Der Berliner Rapper Sido erzählt von seiner DDR-Vergangenheit: Authentisch oder Marketing-Coup?

Von Sido kann man halten was man will: Viel, wenig, gar nichts. Seine Lieder sind Geschmackssache und allzu oft sprechen Rapper bei grenzwertigen Texten von Ironie oder "satirischen Elementen". Ich glaube Ihnen nur selten.
von Melanie Alperstaedt (27.10.2009)

Von Sido kann man halten was man will: Viel, wenig, gar nichts. Seine Lieder sind Geschmackssache und allzu oft sprechen Rapper bei grenzwertigen Texten von Ironie oder "satirischen Elementen". Ich glaube Ihnen nur selten.

Die Musik des Berliner Rappers Sido ist in letzter Zeit jedoch sozialkritischer geworden. Und das sogar auf eine Art und Weise, die Jugendliche nicht unbedingt verstört oder in kritikwürdigen Ansichten mit derben Ausdrücken unterstützt. Ein Beispiel, das mir gut gefallen hat, war der Song "Mach die Augen auf", in denen er von Kindern in Schwierigkeiten, aber auch von der Verantwortung deren Eltern singt. Das war das erste Mal, dass ich dachte: Es lohnt sich, über Sido nachzudenken.

In den letzten Tagen wurde nun seine neue Single "Hey Du" veröffentlicht, in der er von seinem Leben und seiner Herkunft aus Ost-Berlin erzählt. Der Sido, der vor einigen Jahren noch über das Märkische Viertel (ein Stadtteil in West-Berlin) rappte, ist in Ost-Berlin 1980 geboren worden. Seine Familie verließ die DDR 1989 Richtung West-Berlin und lebte die erste Zeit in einem Asylantenheim im Berliner Bezirk Wedding. Es folgte später der Umzug in das Märkische Viertel.

Die Jahre darauf verheimlichte er seine Herkunft. Seiner Aussage nach lag das auch daran, dass er sich im West-Berliner Hip-Hop-Milieu bewegte, in dem die Rapper aus Ost-Berlin als Konkurrenten galten. Er war in Ost-Berlin geboren und fühlte sich in West-Berlin zu Hause. Zu diesem Zeitpunkt ließ sich beides in seinen Augen anscheinend nicht vereinbaren.

Nun lüftet er sein "Geheimnis" zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, die Single über seine Ost-Vergangenheit wird ein paar Wochen vor den Feierlichkeiten veröffentlicht. So sehr ich mich grundsätzlich für Schicksale aus der DDR interessiere, kommt mir das Timing für diesen Einblick in Sidos persönliche Geschichte doch irgendwie berechnend vor. Sollte dies so sein, finde ich es kritikwürdig, aus diesem Jubiläum einen finanziellen Vorteil ziehen zu wollen.

Auf der anderen Seite: Vielleicht war es auch einfach der Anlass, den Sido brauchte, um sich so zu öffnen. Denn es handelt sich um keinen Bericht über ein glückliches Leben, sondern um tragische Ereignisse aus dem Leben eines 9 jährigen kleinen Jungen. Das ist meiner Meinung nach letztendlich wesentlich wichtiger und ergreifender, als der sich vielleicht aufdrängende Zweifel am gewählten Moment.

Wer sich selbst ein Bild über den neuen Song machen möchte, kann hier hineinhören und sich das Video anschauen.

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