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„Ich liebe euch doch alle… Befehle und Lageberichte des MfS“

Heute möchte ich Ihnen ein hochinteressantes Buch mit dem Titel „Ich liebe euch doch alle… Befehle und Lageberichte des MfS“ aus der unmittelbaren Wendezeit vorstellen. von Jörn Kleinhardt (09.06.2016)

Heute möchte ich Ihnen ein hochinteressantes Buch mit dem Titel „Ich liebe euch doch alle… Befehle und Lageberichte des MfS“ aus der unmittelbaren Wendezeit vorstellen. Im Auftrag des Runden Tisches recherchierten die Historiker Armin Mitter und unser jetziger wissenschaftlicher Leiter Stefan Wolle Anfang 1990 geheime Lageberichte des Ministeriums für Staatssicherheit im Zeitraum Januar bis November 1989 und veröffentlichten die Ergebnisse am 16. März 1990, zwei Tage vor den letzten Volkskammerwahlen in der DDR. Es handelte sich dabei um die erste Publikation zum Thema Staatssicherheit welche in der DDR entstand. Verlegt wurde das Buch von der „Basis Druck Verlagsgesellschaft mbH“ mit Sitz in Berlin.

Den Bericht „Hinweise auf wesentliche motivbildende Faktoren im Zusammenhang mit Anträgen auf ständige Ausreise nach dem nichtsozialistischen Ausland und dem ungesetzlichen Verlassen der DDR“ vom 9. September 1989 will ich Ihnen näher vorstellen und in Auszügen wiedergeben. Zusammengestellt von der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) des MfS, unterlag dieser Bericht der Geheimhaltungsstufe „Streng geheim!“ und wurde nur an führende Mitglieder des Politbüros ausgehändigt.

Inhaltlich geht es, wie die Überschrift schon deutlich macht, um die Ausreisebewegung tausender Bürger seit dem Sommer 1989 und deren Beweggründe für die Ausreise aus Sicht des MfS. So heißt es in der Einführung: „…Die überwiegende Anzahl dieser Personen wertet Probleme und Mängel in der gesellschaftlichen Entwicklung, vor allem im persönlichen Umfeld, in den persönlichen Lebensbedingungen und bezogen auf die sogenannten täglichen Unzulänglichkeiten, im Wesentlichen negativ und kommt davon ausgehend, insbesondere durch Vergleiche mit Verhältnissen in der BRD und in Westberlin, zu einer negativen Bewertung der Entwicklung in der DDR. Die Vorzüge des Sozialismus, wie z.B. soziale Sicherheit und Geborgenheit, werden zwar anerkannt, im Vergleich mit aufgetretenen Problemen und Mängeln jedoch als nicht mehr entscheidende Faktoren angesehen. …“

Ungefähr in der Mitte des Berichts befindet sich eine Auflistung der Ausreisegründe aus Sicht des "allwissenden" Ministeriums für Staatssicherheit: „… Als wesentliche Gründe/ Anlässe für Bestrebungen zur ständigen Ausreise bzw. das ungesetzliche Verlassen der DDR – die auch in Übereinstimmung mit einer Vielzahl von Eingaben an zentrale und örtliche Organe/ Einrichtungen stehen – werden aufgeführt:

-        Unzufriedenheit über die Versorgungslage

-        Verärgerung über unzureichende Dienstleistungen

-        Unverständnis für Mängel in der medizinischen Betreuung und Versorgung

-        Eingeschränkte Reisemöglichkeiten innerhalb der DDR und nach dem Ausland

-        Unbefriedigende Arbeitsbedingungen und Diskontinuität im Produktionsablauf

-        Unzulänglichkeiten/ Inkonsequenz bei der Anwendung/ Durchsetzung des Leistungsprinzips sowie Unzufriedenheit über die Entwicklung der Löhne und Gehälter

-        Verärgerung über bürokratisches Verhalten von Leitern und Mitarbeitern staatlicher Organe, Betriebe und Einrichtungen sowie über Herzlosigkeit im Umgang mit den Bürgern

-        Unverständnis über die Medienpolitik der DDR

…“

 

 Unter dieser Auflistung wird jeder der Punkte nochmals näher erläutert. So erfährt man zum Thema „Unzufriedenheit über die Versorgungslage“, dass es dabei um Mängel in der kontinuierlichen Versorgung mit hochwertigen Konsumgütern wie PKW, Möbel, Textilien, Schuhe oder Heimelektronik geht. Zudem sei die Versorgung der Bevölkerung mit Baumaterialien und Baustoffen nicht abgedeckt. Bei den Waren des täglichen Bedarfs wird das unzureichende Angebot an hochwertigen Lebensmitteln, Frischobst oder Gemüse bemängelt. Zusätzlich zu den Versorgungslücken wird die damit einhergehende Praxis des „Schlange stehen“ und des „Beschaffen und Organisieren“ angesprochen. Es wird deutlich gesagt, dass bestimmte Waren nur durch „Beziehungen“ zu bekommen sind und diese Zustände für viele Bürger nicht mehr zu ertragen seien. Kritik wird ebenso am doppelten Währungssystem geübt, welches es privilegierten Devisenbesitzern erlaubt beinahe alle Waren gegen westliche Währung in Intershops und Valutahotels zu kaufen und somit gegenüber einem Großteil der Bevölkerung immense Vorteile zu haben.

Nähere Erläuterungen zum Stichpunkt „Eingeschränkte Reisemöglichkeiten innerhalb der DDR und nach dem Ausland“ geben Einblick über den Mangel an Reisemöglichkeiten infolge fehlender Hotel- und Ferienplätze auf dem Territorium der DDR. Bemängelt wird zudem die zum Teil fehlende Sauberkeit in Städten, Gemeinden, kommunalen Einrichtungen und öffentlichen Verkehrsmitteln unter Bezugnahme auf gegensätzlicher Erscheinungen in der BRD oder Westberlin. Bei Reisen ins sozialistische Ausland wird bemängelt, dass DDR-Bürger aufgrund fehlender Devisen nicht die gebührende Achtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Zusätzlich wird der sich verschlechternde Reiseservice in die „Bruderländer“ kritisiert. Bei Reisen ins nichtsozialistische/ westliche Ausland wird sich über die hohe Ablehnungsquote für Privat- und Touristenreisen beschwert. Berufstätige Bürger kritisieren zudem die Nichtgenehmigung der Teilnahme an ausländischen Kongressen und Fachtagungen.

 

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