Veranstaltung

Der erotische Charme des Ostens - zwei Buchvorstellungen in Einem

Am Dienstag, dem 04.12.2012, fand in unserem Besucherzentrum die letzte Veranstaltung in diesem Jahr statt.
von Admin (07.12.2012)

Am Dienstag, dem 04.12.2012, fand in unserem Besucherzentrum die letzte Veranstaltung in diesem Jahr statt. Vorgestellt wurden gleich zwei sehr interessante Bücher:

 

"Kollektiv d'amour - Liebe, Sex und Partnerschaft in der DDR" Uta Kolano

"Starke Frauen im Osten - Fotografien 1964 bis 2009" Günter Rössler


 Geladen waren die Buchautorin und Journalistin Uta Kolano, der Fotograf Günter Rössler, zwei Fotomodelle des Herrn Rössler Renate Stephan und Anna Haase sowie der Filmemacher Fred R. Willitzkat. Außerdem war noch Herr Jaron vom Jaron Verlag anwesend, in dem beide Bücher erschienen sind. Dieser entschuldigte gleich zu Beginn Herrn Rössler. Denn der weltweit berühmte Mode-, Werbe- und Aktfotograf zählt inzwischen 86 Jahre und der Termin bei uns in Berlin wäre „eine halbe Weltreise" geworden. Wir wünschen ihm alles Gute und gute Besserung.

Dieser Abend in unserem Besucherzentrum war spannend, prickelnd, humoristisch, informativ, anregend - alles in einem. Über zwei Stunden lang wurde erst gelesen, dann vorgestellt und dann sehr lebhaft diskutiert und debattiert.

Zunächst stellte unser wissenschaftlicher Leiter Herr Dr. Wolle als Moderator die Bücher vor. Herr Jaron stellte anschließend die anwesenden „Motive", also Fotomodelle vor und wies auf die Premiere des von Herrn Willitzkat gedrehten Kinofilms „Die Genialität des Augenblicks - Der Fotograf Günter Rössler" nächste Woche am 11.12.2012 im Babylon hin.

 

Dann begann Frau Kolano aus dem Vorwort ihres Buches „Kollektiv d'amour" zu lesen. Dieser Auszug drehte sich anfangs um den medienbegleiteten Mauerfall und das darauffolgende westliche Vorurteil, die DDR-Bürger seien prüde und verklemmt, was mit dem Andrang der Ostdeutschen in westdeutsche Pornoläden und den „Demonstrationszügen gleichkommenden Völkerwanderungen auf der Reeperbahn" begründet wurde. Doch darauf folgte die erste Sex-Meinungsumfrage in der DDR („Scharf auf Porno - aber: Treue geht über alles" erschienen in der Neuen Revue) die skandierte: „Trotz 40 Jahren amtlich verordneter Prüderie haben in der DDR Erotik und Sex einen hohen Stellenwert... Nach der Umfrage, bei der 1167 DDR-Bürger im Alter zwischen 16 und 60 befragt wurden, ist die Einstellung drüben zum Sex alles andere als provinziell". Über 80 % fänden ihr Sexualleben befriedigend und jede sechste Frau übernähme im Bett die Führung - beide Zahlen überstiegen die der westlichen Bevölkerung deutlich. Frau Kolano erzählt, wie sie verschiedene Leute interviewte, von Pfarrerstöchter und ‚Durchschnittsbürgern‘ über Prominente wie eben den Fotografen Günter Rössler, aber auch den Silly-Gitarristen Uwe Hassbecker, Heidi Wittwer, die erste Stripperin der DDR und viele viele mehr. Und dabei den fast immer gleichen Tonus mitschwingen hörte: Porno war mehr oder weniger unwichtig - es ging um das ‚Zwischenmenschliche‘. Eine von ihr interviewte Rentnerin drückte es so aus: „Es menschelte früher mehr." Weiter erzählte die Autorin davon, wie sich die Stellung der Frau in den 70er Jahren änderte, wie sich eine „Lust am ‚so‘ sein" entwickelte.

 

Als nächstes kam Herr Willitzkat zu Wort. Zum 85. Geburtstag des Fotografen Günter Rössler widmet der Filmemacher ihm ein filmisches Porträt. Dabei kommen seine Models ebenso zu Wort wie langjährige Weggefährten und die Familie. Neben einem persönlichen Eindruck von Rösslers Leben und Wirken erhält der Zuschauer auch einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR. Herr Willitzkat sprach davon, wie Rössler mit Vertrauen und Gefühl Werke geschaffen hat, die über Generationen hinweg verzaubern und dass seine Bilder unverwechselbar sind. Dass man seinen Bildern ansehen kann „das ist ein Rössler", was ein deutliches Zeichen von künstlerischem Können ist.

 

Während der weiteren Veranstaltung entwickelte sich eine lebhafte, vielschichtige Debatte zwischen Publikum und Rednern. Es wurde unter anderem vom Paradoxon zwischen der vom Außenstehenden empfundenen politisch verordneter Prüderie und der Offenheit zur Nacktheit der Bevölkerung gesprochen. Dazu wurde auch gesagt, dass der Umgang mit Nacktheit ganz klar durch die Partei politisch zusteuern versucht wurde, denn man wollte keine Entwertung der Frau. Allerdings hätten sich die Dinge unter der ‚politischen Decke‘ ganz anders abgespielt. Sexualität hatte eine besondere Stellung. Heutzutage etablieren die Medien Ansprüche, die die Mehrheit nicht erreichen kann, z. B. Frauenkörper oder auch Potenz, die allgemeinen Ansprüche diesbezüglich in der DDR waren dagegen durchaus erreichbar, dafür allerdings medial unterdrückt.
Es wurde davon gesprochen, dass in den 50er Jahren im Osten das Frauenfördergesetz in Kraft trat und dass die 70er Jahre eine spezielle Ära für die Entwicklung der selbstbewussten Frau war. Erfahrungen der unterschiedlichen Generationen wurden ausgetauscht. Als dann eine junge Frau im Publikum die Frage stellte, ob und wie sich denn dieses Selbstbewusstsein der Frauen im Osten auf die Rolle des Mannes auswirkte, ging es außerordentlich lebhaft zu in unserem Besucherzentrum. Die Männer und Frauen mehrerer Jahrgänge tauschten Erfahrungen aus und diskutierten Eindrücke. Dem zu lauschen war außergewöhnlich spannend, mitunter witzig, auf jeden Fall lehrreich und interessant.

 

Während der Diskussion waren im Hintergrund die Werke Rösslers zu sehen, die zuweilen den Blick des Betrachters nahezu bannen. Er hat das Bild der Frau im Osten geprägt. Seine Fotos zeigen die Nacktheit von Frauen ohne diese zu entblößen, vermitteln Erotik, Intimität und Ästhetik ohne die Würde zu untergraben. Atemberaubend schön in schwarz-weiß. Das Vertrauen zwischen dem Fotograf und ‚seinen Mädchen‘ ist deutlich zu erkennen.

 

Durch die schiere Vielzahl Thematiken und Fragestellungen, um die sich die Gespräche drehten, ist es nahezu unmöglich, den ganzen Abend hier authentisch wiederzugeben. Diesen Abend muss man erlebt haben. Ich freue mich sehr, dass ich die Möglichkeit hatte daran teilzunehmen.

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