Kooperation

Ein britischer Künstler fragt: Wie war das in der DDR mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt?

In der vergangenen Woche besuchte uns Herr Sullivan, ein Künstler aus Großbritannien, um für sein aktuelles Kunstprojekt zu recherchieren. Besonders interessierte ihn hierbei der gesellschaftliche Zusammenhalt und das bürgerliche Engagement in der DDR sowie die Veränderungen, die die Wende in Bezug auf soziale Beziehungen nach sich zog.
von Maria Bartholomäus (27.06.2016)

In der vergangenen Woche besuchte uns Herr Sullivan, ein Künstler aus Großbritannien, um für sein aktuelles Kunstprojekt zu recherchieren. Besonders interessierte ihn hierbei der gesellschaftliche Zusammenhalt und das bürgerliche Engagement in der DDR sowie die Veränderungen, die die Wende in Bezug auf soziale Beziehungen nach sich zog. Ein Gespräch mit den beiden wissenschaftlichen Volontärinnen Elke Sieber und mir, Maria Bartholomäus, konnte unserem Besucher einen tieferen Einblick in die Thematik gewähren.

 

Kunstprojekt zum "Brexit"

Tagesaktueller geht es wohl kaum: Herr Sullivan ist ein in der britischen Grafschaft Essex in England lebender und arbeitender Künstler. Bei seinem neuesten Projekt geht es um den – mittlerweile beschlossenen – Austritt Großbritanniens aus der EU und das Verhältnis der britischen Bevölkerung dazu. Dabei behandelt es konkret Themen wie Patriotismus und Nationalismus sowie das Verhältnis der Bevölkerung untereinander in Bezug auf Hilfsbereitschaft, Kooperation und Zusammenhalt. Hierzu hat er sowohl in England als auch in Deutschland viele Menschen mit den verschiedensten Meinungen zum „Brexit“ interviewt und gefilmt, um daraus einen Film zu gestalten, der in einer britischen Galerie gezeigt werden soll. Für eine wissenschaftliche Perspektive auf die Thematik führte er ein kurzes gefilmtes Interview mit den beiden Volontärinnen, welches ebenfalls in das Filmprojekt eingearbeitet werden soll.

 

Bürgerliches Engagement in der DDR

Der gesellschaftliche Zusammenhalt war in der DDR einerseits von der politischen Obrigkeit diktiert, beispielsweise in Form von der Teilnahme der DDR-Bürger an Subbotniks, deren Mitgliedschaften in Betriebssportgruppen oder der Mitgestaltung von Festumzügen anlässlich von Feiertagen (1. Mai, Tag der Republik, usw.). Andererseits war der rege Tauschhandel von begehrten Waren (und auch Dienstleistungen) eine aus den Umständen erwachsene Notwendigkeit, die notgedrungen einen Zusammenhalt zwischen den DDR-Bürgern entstehen ließ, der heutzutage in dieser Weise eindeutig nicht mehr vorherrscht. Die im Sozialismus angewendete Planwirtschaft erzeugte einen konstanten Mangel an verschiedenen Produkten, der mithilfe von Tauschgeschäften in Form von gegenseitigen Gefälligkeiten verhältnismäßig gut bewältigt werden konnte.

 

Der Weg in die Individualgesellschaft

Als sich plötzlich mit der deutschen Wiedervereinigung bzw. der Auflösung der Planwirtschaft das Konsumverhalten der ehemaligen DDR-Bürger grundlegend änderte, zog dies auch eine Veränderung im grundlegenden Zusammenhaltsverständnis in der nun gesamtdeutschen Gesellschaft nach sich. Die neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Arbeits-, Wohn- und Konsumverhältnisse veränderten, veranlassten die Menschen dazu, sich zunächst einmal auf die eigenen Belange zu konzentrieren und sich in dem neu entstandenen Staat zu verorten, bevor man daran dachte, im Sinne des Gemeinwohls die städtischen Grünanlagen an einem Samstag gemeinsam mit den Nachbarn zu verschönern. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn viele ehemalige DDR-Bürger heute resümieren, dass es „damals mehr Zusammenhalt gab“ und „heute jeder nur noch an sich denkt“. Außerdem sprachen wir mit Herrn Sullivan auch noch über die wissenschaftliche Aufarbeitung der deutschen Teilung in Schulen und kulturellen Einrichtungen.

Bei dem abgebildeten Objekt handelt es sich um eine Holztafel mit einer Metallplakette. Sie trägt die Aufschrift "Schöner unsere Städte und Gemeinden - mach mit!" und entstand im Rahmen des Verschönerungswettbewerbs, der von der Nationalen Front organisiert wurde und alle Bürger des Landes zur freiwilligen Arbeit bei der Pflege und Instandhaltung öffentlicher Straßen und Plätze sowie des Umfeldes aufrief.

Wir wünschen Herrn Sullivan viel Erfolg für sein Kunstprojekt und bedanken uns für sein Interesse an unserer wissenschaftlichen Einschätzung dieser spannenden Thematik!

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