Forschung unter Verdacht – Erfahrungen aus dem Wissenschaftsalltag der DDR

von Admin (04.03.2014)

Heute möchte ich Ihnen einen Schatz aus unserer Bibliothek vorstellen, den ich persönlich sehr interessant finde. Dieses Buch ist der Erlebnisbericht von Alfred Schellenberger, jahrzehntelang Dozent und ordentlicher Professor an der Martin-Luther-Universität zu Halle, seit 1970 Mitglied und später langjähriger Vizepräsident der Deutschen Akademie der Naturforscher LEOPOLDINA.

 

In „Forschung unter Verdacht“ erzählt Dr. Schellenberger eindrucksvoll von den bisweilen grotesken Erlebnissen und Ereignissen in einem sozialistischen Lehrbetrieb. Er erinnert sich daran, wie Erfahrungen und Erkenntnisse, resultierend aus der reinen Forschung, aus rein ideologischen Gründen ins Absurde gestellt und dagegen aus Banalitäten Erfolge kreiert wurden. Er berichtet davon, wie vieles von den Gesetzen des Klassenkampfes diktiert wurde. Über allem Stand die Partei, die SED, dagegen stand der vernünftige, sachliche Verstand von hochbegabten Lehrern, die jungen Menschen Wissen und Hoffnung mitgeben wollten (vgl. Klappentext).

 

Der Leser viel über unterschiedliche Thematiken rund um die Abläufe und Strukturen in Lehr- und Forschungseinrichtungen und erhält einen Einblick in die Kriterien für die Zulassung zum Studium. Hier spielten die fachlichen Leistungen (Abiturnoten) eine eher zweitrangige Rolle. Maßgeblich hingegen war in erster Linie die Herkunft der Bewerber (Beruf der Eltern), wobei die Zusammensetzung der immatrikulierten Studenten „der Bevölkerungsstruktur in der DDR“ zu entsprechen hatte, also 80 % aus Arbeiter- und Bauernfamilien, der Rest verteilt auf Sprösslinge von Angestellten, Intelligenz und Pfarrern (vgl. S. 34).

 

Schellenberger berichtet auch von Annährungs- und Anwerbungsversuchen des MfS für eine Mitarbeit als inoffizieller Mitarbeiter (IM). Viele Passagen seiner Stasi-Akte hat er, in den entsprechenden Kontext gebracht, entweder zitiert. Bisweilen sind sogar die entsprechen Seiten der Akte als Fotokopie abgedruckt und somit nachlesbar. Die z. T. reine Absurdität bezüglich des Umfangs seiner Überwachung und dessen, was und wie über ihn notiert wurde, ist somit für den Leser sehr leicht zu erfassen.

 

 

Im hinteren Teil des Buches bedient er sich unter dem Titel „Der mühevolle Ritt in die Freiheit“ einer eher selteneren Form des Erlebnisberichts: Ein in Dialogform verfasster Text versucht, seine Erfahrungen im Schicksal einer fiktiven Person (Anna) zusammenfassen und über die „Wende-Periode“ hinaus in den neuen Alltag der ostdeutschen Bevölkerung zu transformieren.

 

Das Buch beginnt mit einem Vorwort, dass den Titel „Ein Ungleichgewicht wird stabilisiert“ trägt. Es folgen unter der Überschrift „Erfahrungen zwischen 1950 und 1989“ die Kapitel:

 

  • 1. Nach oben
  • 2. Ein Abendstudium für politische Blindgänger
  • 3. Liebig contra Langenbeck
  • 4. Ein Rektor und sein Chemieprogramm
  • 5. Ein Schatz wird geborgen
  • 6. Wasser, Wasser!!
  • 7. Biotechnologie an der Hallener Universität oder: Überholen ohne einzuholen (W. Ulbricht)
  • 8. Die „Rettung“ des Maisan-Werkes
  • 9. Ein sinnloses Baukonzept bricht zusammen
  • 10. Künstlicher Kaviar, Turbo-Hefe und uralter Cognac für die Werktätigen
  • 11. Die Rosenstory
  • 12. Messgeräte für die „Kronprinzen“ (aus meiner Stasi-Akte)
  • 13. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser (Lenin)
  • 14. Das Volk und seine Aufseher.

 

Anschließend folgt oben erwähnter „mühevoller Ritt in die Freiheit“ mit den Kapiteln

 

  • 1. Der Zusammenbruch
  • 2. Die Wende
  • 3. Managerin Anna
  • 4. In die Zukunft – auf der Schwächsten Schultern.

 

Das Buch "Forschung unter Verdacht - Erfahrungen aus dem Wissenschaftsalltag der DDR" von Dr. Alfred Schellenberger ist 2008 im Projekte-Verlag Cronelius GmbH in Halle erschienen. Es hat die ISBN-Nr. 978-3-86634-541-6 und kostet 17,50 €.


 

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