Der Mauerfall jährt sich zum 26. Mal – welche Erinnerungen haben die Mitarbeiter des DDR Museum daran?

Das wohl einprägsamste Ereignis, welches nach wie vor als markanter Schritt auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung gilt, ist die Bekanntmachung der gelockerten Ausreisebestimmungen für Ostdeutsche am Abend des 9. November 1989 durch den kürzlich verstorbenen ehemaligen SED-Funktionär Günter Schabowski. So wurde von der Parteiführung beschlossen, dass Privatreisen ins Ausland fortan ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden können. Dieser Meldung folgte noch in der selben Nacht ein regelrechter Ansturm zahlreicher DDR-Bürger auf die innerdeutschen Grenzübergänge – viele Menschen trauten dem plötzlichen Beschluss der DDR-Regierung nicht und wollten sich selbst versichern, ob die Neuregelung auch wirklich durchzusetzen ist. An diesem Abend begann die Mauer somit zunächst metaphorisch, wenig später auch ganz reell zu „fallen“ - mit dem letztendlichen Resultat eines geeinten Deutschlands. Aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse am Abend des 9. November sowie der darauf folgenden Tage und der einzigartigen Stimmung - insbesondere in der geteilten Stadt Berlin - , welche von Euphorie, Optimismus und Aufbruch geprägt war, verbinden viele Menschen konkrete Erinnerungen an diese ereignisreichen Tage. Anlässlich des 26. Jahrestags in der vergangenen Woche nutzten wir die Gelegenheit, einige MitarbeiterInnen des DDR Museum nach ihren Erinnerungen zu fragen – was verbinden sie mit dem Mauerfall? Welche Veränderung bedeutete die deutsche Wiedervereinigung für einen persönlich und wie wird die Auseinandersetzung mit dem Thema „Deutsche Teilung“ in der zeitgenössischen Schulbildung bewertet? Da unsere Belegschaft eine „bunte Mischung“ aus verschiedenen Altersgruppen und Ausbildungen darstellt und sich sowohl aus MitarbeiterInnen aus alten und neuen Bundesländern zusammen setzt, konnten spannende und vor allem vielfältige Antworten zusammen getragen werden. Aber lesen Sie nun selbst!
von Maria Bartholomäus (16.11.2015)

Das wohl einprägsamste Ereignis, welches nach wie vor als markanter Schritt auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung gilt, ist die Bekanntmachung der gelockerten Ausreisebestimmungen für Ostdeutsche am Abend des 9. November 1989 durch den kürzlich verstorbenen ehemaligen SED-Funktionär Günter Schabowski. So wurde von der Parteiführung beschlossen, dass Privatreisen ins Ausland fortan ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden können. Dieser Meldung folgte noch in der selben Nacht ein regelrechter Ansturm zahlreicher DDR-Bürger auf die innerdeutschen Grenzübergänge – viele Menschen trauten dem plötzlichen Beschluss der DDR-Regierung nicht und wollten sich selbst versichern, ob die Neuregelung auch wirklich durchzusetzen ist. An diesem Abend begann die Mauer somit zunächst metaphorisch, wenig später auch ganz reell zu „fallen“ - mit dem letztendlichen Resultat eines geeinten Deutschlands. Aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse am Abend des 9. November sowie der darauf folgenden Tage und der einzigartigen Stimmung - insbesondere in der geteilten Stadt Berlin - , welche von Euphorie, Optimismus und Aufbruch geprägt war, verbinden viele Menschen konkrete Erinnerungen an diese ereignisreichen Tage. Anlässlich des 26. Jahrestags in der vergangenen Woche nutzten wir die Gelegenheit, einige MitarbeiterInnen des DDR Museum nach ihren Erinnerungen zu fragen – was verbinden sie mit dem Mauerfall? Welche Veränderung bedeutete die deutsche Wiedervereinigung für einen persönlich und wie wird die Auseinandersetzung mit dem Thema „Deutsche Teilung“ in der zeitgenössischen Schulbildung bewertet? Da unsere Belegschaft eine „bunte Mischung“ aus verschiedenen Altersgruppen und Ausbildungen darstellt und sich sowohl aus MitarbeiterInnen aus alten und neuen Bundesländern zusammen setzt, konnten spannende und vor allem vielfältige Antworten zusammen getragen werden. Aber lesen Sie nun selbst!

 

Falls Du schon alt genug warst: Wie hast du den 9.November 1989 erlebt? Falls nicht: Welche Erinnerungen an diesen Tag haben Freunde/Verwandte mit Dir geteilt?

Diejenigen, die diesen Tag bewusst erlebten, beschreiben ihn als besonderen Tag, an dem sofort klar war, dass Weltgeschichte geschrieben wurde. Ob zuhause, in der Schule oder auf den Straßen Berlins, überall war eine aufgeregte Anspannung aufgrund der brisanten Neuigkeiten spürbar. Eine damals in Westberlin aufwachsende Mitarbeiterin beschreibt ihre Erlebnisse am Nachmittag des 10. November 1989 auf dem Berliner Kurfürstendamm wie folgt: „Die Stimmung war einmalig! […] Wenn ich nur ein Wort hätte, um es zu beschreiben, wäre es genau dieses: Glück.“

Deutlich aus den Antworten ging auch hervor, dass die Eindrücke je nach Ort variierten. So wurden die Ausmaße der Ereignisse in Berlin als deutlicher zu spüren beschrieben als in kleineren Ortschaften mit größerer Entfernung zur Grenze.

