Eine „Benzinkuh“ im Stall des DDR Museum

Not macht bekanntlich erfinderisch. In der DDR war diese Volksweisheit keine leere Floskel, sondern stand fast immer auf der Tagesordnung im Alltag der Bürger. Insbesondere die unzureichende Versorgung mit Kraftfahrzeugen aller Art ließ den ein oder anderen kreativen Kopf kurzerhand zum Schöpfer eigener motorisierter Vehikel werden. Dies galt vor allem, wenn für das angestrebte Fahrzeug seitens der volkseigenen Industrie nichts entsprechendes produziert oder angeboten wurde.
von Admin (06.03.2014)

Not macht bekanntlich erfinderisch. In der DDR war diese Volksweisheit keine leere Floskel, sondern stand fast immer auf der Tagesordnung im Alltag der Bürger. Insbesondere die unzureichende Versorgung mit Kraftfahrzeugen aller Art ließ den ein oder anderen kreativen Kopf kurzerhand zum Schöpfer eigener motorisierter Vehikel werden. Dies galt vor allem, wenn für das angestrebte Fahrzeug seitens der volkseigenen Industrie nichts entsprechendes produziert oder angeboten wurde.

Ein solches Bild zeichnete sich beispielsweise auf dem Gebiet der Kleinsttraktoren ab. Ein entsprechendes Angebot seitens der IFA-Betriebe gab es praktisch nicht, obwohl ein Bedarf an derartigen Fahrzeugen nicht von der Hand zu weisen war. Mit viel Glück konnte die ein oder andere LPG einen tschechischen Agrozet mit Knicklenkung beschaffen. Für Privatpersonen hingegen war ein solcher Traktor nicht verfügbar, also was tun? Da Not erfinderisch macht, bauten sich pfiffige Bastler ihren Kleinsttraktor kurzerhand selbst und griffen dabei auf alles zurück, was ihnen an verfügbarer Technik zwischen die Finger gelangte.

Heraus kam dann ein Gefährt, welches der Volksmund als „Benzinkuh“ oder „Esel“ bezeichnete und dessen selbst konstruiertes Fahrwerk meist von einem gebläsegekühlten Roller- oder Automotor in Bewegung versetzt wurde. Eine solche Benzinkuh wurde dem DDR Museum vergangene Woche von Sven Jensen aus Schleswig-Holstein übergeben. Der junge Mann hatte den Traktor Marke Eigenbau inklusive Anbauteilen 1997 von zwei Bekannten seines Vaters aus Brandenburg für den symbolischen Preis von 1 DM erstanden, jedoch selten benutzt und daher unserem Museum überlassen. Eben diese beiden Bekannten hatten den Traktor 1977 gebaut und sich dabei einer bunten Palette an KFZ-Teilen bedient. In den selbstgebauten Rahmen bauten die beiden befreundeten Anlagenmonteure einen 26 PS Trabantmotor aus einem Schlachtfahrzeug ein. Die Hinterachse samt Differential lieferte ein Vorkriegs Opel P4, Vorderachse und Lenkrad hingegen stammten von einem NSU-Fiat aus den fünfziger Jahren. Auch Teile des Motorrollers „Berlin“ und die Räder eines Roburs fanden Verwendung. Über eine Handpumpe konnte man den hydraulischen Hebearm am Heck bedienen, an den neben verschiedenen Pflügen auch ein kleiner Anhänger angebaut werden konnte. Selbstredend waren auch diese Anbaugeräte Marke Eigenbau. Hauptsächlich wurde die Benzinkuh von den beiden Männern gemeinschaftlich zum Pflügen verwendet, aber auch wenn Baumaterialien wie Kies und deren Gleichen benötigt wurden.

Leider versagte während der Probefahrt auf dem Gelände unseres neuen Depots in Berlin-Spandau das Getriebe seinen Dienst, so dass der Traktor mit Manneskraft und entkoppeltem Getriebe in die Halle geschoben werden musste. Aber genau wie früher gilt auch noch heute: es gibt kein Problem, für das nicht eine Lösung gefunden werden kann.


 

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