Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen ruft dazu auf, die DDR-Vergangenheit differenzierter aufzuarbeiten

Man dürfe die DDR nicht auf das Wort "Unrechtsstaat" reduzieren, sagte Roland Jahn der Deutschen Presseagentur. Dies würde viele Ostdeutsche vor den Kopf stoßen, weil es deren Erfahrungen im Alltag negiert. Trotzdem dürfe man nicht vergessen, dass Gegner des Systems mit Konsequenzen rechnen mussten.
von Melanie Alperstaedt (24.10.2011)

Man dürfe die DDR nicht auf das Wort "Unrechtsstaat" reduzieren, sagte Roland Jahn der Deutschen Presseagentur. Dies würde viele Ostdeutsche vor den Kopf stoßen, weil es deren Erfahrungen im Alltag negiert. Trotzdem dürfe man nicht vergessen, dass Gegner des Systems mit Konsequenzen rechnen mussten.

Ich persönlich kann und will Herrn Jahn diesbezüglich nicht widersprechen! Nur weiß ich manchmal nicht, ob die Ablehnung der Begriffe "Unrechtsstaat" und "Diktatur" von einigen DDR-Bürgern und DDR-Bürgerinnen etwas mit dem "vor dem Kopf gestoßen sein" oder mit der Verharmlosung des Unrechts in der DDR zu tun hat.

Was empfinden Sie, wenn Sie ein "so schlimm ist es nicht gewesen" oder ein "die DDR hat auch viele gute Seiten" hören? Ich denke dann daran, wie Kinder zwangsadoptiert wurden, Menschen einfach ohne Verhandlung inhaftiert wurden oder was ich von Zeitzeugen aus dem Jugendwerkhof Torgau gehört habe. Und ich frage mich: Wie bewertet man das, was man als gut an der DDR empfindet, vor dem Hintergrund dieser Sachverhalte? Ist Unrecht, nur weil es einem persönlich nicht passiert ist, in der Gesamtbewertung der DDR weniger wichtig?

Andererseits: Es gab doch Glücksmomente, Ehen wurden geschlossen, Kinder geboren und Menschen haben auch unbeschwerte Zeiten erlebt. Das erste eigene Auto oder die erste gemeinsame Wohnung, der erste eigene Lohn der verprasst oder der erste Urlaub, der geplant wurde. All das machte doch auch das Leben der Menschen aus! Wie würden Sie sich fühlen, wenn sie von einer schönen Kindheitserinnerung, der Geburt Ihres ersten Kindes erzählen möchten und man haut Ihnen die Frage um die Ohren, wie man denn in einer Diktatur glücklich sein konnte?!

Ich glaube, es ist im Umgang miteinander eine große Herausforderung, hier den richtigen Mittelweg zu finden. Vielleicht wissen viele Menschen um das Unrecht und versuchen einfach nur, von Ihrem Leben zu erzählen, davon, wie sie die DDR wahrgenommen haben. Vielleicht wollen sie ja gar nicht verharmlosen, aber halt auch nicht verurteilt werden, wenn sie von ihrem eigenen Glück erzählen.


Andererseits: Kann man nicht erwarten, dass die Vergangenheit und der Diktaturcharakter der DDR in die nachträgliche Beurteilung mit einbezogen und auch thematisiert wird?

Oder vielleicht liegt das Problem auch darin, dass eine gemeinschaftliche grundlegende Bewertung der DDR mit ihren Schattenseiten fehlt? Das man nicht wissen kann, ob der Gesprächspartner im Hinterkopf die DDR mit ihren Strukturen nun kritisch reflektiert...oder halt nicht? Dass man im Umgang miteinander noch angewiesen ist auf eine vorangestellte oder nachgeschobene Bewertung der DDR?

Sie bemerken sicherlich die vielen Fragen und die wenigen Antworten in diesem Beitrag. Ich habe nicht DIE Antwort, oder DEN Weg des gemeinsamen Umgangs gepachtet. Wie jeder andere auch frage ich mich viel und komme nur durch Nachdenken, Erfahrungen und Austausch zu Erkenntnissen. Aber lieber fragen und denken ohne Anworten zu haben, als keine Fragen, keine Gerdanken und keine Antworten zu haben, oder?!

Mehr zum Thema

Online-Tickets ohne Warteschlange

Ticket kaufen