Für Sie gelesen

Die DDR und ihre Töchter

Dieses Buch fiel mir heute beim Stöbern in unserer Bibliothek in die Hände. Und es faszinierte mich und auch einen Teil meiner Kolleginnen sofort und setzte kurzzeitig sogar eine Diskussion in Gang. Es will nicht belehren, es will nicht erziehen. Es will vergleichen. von Admin (20.02.2014)

Nach 1989 hörte vieles, was für Frauen in der DDR selbstverständlich war, plötzlich auf zu existieren: finanzielle Unabhängigkeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ein selbstbestimmtes Leben.“ (vgl. Klappentext).

 

Dieses Buch fiel mir heute beim Stöbern in unserer Bibliothek in die Hände. Und es faszinierte mich und auch einen Teil meiner Kolleginnen sofort und setzte kurzzeitig sogar eine Diskussion in Gang. Es will nicht belehren, es will nicht erziehen. Es will vergleichen. Es will verstehen helfen, welche Unterschiede es gab und gibt und woher sie kommen. Es versucht, aus der Rückschau der Geschichte Denkanstöße und Antworten in Bezug auf die Stellung der Frau in der heutigen Zeit zu ziehen. Die Autorin benennt historische und juristische Voraussetzungen, skizziert die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in vierzig Jahren DDR, blickt auf das Frauenbild in Kunst, Literatur und Film und bezieht ihre eigenen Erfahrungen, Stimmen anderer Frauen und statistisches Material mit ein.

 

Für Frauen in der DDR war es selbstverständlich, Beruf und Familie zu verbinden. Studentinnen bekamen zu jederzeit Kinder, dafür aber auch zu jederzeit die Möglichkeit, das Studium dann fortzusetzen, ihren Weg in der Arbeitswelt zu gehen in dem Wissen, dass die Kinder versorgt wurden. Wie der Staat dies ermöglichte, sei hier einmal außen vor gelassen. Subventionierungen, die die Staatskasse der DDR letztlich in den Ruin trieben, gab es an vielen Stellen. So aber eben auch in Form von Unterstützung für Familien, vor allem für die Mütter. Durch Plätze im Kindergarten, der Bereitstellung von Wohnungen, der Sicherheit des Arbeitsplatzes auch nach der Geburt, um nur einige Bespiele zu nennen.

 

Die Gleichstellung der Frau fand zumindest „auf dem Papier“ relativ gleichzeitig den Weg in die Gesetzbücher. „Mann und Frau sind gleichberechtigt“, steht es in Artikel 7 der Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949. „Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.“ Dies wurde ebenfalls 1949 im Grundgesetz der BRD verankert, in der DDR jedoch zügiger umgesetzt. Beispielsweise konnte im Westen Deutschlands eine verheiratete Frau bis 1958 nur mit Zustimmung des Ehemannes eine Erwerbsarbeit aufnehmen – in der DDR wurde schon 1950 im „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ klargestellt: „Die Eheschließung hat für die Frau keine Einschränkungen oder Schmälerung ihrer Rechte zur Folge“. Die Frau durfte ausdrücklich „nicht gehindert werden, einen Beruf auszuüben oder einer beruflichen Ausbildung und ihrer gesellschaftlichen und politischen Fortbildung nachzugehen; auch wenn hierdurch eine zeitweilige örtliche Trennung der Eheleute bedingt wird.“ (vgl. S. 48). Das waren  Selbstverständlichkeiten, die in der BRD erst 1958 Einzug hielten. Ähnlich verhielt es sich auch mit dem Streit um das Verbot von Abtreibungen, das in der DDR 1972 fiel, in der BRD erst vier Jahre später und um das nach dem Mauerfall im Jahre 1992 noch einmal eine flammende Diskussion entbrannte.

 

Kämpften im Westen einige Frauen darum, „die Sprache ordentlich zu ‚gendern‘“, „konnten es manche von (ihnen) kaum fassen, wenn eine selbstbewusste Ex-DDR-Bürgerin auf die Frage nach ihrem Beruf ganz unbekümmert antwortete „Ick bin Zahntechniker“, oder „Ick bin Bauingenieur“.  Wie konnten emanzipierte Frauen so wenig Wert auf die korrekte weibliche Form legen?“ (vgl. S. 11). „Für sie zählte der Fakt, dass sie einen bestimmten Beruf ausübten – nicht die politisch korrekte Sprache. Sie waren in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der vieles selbstverständlich war. Vor allem das eigene Arbeitseinkommen – und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“ […] „Nach 1990 war die Arbeitslosigkeit für die Töchter und Söhne der DDR eine schlimmere Demütigung als für Westdeutsche, die schon mit dem Bewusstsein aufgewachsen waren, dass es Arbeitslosigkeit gibt.“ Denn dies war vielen DDR Bürgern eben gar nicht so sehr bewusst, als sie auf die Straßen gingen und für die ihnen zustehenden demokratischen Grundrechte demonstrierten. Der eingeschränkten Reisefreiheit war man sich vielleicht bewusster, als der Freiheit von wirtschaftlicher Existenzangst. Das liegt auch in der Natur des Menschen – der negativen Dinge sind wir uns oft viel deutlicher bewusst als den positiven.

