Rezension

Die DDR als Stasi-Staat?

Heute rezensieren wir "Die DDR als „Stasi-Staat“? Das Ministerium für Staatssicherheit als Erinnerungsmoment im wiedervereinigten Deutschland und als Strukturelement der Diktatur von Thomas Großbölting. In: Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand.
von Elke Sieber (04.02.2016)

Thomas Großbölting: Die DDR als „Stasi-Staat“? Das Ministerium für Staatssicherheit als Erinnerungsmoment im wiedervereinigten Deutschland und als Strukturelement der Diktatur, in: Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, hrsg. v. Thomas Großbölting, Berlin 2009, S. 50-73.

Thomas Großbölting ist ein Historiker der deutschen und europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit 2009 lehrt er als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Nach Großbölting ist die Erinnerung an die Staatssicherheit in der Debatte um die deutsch-deutsche Erinnerungskultur ein besonderes Streitthema. Durch die Aufdeckung der Strukturen und des Einflusses der Stasi in der DDR wurde sie zum Sinnbild für den untergegangenen Staat. Die Stasiaufarbeitung fügt sich in eine Forschung ein, die vom Begriff des Totalitarismus geprägt ist. In diesem Zusammenhang wird auch diskutiert, inwieweit die beiden deutschen Diktaturen vergleichbar sind. Insbesondere die Inoffziellen Mitarbeiter stechen dabei als besonders perfides Instrument des Repressionsapparates hervor.

Diese Debatte führte dazu, dass in Ostdeutschland Gegenentwürfe breiteren Raum einnahmen, die sich in ostalgischem Rückbesinnen äußerten oder einem Verweis auf eine geglückte Privatbiografie. Nach Großbölting waren die Sozialisation und die Erfahrungsschätze aus DDR-Zeiten jedoch zu unterschiedlich, als dass sich eine Ost-Identität ausbilden konnte. Ihre Festigung erfuhr diese hauptsächlich durch eine Abgrenzung nach außen.

Großbölting setzt an diesen Widersprüchen an und geht davon aus, dass die Stasi als „Kernelement des umstrittenen DDR-Bildes weder wissenschaftlich adäquat analysiert“, noch in der öffentlichen Diskussion richtig dargestellt sei. Vielmehr handle es sich um geschichts- und parteipolitisches Kalkül, das hinter der Aufarbeitung der ersten 20 Jahre stecke.

Im Folgenden sucht er die Gründe für diese Art der Beschäftigung mit der DDR. Zuerst widmet er sich den bisherigen Geschichtsbildern, die von der Stasi und der DDR gezeichnet wurden. Hierbei beschreibt er die Konzentration der Opposition in den 80er Jahren auf die Staatssicherheit als Zersetzungs- und Repressionsinstrument gegenüber Kritikern des Systems. Das öffentliche Interesse nach der Wiedervereinigung verlagerte sich dementsprechend auch auf diese Institution, dem die Forschung Folge leistete. Doch unter diesem öffentlichen Druck spielte eben auch die Bestätigung von Stereotypen eine einschlägige Rolle. Die SED und weitere Faktoren der Diktatur gerieten zudem in den Hintergrund - und das bereits während der friedlichen Revolution: die Stasi wurde zum Sündenbock.

Angesichts der Dichte der Überwachung (die DDR stand hierbei an der Spitze der Diktaturen des ehemaligen Ostblocks) und der hohen Zahl an IMs ist die Hinwendung zu diesem Thema allerdings auch nicht verwunderlich. Die Menschen waren schockiert, wollten mehr Informationen und Sensationen, die Wissenschaft, Politik und Presse lieferten. Doch auch die damaligen Täter meldeten sich zu Wort, wollten die Stasi zum einfachen Geheimdienst umdeuten. Jedoch schlugen besonders die Enthüllungen um Stasikontakte und IMs bei der Gesellschaft ein, auch wenn die Arbeit letzterer ein vermutlich überschätztes Element des Ministeriums für Staatssicherheit war.

Grund dieses Forschungsbooms zur Staatssicherheit war nicht nur die breite öffentliche Wirkung der Publikationen, sondern auch das Ziel die Deutungshoheit über das DDR-Erbe zu erlangen und die SED-Diktatur zu delegitimieren. Es entstand eine Geschichte der Täter und Opfer, denn auf der anderen Seite wurde die Bedeutung der Opposition in der DDR-Gesellschaft deutlich überschätzt. Die „public history“ hatte damit ab 1990 ein neues Ausmaß erreicht.

Unberücksichtigt blieb dabei in großem Maße die Erfahrung der Ostdeutschen mit dem MfS, das durchaus im Alltag präsent war. Die erzählte Geschichte war vielmehr eine westdeutsche Geschichte. Großbölting stellt deshalb einige nicht gut erforschte Bereiche zu diesem Themengebiet heraus und plädiert noch einmal dafür, dass „ein Zugang zur Stasi, der weniger auf bürokratische Strukturen abzielt, sondern mehr die Wirkungen und Effekte im Alltag in den Blick nimmt“ wünschenswert wäre.

Ferner verweist er darauf, dass die Perspektive einer allmächtigen und alles durchdringenden Stasi als Grundpfeiler der Diktatur nicht für alle 40 Jahre in gleichem Maße gelten kann. Der Repressionsapparat arbeitete nicht in allen Jahrzehnten gleich ausgeprägt und umfassend und war auch nur ein Teil der Herrschaftssicherung der SED. Allerdings merkt der Autor an, dass die Repression nie nachgelassen, sondern sich nur gewandelt hat und dass das Regime sich durchaus auf das MfS stützen musste, um sich so lange aufrechtzuerhalten. Die Vorstellung vom Volk der Spitzel lässt sich jedoch nicht mit den Fakten vereinbaren, im Gegenteil konnte die Stasi nicht auf die Akzeptanz und Mitarbeit der Bevölkerung setzen, wie die Gestapo. Selbst die Zahl der IMs ist hier nicht aussagekräftig, sagt sie doch noch nichts über die Informationslieferungen und Resultate der Tätigkeit einzelner aus.

Ein lohnenswerter Aufsatz für alle, die sich mit Erinnerungspolitik auseinandersetzen! Großbölting wagt damit auch einen kritischen Blick auf die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft. Wenn Ihr Interesse nun geweckt ist, finden Sie den Aufsatz im Sammelband „Friedensstaat, Leseland, Sportnation?“ (im Ch. Links Verlag erschienen).

 

(B: Bundesarchiv, Bild Y 10-0097-91.)


 

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