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Der Dokumentarfilm "Vaterlandsverräter"

Ich war zu Beginn sehr skeptisch: Es gibt einen neuen Dokumentarfilm, der einen ehemaligen Stasi-Spitzel in den Mittelpunkt stellt und sich mit dessen Sicht der Dinge auseinandersetzt.
von Melanie Alperstaedt (06.10.2011)

Ich war zu Beginn sehr skeptisch: Es gibt einen neuen Dokumentarfilm, der einen ehemaligen Stasi-Spitzel in den Mittelpunkt stellt und sich mit dessen Sicht der Dinge auseinandersetzt.

Puh, da hat man doch schon so viel Ablehnung im Kopf und im Herzen, dass man sich nicht auf Details oder die Ungereimtheiten eines Lebens einlassen möchte. Aber ein wichtiges Detail ist: Die Hauptperson des Films, der Schrifsteller Paul Gratzik, beendete nach 20 Jahren als IM seine Zusammenarbeit mit der Stasi, outete sich gegenüber den Bespitzelten, wurde folgend selbst Opfer der Stasi und lebt seitdem mit den unterschiedlichsten Konsequenzen.

Hier mögen Sie sich denken: Richtig so! Schlimm genug! Was ist mit den Opfern seiner Taten?!

Aber darum  geht es nicht in diesem Film. Es geht auch nicht um die Verklärung der Geschichte, um die Verharmlosung der Täterschaft, um die Herabwürdigung von Stasi-Opfern. Im Mittelpunkt steht, und das ist sicherlich für Opfer der Stasi sehr schwer auszuhalten, der Täter als Mensch mit eigenen Motiven, mit begangenen Fehlern und die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit. Der Zuschauer ist meist gedanklich und auch emotional bei dem Täter, was aber durch Interviews mit seinen Opfern durchbrochen wird. Und auch diese Brüche sind teilweise hoch emotional und nehmen einen als Zuschauer sehr mit.
Als Beispiel möchte ich hier eine ehemalige Lebensgefährtin von Paul Gratzik nennen, die vor der Kamera erfährt, dass Gratzik sie damals ausspioniert hat. Sie ist natürlich hoch schockiert, verletzt, wütend und aufgebracht. Diese Szene war eine, die für mich nur schwer auszuhalten war. Denn man erlebt einen (sehr privaten und auch intimen) Moment, den viele Opfer der Staatssicherheit durchleben mussten: Man erkennt, dass Menschen, die man geliebt oder denen man vertraut hat, einen bespitzelt und verraten haben. Das ist einfach nur fürchterlich und ein Teil von mir war erschrocken, dass diese Szene im Dokumentarfilm verwendet wurde. Dem anderen Teil von mir wurde die Ungeheuerlichkeit eines Momentes nähergebracht, ich fühlte annähernd, wie es den Opfern ergangen sein muss und erlebte etwas, dass mich noch mehr für die Situation der Stasi-Opfer sensibilisierte.

Die Dokumentation begleitet Gratzik durch wichtige Stationen seines Lebens und man erlebt die Härten seines Alltags. Man ist stets an der Seite dieses durch Zerrissenheit und Wiedersprüche gezeichneten Mannes und ohne das der Film es zu sehr darauf anlegt (!), beginnt man Mitgefühl für Paul Gratzik zu empfinden. Keine Bewunderung, keine Identifikation. Sondern eher so ein warmes zurückhaltendes Glühen im Herzen, welches man sich im Kopf am liebsten verbieten würde. Man sieht in dem Täter den aufbrausenden Menschen mit seinen Fehlern, der andere Menschen liebt, der leidet, der teilweise auch kritisch reflektiert.

Das ist auch der Grund, weshalb ich das Kino recht aufgewühlt verlassen habe. Statt Schwarz und Weiß zeigt diese Dokumentation so viele Grautöne, dass man sie in 96 Minuten nur schwer einordnen oder verarbeiten kann.

Was weiterhin fehlt, ist die Darstellung der Konsequenzen für die Opfer. Glatzik hat Berichte abgeliefert, aber was bedeuteten diese für die einzelnen Personen? Welche Einschnitte in Ihrem Leben erfuhren Sie durch Glatziks Tun?

Letztendlich möchte ich Ihnen diesen Film ans Herz legen. Es gibt allerdings eine Entscheidung, die man voab treffen sollte: Ist man bereit, sich auf eine, wenn auch teilweise reflektierende, Täterperspektive einzulassen? Sie werden keinen Täter sehen, der eindeutig bereut, der um Vergebung bittet oder sich überhaupt eindeutig äußert. Es sind die Zwischentöne, das Aufbrausen der Hauptperson bei bestimmten Fragen, oder auch einige Nebensätze, die Bedauern, Scham oder Reue andeuten.

Wenn Sie sich für diesen Kinofilm entscheiden, dann wird er Sie garantiert zum Nachdenken anregen. Und ich persönlich finde, dass ein Denkanstoß ein gutes Argument für einen Film ist. Wenn Sie bereit sind, sich darauf einzulassen: Tun Sie es!

Auf der Internetseite können Sie sich vorab recht gut über den Film informieren. Weiterhin ist in der Zeit eine Rezension erschienen.


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