedenken an die Opfer des 1. Weltkrieges schuf. Im Jahr 1937 wurde Barlach von der Reichskammer der Bildenden Künste mit einem Ausstellungsverbot belegt.

 

Handlung

Der Film beginnt mit Luftaufnahmen der Stadt Güstrow sowie des Doms zu Güstrow, seit 1927 Ausstellungsort der Bronzeskulptur „Der Schwebende“, auf die sich im Titel des Films bezogen wird. Es folgen Aufnahmen von Mahnmalen des Künstlers, die durch die Nationalsozialisten entfernt und zerstört wurden. Es wird gezeigt, wie in einer Nacht- und- Nebel-Aktion die Engel-Skulptur im Dom zu Güstrow durch SA-Männer gewaltsam abgenommen und abtransportiert wird. Übrig bleiben die leeren Metallhaken, an denen die Figur befestigt war. Barlach erfährt von der Aktion durch einen Anruf, den seine Lebensgefährtin entgegen nimmt: „Die Nazis haben den Engel gestohlen!“ entgegnet sie ihm. Der Bildhauer flüchtet sich in den inneren Monolog, indem er beklagt dass seine Kunst nun nicht mehr von Relevanz ist und er immer mehr in seiner künstlerischen Freiheit beschnitten wird: „Undeutsch seid ihr. Opfer rassischer Niederzucht, Geschöpfe eines Kultur-Bolschewisten. [… ] Barlach braucht keiner mehr.“

Der Film zeigt weiterhin Begegnungen des Künstlers mit anderen Menschen, von denen er sich immer mehr zu entfernen scheint. Er empfindet Verachtung für alle, die „den Braunen“ folgen und an den Frieden glauben; Barlach war sich bereits im Jahre 1933 über das Bestehen von Konzentrationslagern und die systematischen Verfolgungen von Minderheiten bewusst. In einer Rückblende in das Jahr 1914, als er sich noch mit dem deutschen Volk identifizierte und es als „sein Volk“ betrachtete, wird der zunehmende Selbstzweifel des Künstlers illustriert. Dieser geht so weit, dass es sich als einzigen Ausweg den Tod wünscht, um endlich in Ruhe sein zu können: „Wem gehört das deutsche Volk? Mir oder den Braunen? Ich bin Immigrant im eigenen Land.“ Ebenfalls wird seine innere Zerrissenheit der eigenen politischen Gesinnung gegenüber dargestellt: „Der braune Sturm hat mich weit nach links getrieben, wer hätte das gedacht. [… ] ‚Nach rechts gehörte ich nie, das waren immer instinktiv meine Feinde.“ Der Film endet mit einer erneuten Darstellung der Entfernung der Engel-Figur: Sie wird buchstäblich von der Halterung abgeschlagen und mit einem Seil um den Hals davon geschleppt; einem Symbol für die Skrupellosigkeit und menschenunwürdigen Radikalität der Nationalsozialisten. Die Skulptur „Der Schwebende“ wurde nie wieder aufgefunden. Nach dem zweiten Weltkrieg jedoch wurde ein Abguss wieder im Güstrower Dom aufgehängt und ist dort heute noch zu betrachten.

 

Verbot aufgehoben

Der 1966 durch das ZK der SED verbotene Film wurde im Jahre 1971 wieder in den Kinos der DDR gespielt, allerdings in einer um 20 Minuten gekürzten Fassung. Der Inhalt des entfernten Materials bleibt jedoch unbekannt. Als Gründe für das Verbot wurden u.a. die „verwaschene philosophische Konzeption“ und die „indifferente humanistische Aussage“ genannt. Das Werk des Künstlers selbst jedoch erfuhr in der DDR große Beachtung aufgrund seiner zahlreichen Plastiken, die das einfache bäuerliche Leben in seiner Menschlichkeit und Komplexität darstellten.

 

 

Fazit: Kraftvolle Persönlichkeitsstudie

Der Film „Der verlorene Engel“ ist eine kraftvolle Persönlichkeitsstudie, die den Zuschauer in die Gefühlswelt des Künstlers Barlach entführt. Das Schwanken zwischen Selbstzweifel und noch nicht gänzlich verlorener Hoffnung auf eine menschliche und friedvolle Zukunft für das deutsche Volk wird eindrucksvoll durch die zahlreichen inneren Monologe illustriert, die sich durch den kompletten Film ziehen. Die Parallelen zur politischen Zensur von Kunst und Kultur in der DDR sind deutlich erkennbar und der offenbare Grund für die Einstufung als „Gefährdung für den sozialistischen Staat.“

 

Bildquellen:

Bild 1 "Der Schwebende" im Güstrower Dom":https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Schwebende#/media/File:Schwebender_Engel.jpg

 

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