 

In der DDR hatte die Arbeit einen anderen Stellenwert. Sie wurde nicht immer geliebt, aber sie gehörte zum Leben. Und obwohl man ohne Angst vor Arbeitslosigkeit auch entspannter arbeiten konnte, wurde sie in mancher Hinsicht ernster genommen – das betonen grade ältere Frauen aus dem Osten, deren Generation im Westen Deutschlands noch stark hausfraulich geprägt ist. Auch wenn sich nicht alle gleichermaßen mit ihrem Beruf identifizieren konnten, bedeutete Arbeit in der DDR doch Unabhängigkeit. Prekäre Jobs für die Frau als bloße Hinzuverdienerin waren politisch nicht gewollt. Außerdem war der gesellschaftliche Sinn der Arbeit leichter zu vermitteln – grade weil es sich nicht um eine Überflussgesellschaft handelte.“ (vgl. S. 13)

In Westdeutschland galten berufstätige Frauen mit Kindern lange Zeit als „Rabenmutter“. Dieses Stigma verlor in den siebziger und achtziger Jahren allmählich an Bedeutung, zeitgleich wurde es jedoch auf dem Arbeitsmarkt „enger“. Konservative gaben dafür den berufstätigen Frauen die Schuld.

So etwas glaubten die Frauen im anderen Teil Deutschlands überwunden zu haben. Als ihr Staat aufhörte zu existieren, kam es zu ihnen zurück. Nicht nur, dass sie durch die Abwicklung der Volkswirtschaft massenhaft aus ihren bisherigen Jobs gerissen wurden, „es wurde auch noch erwartet, dass sie sich diskret aus der Arbeitslosenstatistik verabschiedeten, indem sie sich mit der Hausfrauenrolle zufriedengaben.“ (vgl. hierzu Kurt Biedenkopfs Aussage über die „erhöhte Erwerbsneigung Ostdeutscher Frauen)

Die Verbindung von Erwerbsarbeit und Selbstverwirklichung gelang nur wenigen. Zwar hatte man in der BRD eher Zugang zum Studium unabhängig von politischer Einstellung, doch half auch dies nichts, wenn die erworbene Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt war. Hier bekam die Fähigkeit zur Selbstvermarktung auch einen ganz neuen Stellenwert. „Frauen wurden dabei besonders genötigt, über Äußerlichkeiten nachzudenken: Was ist zu burschikos, was zu sexy? Sitzt da ein Personalchef oder eine Chefin? Muss ich mir für das Vorstellungsgespräch ein Kostüm kaufen, das ich privat nie anziehen würde? Darf eine Sekretärin überhaupt kurzgeschnittene Fingernägel haben? Kann eine Ingenieurin klassisch feminin aussehen, oder wird sie dann nicht ernst genommen? Vorurteile gab es in beiden Teilen Deutschlands.[…] Kinder waren dabei für Bewerberinnen ein weitaus größerer Minuspunkt als für Bewerber. Daran hat sich bis heute in der BRD nicht viel geändert.“ (vgl. S. 15/16)

 

Je mehr ich lese, umso mehr möchte ich schreiben. Und auch erzählen. Von Diskussionen, die ich führte und vom Wandel des Bildes der Frau, den ich selbst erlebe und der mich zum Teil tief erschreckt.

Doch so groß der Raum sein mag, den dieser Blog bietet, ist er nicht die richtige Plattform für Diskussionen solcher Ausmaße, bspw. eben über Feminismus und Emanzipation, über Gleichberechtigung, über Selbstbestimmung der Frauen. Jede/r hat eine eigene Sicht, jede/r seine eigenen Erfahrungen, Werte und Normen, geprägt durch Familie und Freunde, dem eigenen Umfeld und ja, ob bewusst oder nicht, auch durch die Politik.

 

Von Herzen und nachdrücklich empfehle ich Ihnen heute also das Buch „Die DDR und ihre Töchter“ von Claudia Wangerin.

Nach dem Vorwort finden Sie die Kapitel:

 

  • Freiheit durchsetzen – Emanzipation in Ost und West
  • Clara Zetkin und ihre Schwestern – Pionierinnen und Traditionen
  • Das Reich der Notwendigkeit – Historische Rahmenbedingungen
  • Recht haben und Recht bekommen – Stationen der rechtlichen Gleichstellung
  • Gehasst und respektiert – Die zwei Leben der Hilde Benjamin
  • Ausbildung für alle – Erinnerungen an die ABF
  • Streifzug durch 40 Jahre Frauengeschichte in der DDR
  • Spät dran mit 28 – Frau und Familie
  • Die heimliche Chefredakteurin – Frau und Medien
  • Eine schwierige Liebe – DDR-Schriftstellerinnen und ihr Land
  • Sonnensucherinnen – Emanzipation im DEFA-Film
  • Anspruch und Wirklichkeit – Gleichberechtigtes Leben in der DDR
  • „Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg“ – Wendejahre
  • Was bleibt?,

 

sowie zum Schluss ein Literaturverzeichnis. „Die DDR und ihre Töchter“ ist 2010 im Verlag ‚Das Neue Berlin‘ erschienen, kostet 12,95 € und hat die ISBN 978-3-360-01989-9.

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