"Die Geschichte der Mitropa - Sie werden platziert!" von Tilo Köhler

Unser heutiger Schatz aus der Bibliothek dreht sich einzig und allein um eines: Die Mitropa. Der Name, ein Akronym abgeleitet aus MITeleuROPäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft dürfte jedem DDR-Bürger und -Reisenden ein Begriff sein. Überall war sie vertreten: Nicht nur auf den Schienen, auch an und in den Bahnhöfen, ihr gehörten Autobahnraststätten an, Eisenbahnschiffe, Ausflugsdampfer der "Weißen Flotte", Hotels und Fremdenhöfe auf den abzählbaren Flughäfen, dazu ein paar eigene Bäder, mehrere zum Teil Tag und Nacht geöffnete Frisiersalons und und und (vgl. S. 69). Kurz: Wer reiste, kam an der Mitropa kaum vorbei - oder besser, kam auf jeden Fall bei ihr vorbei!
von Admin (17.03.2015)

Unser heutiger Schatz aus der Bibliothek dreht sich einzig und allein um eines: Die Mitropa. Der Name, ein Akronym abgeleitet aus MITeleuROPäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft dürfte jedem DDR-Bürger und -Reisenden ein Begriff sein. Überall war sie vertreten: Nicht nur auf den Schienen, auch an und in den Bahnhöfen, ihr gehörten Autobahnraststätten an, Eisenbahnschiffe, Ausflugsdampfer der "Weißen Flotte", Hotels und Fremdenhöfe auf den abzählbaren Flughäfen, dazu ein paar eigene Bäder, mehrere zum Teil Tag und Nacht geöffnete Frisiersalons und und und (vgl. S. 69). Kurz: Wer reiste, kam an der Mitropa kaum vorbei - oder besser, kam auf jeden Fall bei ihr vorbei!

Die Mitropa wurde bereits am 24. November 1916 zum Betrieb von Schlaf- und Speisewagen gegründet und erhielt 1927/1928 erstmals den bordeauxroten Anstrich sowie das typische Mitropa-Emplem. Mit Kriegsende im Mai 1945 zerfiel auch die Mitropa wie ganz Deutschland in vier Teile, wurde jedoch bereits am 22.05.1945 in der sowjetischen Besatzungszone neu angemeldet. Der Berliner Magistrat genehmigte sowohl die Beibehaltung ihrer alten Rechtsform als Aktiengesellschaft, vor allem aber die Fortführung ihres Namens. Dies verführte die Mitropa noch 1947 "zu einem gewissen Übermut, als sie auf gerichtlichem Wege versuchte, die Vereinigung mit der inzwischen in Frankfurt am Main residierenden Mitropa-West zu erzwingen, doch sie wurde in den französisch und amerikanisch regierten Zonen abschlägig beschieden" (vgl. S. 47).

Natürlich waren auch die Züge und Waggons der Mitropa durch den Krieg stark beschädigt worden. Nach beginn der Reparaturen konnte der Betrieb nicht gleich wieder aufgenommen werden, da die ersten reparierten Wagen sofort als Reparationsleistungen an die Sowjetunion gingen. Aus diesem Grunde konnte auch die im Jahre 1948 durch die sowjetischen Besatzungsbehörden befohlene Wiederaufnahme des Speise- und Schlafwagenverkehrs erst ein im folgenden Jahr umgesetzt werden. Der erste Speisewagen ging im September 1949 wieder auf Reise zwischen Berlin und Thüringen, zwei Monate später und zwei Tage vor Weihnachten der erste Schlafwagen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Klassenfeind, die Mitropa-West, schon wieder je zwei Dutzend Schlaf- und Speisewagen auf der Piste und es dauerte immerhin ein weiteres Jahr, bis zum Dezember 1950, dass die volkseigene Mitropa erstmalig die Grenze zur mittlerweile brüderlich verbundenen Tschechoslowakei überqueren durfte (vgl. S. 60).

Auch der stets liebevoll Tourex genannte Touristen-Express dürfte vielen noch ein Begriff sein. Die Idee für diesen Sonderzug der Deutschen Reichsbahn, der die Weltläufigkeit der DDR simulieren sollte, entstand, ganz zufällig, im Jahr des Mauerbaus 1961 auf der Konferenz Junger Eisenbahner. Der Tourex fuhr 1963 erstmals in die damalige CSSR, dann in die Sonnenparadiese der Brudervölker (vgl. S. 64). Mitte der sechziger Jahre hatte die Mitropa auch allmählich wieder fast 150 Wagen insgesamt – die Mitropa-West hingegen schon über 100 Wagen mehr. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte im Ostteil "längst das nationale proletarische Kulinariat über die bürgerlich rückständige Gastlichkeit triumphiert. Der Kellner war König, dem man den Wunsch nur in vollendeter Form unerbittlicher Unterwerfung vorzutragen wagte. Kulinarische Unwägbarkeiten wie "Hacki", die legendäre Hackroulade, deren Innenleben zu den letzten großen Welträtseln gehörte, garantieren Abenteuer des Schienenstrangs, gegen die Jack Londons lebensgefährliche Kohlentrimmerfahrten Sommerausflüge schienen."

Am Ende des Reiselandes DDR hatte die Mitropa noch immer eine Mitarbeiterzahl von etwa 15.000 Beschäftigten, bei der sich die Belegschaft Mitte der siebziger Jahre eingependelt hatte und erwirtschaftete in ihrem letzten Jahr als volkseigenes Fuhrunternehmen noch einmal eindrucksvolle eineinhalb Millionen Ost-Mark. Doch zum einen musste sie jede mögliche Mark, die sie erwirtschaftete, sofort an die Staatskasse abführen, erhielt jedoch im Gegensatz nicht einmal die notwendigen Groschen wieder zurück, um wenigstens die Grundausstattung zu finanzieren (vgl. S. 160).

Durch die besondere Stimmung jedoch, die stets in den Zügen herrschte, "scheint es wenig zufällig, dass die Mitropa oft genug schon als der wahre Ort der deutschen Einheit angesehen wurde. Denn ob man als kujonierter BRD-Bürger im Transit-Zug durch die maroden Industrielandschaften der volkseigenen Republik fuhr oder als zurückgesetzter Einheimischer von mehr oder weniger wohlwollendem Personal platziert wurde – allein bei ihrer Erwähnung sind sich Ost und West so einig wie bei keiner anderen Erinnerung: Mitropa? Völlig abgefahren!"

Der Autor Tilo Köhler zeichnet in seinem Buch "Die Geschichte der Mitropa – Sie werden platziert!" die komplette, fast einhundertjährige Geschichte dieser nach. Der heitere und muntere Stil des Buches ist sehr angenehm zu lesen und beschwört leicht und schnell Bilder und Erinnerungen herauf. Der Text, oft mit literarischem Augenzwinkern, lässt den Leser das ein ums andere Mal gutmütig schmunzeln – oder auch laut auflachen. Unzählige Bilder aus allen Epochen runden das Werk ab. Zurück bleibt ein leises Fernweh, die Lust, sich spontan in einen Zug zu setzen, dem Alltag zu entfliehen und die Welt außerhalb des Abteilfensters vorbei ziehen zu lassen.

Das Buch "Die Geschichte der Mitropa – Sie werden platziert!" ist 2002 im Berliner Transit Verlag erschienen und hat die ISBN 978-3-88747-177-4. Zu seiner Veröffentlichung erfuhr das Buch ein starkes positives Medienecho.

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