Die indiskrete Gesellschaft: Eine spannende Veranstaltung über einen interessanten Forschungsgegenstand

von Melanie Alperstaedt (25.03.2015)

Gestern hatten wir die Autoren des Buches „Die indiskrete Gesellschaft. Studien zum Denunziationskomplex und zu inoffiziellen Mitarbeitern.“ zu Gast. Herr Christian Booß und Herr Helmut Müller-Enbergs widmen sich seit Jahren der Erforschung und Aufarbeitung der Strukturen und Wirkungsweisen des Ministeriums für Staatssicherheit. Im Mittelpunkt des Abends stand jedoch weniger ihr beeindruckendes Engagement in der Vergangenheit, sondern ihre Forschung in der Gegenwart.

Wie nicht anders zu erwarten ist „Die indiskrete Gesellschaft“ keine Literatur für Zwischendurch, wer liest wissenschaftliche Studien schon so nebenbei? Unabhängig von methodischen Fragen oder interne Diskussionen in der BStU leistet die Studie meiner Meinung nach einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der sozialen Kontrolle in der DDR. Booß und Müller-Enbergs plädieren dafür, Menschen die in der DDR freiwillig Informationen über Ihre Mitmenschen offiziellen Vertretern des Staates mitteilten differenzierter zu betrachten und nicht allgemein unter dem Begriff „Denunzianten“ zusammenzufassen. Sie sprechen u.a. von sogenannten „Auskunftspersonen“, die meist unter der Vortäuschung einer falschen Identität von Mitarbeitern der Staatssicherheit dazu aufgefordert worden, Informationen zu z.B.  Trinkverhalten, privater Lebensführung, West-Kontakten oder harmlos erscheinenden Gewohnheiten von Nachbarn, Freunden oder Kollegen zu äußern. Die Zahl dieser Auskunftspersonen ist laut den Recherchen der beiden Historiker wohl so groß, dass sie die Anzahl der Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit deutlich übersteigt.

So stellte sich am gestrigen Abend die Frage, ob die Konzentration auf die Rolle der inoffiziellen Mitarbeiter und die fehlende Differenzierung der Betrachtung ihrer Motive und der Intensität der Zusammenarbeit mit dem MfS nicht auch ablenkt. Ablenkt von der Frage nach den Gründen für die Auskunftsfreudigkeit von „Auskunftspersonen“  hinsichtlich vielleicht zunächst harmlos erscheinender Informationen, die dann vom MfS umgedeutet oder genutzt wurden um Menschen bewusst  zu diskreditieren. Aber auch ablenkt von der Rolle der Mitglieder der SED und der Partei an sich? Denn das MfS war „Schild und Schwert“ der SED, also ein Herrschaftsinstrument. Instrumente werden jedoch gespielt bzw. von jemandem im Sinne eigener Ziele genutzt.

Es ging gestern weniger um Schuldzuweisungen oder eine moralische Einordnung. Trotzdem wurde ausdrücklich betont, dass bei „Auskunftspersonen“, im Gegenteil zu Inoffiziellen Mitarbeitern, durch die Täuschung nicht davon ausgegangen werden kann, dass sie sich der Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit bewusst waren. Die Autoren plädierten im nächsten Schritt auch für eine differenzierte Betrachtung einer IM-Tätigkeit, für eine klare Definition der so selbstverständlich pauschalisierenden Begrifflichkeiten sowie eine komplexere und zeitgleich kritische Sicht auf persönliche Schuld bzw. auf die gesellschaftliche oder staatlich definierte Unschuld von Menschen, die in der DDR Teil der systematischen Überwachung der Bevölkerung waren.

Beiden Autoren gelang es gestern hervorragend, den Inhalt des Buches verständlich zu vermitteln. Trotzdem ist das Buch natürlich wesentlich komplexer, als ich es in diesem Artikel widergeben könnte!  Auch würde die Schilderung der gestrigen Diskussion das Buch nicht angemessen beschreiben, denn die zahlreichen und interessanten Fragen waren vom Interesse des Publikums geprägt, weniger vom eigentlichen Aufbau des Buches. Folgende Kapitel erwarten Sie als Leser:

  • Denunziationskomplex
  • Der Vorgang „Rote Nelke“
  • Kollege Judas? – Oder trau keinem über 40?
  • Das Motiv
  • Minderjährige
  • Frauen als inoffizielle Mitarbeiter
  • Agentenkinder
  • Auskunftspersonen der SED-Diktatur
  • Gute Menschen
  •  Zur Kunst der Verweigerung
  • Anhang: Quellen. Und Literaturverzeichnis, Abkürzungsverzeichnis, Personenregister, Autoren

Beide Historiker wussten das Publikum zu fesseln und auch komplexe Sachverhalte wurden verständlich erklärt. Man bekam einen wirklich guten Einblick in die Grundzüge Ihrer Forschung. Am Ende der Veranstaltung war mir aber auch bewusst, dass das Lesen des Buches unumgänglich ist um die angeschnittenen Themen zu vertiefen und die Konsequenzen der Forschungsergebnisse für eine evtl. Einschätzung der Ergebnisse für die Bedeutung der DDR-Aufarbeitung zu verstehen. Aber die Autoren haben mich als Teilnehmerin der Veranstaltung höchst neugierig gemacht!

Ich möchte Ihnen zusätzlich zu meinem kleinen Bericht auch zwei interessante Artikel über die Forschung der Historiker auf taz.de oder von Sven Felix Kellerhof auf welt.de empfehlen!

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