 

Welche Rolle hat die Wende für Dich persönlich gespielt?

Bei der Beantwortung dieser Frage spielt eindeutig die Herkunft der Befragten eine große Rolle. So bedeutete die Wende einerseits große persönliche Veränderungen für Mitarbeiter, die zur Zeit des Mauerfalls in der DDR lebten. So beschreibt ein in der DDR aufgewachsener Kollege seine Erfahrungen wie folgt: „Für mich hat sich viel verändert – das Schulsystem, bunte Waren in den Läden, die Welt stand auf einmal offen für jedermann. Gleichzeitig ließ der Zusammenhalt untereinander schlagartig nach!“ Andererseits beschreiben diejenigen, die erst nach der Wiedervereinigung geboren wurden, keine spürbaren Veränderungen sowie kaum Veränderungen für diejenigen Mitarbeiter, die in Westdeutschland lebten. So beschreibt aus der ehemaligen BRD stammende Kollegin wenige persönliche Veränderungen, da sie bzw. ihre Familie über keinerlei private Kontakte in die DDR verfügten.

 

Wie beurteilst Du die Auseinandersetzung mit dem Thema „Deutsche Teilung“ in der heutigen Gesellschaft (Schule, Medien, Politik, Alltag)?

Bei dieser Frage stellen sich die Antworten unserer Mitarbeiter verhältnismäßig einheitlich dar. So empfinden viele die Aufarbeitung der SED-Diktatur als sehr einseitig und undifferenziert. Sowohl MitarbeiterInnen mit west- als auch ostdeutscher Herkunft sehen die Thematisierung im Bildungssystem als unzureichend bis nicht existent. Eine Kollegin äußerte sich wie folgt: „Ich habe oftmals das Gefühl, dass das Thema der zweiten deutschen Diktatur totgeschwiegen wird. […] In den Medien, der Politik und Presse wird das Thema meines Erachtens zu einseitig betrachtet.“ Jedoch wirft ein weiteres Mitglied unserer Belegschaft das Argument auf, dass durchaus eine differenzierte Aufarbeitung existiert, man sich jedoch in diese erst einarbeiten müsse: „Vor allem sollte nicht nur die Revolution aufgearbeitet werden, sondern die Zeit danach und was sich wie veränderte.“ Die gesammelten Antworten legen somit die Vermutung nahe, dass das aktuelle deutsche Bildungssystem bezüglich des Themas „Deutsche Teilung“ noch Nachholbedarf hat; insbesondere was die Komplexität des Wegs zur Wiedervereinigung und die Kontextualisierung der Wendezeit anbetrifft.

 

Was ist für Dich in Zusammenhang mit dem Mauerfall die bedeutendste Veränderung? Gesellschaftlich, politisch, international?

Auch hier thematisieren die meisten Antworten ein zentrales Schlagwort: Freiheit. Sämtliche MitarbeiterInnen des DDR Museum, die an der Umfrage teilnahmen, sehen in der neu gewonnenen Freiheit für ehemalige Staatsbürger der DDR sowie das Zusammenwachsen Deutschlands sowie Europas als die zentrale Veränderung durch den Mauerfall. Reise- sowie Meinungsfreiheit werden als hohe demokratische Güter beschrieben, welche dank der Wiedervereinigung nun für jeden deutschen Staatsbürger gelten. Auch die positiven Konsequenzen für durch die deutsche Teilung getrennte Familien werden hervor gehoben: „Ein über Jahrzehnte getrenntes Volk wird wiedervereinigt, Familien und Freunde können sich wieder besuchen ohne Angst und Schikane.“ - „Als bedeutendste Veränderung fällt mir sofort „Familienzusammenführung“ ein.“ Jedoch beschreiben einige Antworten auch negative Entwicklungen seit dem Fall der Mauer. So empfindet ein Kollege die heutige Gesellschaft als gefühlskälter und beobachtet einen Rückgang an Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl. Auch wird von einigen Mitarbeitern angeführt, dass das Ende des Kalten Krieges bedauernswerterweise kein Ende aller Kriege bedeutet und die weltpolitischen Machtgefüge sich nach wie vor im Zustand permanenter Veränderbarkeit und Labilität befinden.

 

Anhand dieser kleinen Umfrage ist deutlich ablesbar, dass jeder Mensch über einen ganz eigenen, individuellen Erfahrungsschatz verfügt, der abhängig ist von Alter, Herkunft, familiären Strukturen, Bildungswegen. Jedoch herrscht in einigen Fragen bezüglich des Mauerfalls über alle Unterschiedlichkeiten hinweg eine einheitliche Meinung bei allen Umfrageteilnehmern– nämlich eine uneingeschränkte Wertschätzung der gewonnenen Freiheit für ein Volk sowie die Zusammenführung eines schmerzhaft getrennten Landes, welches sich auch heute nach 26 Jahren immer noch im Prozess des Zusammenwachsens befindet.

 

Foto: Sammlung DDR Museum. Inventarnummer 1013908.

 

 


 

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