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Die DDR in den siebziger Jahren

In seinem erst 2002 veröffentlichten Aufsatz geht Peter Borowsky auf den Machtwechsel in den siebziger Jahren ein, der für die DDR politisch und wirtschaftlich entscheidende Veränderungen brachte.
von Elke Sieber (10.11.2015)

Für Sie gelesen:

Peter Borowsky: Die DDR in den siebziger Jahren, in: Zeiten des Wandels (Informationen zur politischen Bildung (Heft 258)), 05.04.2002, http://www.bpb.de/izpb/10111/die-ddr-in-den-siebziger-jahren?p=2, abgerufen am 10.11.2015.)

Die DDR in den siebziger Jahren

Peter Borowsky war Professor für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte an der Universität Hamburg. Er habilitierte 1991 in der Neueren Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte und wurde 1996 als Professor an die Universität berufen. Nach schwerer Krankheit starb er am 13. Oktober 2000 in Hamburg.

In seinem erst 2002 veröffentlichten Aufsatz geht Peter Borowsky auf den Machtwechsel in den siebziger Jahren ein, der für die DDR politisch und wirtschaftlich entscheidende Veränderungen brachte. Im Mai 1971 bat Ulbricht offiziell um die Entbindung von seiner Funktion als Erster Sekretär des ZK der SED aus Altersgründen und schlug Erich Honecker als Nachfolger vor. Inoffiziell gingen diesem Schritt erbitterte Kämpfe in der Parteiführung sowie mit Moskau voraus. Zum einen gab es eine ganze Gruppe im Politbüro, die Ulbrichts Wirtschaftspolitik kritisch gegenüberstand und seine ideologischen Alleingänge in Moskau sowie hinsichtlich seiner Deutschlandpolitik missbilligte. Zum anderen hatte er auch die Regierung um Breschnew nicht auf seiner Seite, da er den Monopolanspruch der KPdSU auf Auslegung des Marxismus-Leninismus angriff. Er stellte die These auf, dass die DDR sich auf dem Weg in das „entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus“ befände. Ulbricht wollte somit die DDR zum Vorbild für den Aufbau des Sozialismus machen.

Ferner vermutete man, dass eine weitere Ursache für seinen Sturz seine sture Politik gegenüber der bundesdeutschen sozialliberalen Koalition war. Er hielt an den Maximalzielen fest, die eine volle Anerkennung der DDR als Staat voraussetzten. Jedoch lassen die nach der Deutschen Einheit erschlossenen Dokumente einen ganz anderen Schluss zu. Ulbricht war bereit Zugeständnisse zu machen in der Hoffnung, dass eine Art wirtschaftliche Konföderation der DDR die Möglichkeit bieten würde, die Bundesrepublik doch noch wirtschaftlich zu überholen. Die Gegner der Neuen Ostpolitik saßen allerdings mehrheitlich im Politbüro.

Auch die Sowjetunion sah eine Gefahr in Ulbrichts Einlenken gegenüber Westdeutschland. Als Honecker im Juli 1970 mit Breschnew in Moskau ein Gespräch führte, kamen Ulbrichts Alleingänge gegenüber der Sowjetunion zur Sprache und sein Sturz wurde vorbereitet. Auf der 14. Tagung des ZK der SED im Dezember 1970 wurde offen Kritik an Ulbricht geübt: Versorgungsprobleme und das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖS oder NÖSPL) wurden kritisiert, es wurden ihm Vorwürfe für seine Alleingänge und seinen Führungsstil gemacht. Die Veröffentlichung seiner Erwiderung wurde von Honecker verhindert. Eine erste entscheidende Niederlage.

Mehr als die Hälfte des Politbüros schrieb im Januar einen geheimen Brief an Breschnew und das Politbüro der KPdSU, um an Ulbricht Kritik zu üben und Breschnew darum zu bitten, Einfluss auf Ulbricht hinsichtlich eines Rücktritts auszuüben. Man schlug vor das Amt des Ersten Sekretärs vom Amt des Staatsratsvorsitzenden zu trennen und Ulbricht letzteres zu überlassen, natürlich mit eingeschränkten Befugnissen. Breschnew folgte dieser Bitte und legte Ulbricht bei seinem Besuch in Moskau den Rücktritt nahe. Einen Monat später erklärte Ulbricht vor dem ZK seinen Rücktritt.

Honecker wechselte bei seinem Antritt als Erster Sekretär des ZK der SED den gesamten Kurs. Er plädierte für eine klare Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik und eine deutliche Verankerung der DDR in der sozialistischen Staatengemeinschaft. Außerdem wollte er sich am „real existierenden Sozialismus“ orientieren und den Menschen nicht erst für morgen ein besseres Leben versprechen, sondern mit der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik sofort mit der Befriedigung der Bedürfnisse der DDR-Bürger beginnen. Dadurch erhoffte er sich eine höhere Arbeitsproduktivität und damit höhere wirtschaftliche Leistungen. Mit den Wirtschaftsreformern NÖS wurde abgerechnet. Willi Stoph und Günter Mittag verloren ihre einflussreichen Positionen. Durch wirtschaftliche Schwierigkeiten erhielten beide allerdings ihre Ämter 1976 zurück, Honecker übernahm dann zusätzlich den Vorsitz des Staatsrates.

Der Lebensstandard besserte sich tatsächlich, zahlreiche Neubauwohnungen ermöglichten vielen DDR-Bürgern den zerfallenen Altbauwohnungen den Rücken zu kehren, Mieten waren billig. Die Staatsführung setzte auf eine Familienpolitik, die durch Sozialleistungen und Erleichterungen für die Frau die Geburtenrate erhöhen sollte, so wurde die 40-Stunden-Woche für Mütter im Mehrschichtdienst und das Babyjahr sowie der zinslose Ehekredit eingeführt.

All diese staatlichen Leistungen kosteten allerdings Geld, das die DDR in den siebziger Jahren nicht erwirtschaftete. Während der Staat den Lebensstandard verbesserte, wurden Kredite, vor allem bei der Bundesrepublik, aufgenommen. Zinsen für Kredite wurden mit weiteren Krediten bezahlt, die Staatsverschuldung explodierte bis Ende der achtziger Jahre. Doch in den Siebzigern war dies der Bevölkerung nicht bekannt, Honeckers Politik hinterließ einen positiven Eindruck. Für diese Zeit lässt sich demnach von einem hohen Grad an Übereinstimmung zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und der Regierung der DDR sprechen.

Bild: Politbüro des ZK der SED 1968

(Bundesarchiv, Bild 183-G0726-0206-001 / Junge, Peter Heinz / CC-BY-SA 3.0)

 


 

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