Für Sie gelesen

"Der Berliner Alexanderplatz" von Gernot Jochheim

Der Berliner Alexanderplatz - das ist geschäftiges Treiben, das ist quirliges Leben, das sind Menschenmassen, das ist Treffpunkt für jedermann, Einheimische und Besucher aus aller Welt. Und der Berliner Fernsehturm! Der steht doch mitten auf dem Alexanderplatz! Richtig? Falsch!
von Melanie Alperstaedt (09.09.2014)

Der Berliner Alexanderplatz - das ist geschäftiges Treiben, das ist quirliges Leben, das sind Menschenmassen, das ist Treffpunkt für jedermann, Einheimische und Besucher aus aller Welt. Und der Berliner Fernsehturm! Der steht doch mitten auf dem Alexanderplatz! Richtig? Falsch! Der bis 1969 erbaute 'Telespargel', bis heute höchstes Gebäude Deutschlands, so wie auch die Marienkirche und der umgesetzte Neptunbrunnen stehen auf einem Areal, das kurioserweise bis heute keinen Namen hat. Dennoch wird die Fläche von vielen Menschen dem Alexanderplatz zugerechnet. Dieser mythenträchtige Ort befindet sich jedoch genau auf der anderen Seite der Stadtbahn und des Bahnhofs. Ham se nich jewusst? Könn se nachlesen! Wir empfehlen dazu wärmstens unseren heutigen Schatz aus der Bibliothek: "Der Berliner Alexanderplatz" von Gernot Jochheim.

Das Buch zeichnet die Entstehung und fortwährende Entwicklung des historischen Platzes von Anbeginn der Stadtgeschichte bis heute nach. Schon auf frühesten Zeichnungen der Doppelstadt Berlin/Cölln um 1500 lässt sich ziemlich klar der Ort bestimmen, auf dem später der legendäre Großstadtplatz entstehen wird. Es ist die Schnittstelle mehrerer Fernverbindungswege, die sich vor dem einzigen Tor Berlins nach Osten treffen. Als sich später im Januar 1701 Kurfürst Friedrich III. selbst zum König von Preußen krönt, gibt sein darauffolgender Einzug in die Stadt Anlass, dieses Tor in "Königs-Thor" und die sich dort befindliche Brücke über den Festungsgraben in "Königsbrücke" umzubenennen. Vor dem Tor entstand durch das Aufeinandertreffen mehrerer Handeslwege ein Platz, der in offiziellen Dokumenten "Königs Thor Platz" hieß. Hier wurde zum einen reger Handel getrieben, während dessen südöstlicher Teil dem Militär als Paradeplatz diente. Als 1805 der russische Zar Alexander I. zu Besuch nach Berlin kam, wurde ihm zu Ehren der Paradeplatz in Alexanderplatz umbenannt.

1882 entstand eine moderne Stadtbahn, die den bereits vorhandenen Außenbahnring durch eine Querverbindung von Ost nach West ergänzte. Ausgeführt wurde die Strecke als Viaduktbahn mit mehr als 700 gemauerten Bögen, hierfür wurde auch die Königsbrücke genutzt. Bis heute zeugt der Verlauf mit den Bahnhöfen Hackescher Markt (damals "Börse") und Alexanderplatz bis hin zur Spree an der Jannowitzbrücke von dem Verlauf der Berliner Festungsanlage.

1884 eröffnet das majestätische "Grand Hôtel Alexanderplatz", 1886 die riesige Zentralmarkthalle, die sogar einen direkten Gleisanschluss zum Stadtbahnviadukt erhält. 1889/90 wird das monumentale Polizeipräsidium fertiggestellt, das fortan als Synonym für den Alexanderplatz gilt und als "Zwingburg am Alex" bezeichnet wird. 1911 ist das gigantische Volkswarenhaus von Hermann Tietz (später Hertie) vollendet, das mit einer Länge von 250 Metern an der Alexanderstraße die damals längste Warenhaus-Fassade der Welt hat. 1932 werden das Berolinahaus und das Alexanderhaus fertig, Stahlbetonkonstruktionen in Skelettbauweise von Peter Behrens - diese beiden sind die einzigen aller aufgezählten Bauwerke, die alle Kriege überdauern und bis heute bestehen bleiben sollen.

Nachdem er während des zweiten Weltkrieges nahezu vollständig in Trümmern lag, erfährt der Alexanderplatz zu Zeiten der DDR die einschneidenste Umgestaltung. In den Jahren 1969/70 wird sowohl der Fernsehturm eröffnet, die Weltzeituhr aufgestellt und der Brunnen der Völkerfreundschaft eingeweiht. Außerdem wird an der Nordseite des Berolinahauses, dem einstigen Standpunkt des Tietz-Kaufhauses, das HO CENTRUM-Warenhaus (heute "Galeria Kaufhof") mit der markanten wabenartigen Aluminiumverkleidung erbaut. Auch das Interhotel "Stadt Berlin" (heute "Park Inn") wird eröffnet. Der Platz verliert seine ursprüngliche Form und wird bis 1998 frei von Verkehr, wo sich zuvor mehrere Straßenbahnschienen kreuzten. Stattdessen erhält er große Umfahrungsstraßen, die den Platz bis heute einfassen. Zwischen der Karl-Liebknecht-Straße, der verlängerten Karl-Marx-Allee, der Grunerstraße und der Stadtbahntrasse mit dem Bahnhof Alexanderplatz entsteht so eine riesige rechteckige Fläche von etwa 350 mal 200 Metern oder rund sieben Hektar. Und DAS ist der Alexanderplatz ;-)

Wer dies alles und noch viel viel mehr nachlesen möchte, wen die Geschichte des mythenträchtigen Alexanderplatzes fasziniert und interessiert, dem sei nachdrücklich das Buch "Der Berliner Alexanderplatz" von Gernot Jochheim empfohlen! Erschienen ist das Werk im März 2006 im Berliner Ch. Links Verlag und es ist neben zahllosen Fakten, Geschichten und Informationen rund um den Alexanderplatz auch angefüllt mit unzähligen historischen Originalaufnahmen, Fotos und Karten. Das Buch hat die ISBN 978-3-86153-391-7 und ist mit 29,90 € sein Geld mehr als Wert!

 

Offenbar hatte Karl Scheffler (1861 - 1951) mit seiner These vom "Stadtschicksal Berlin" doch recht, wonach Berlin nicht "ist", sonder dazu verdammt scheint, "immerfort zu werden". Ganz in diesem Sinne ist der Alexanderplatz "typisch Berlin". (vgl. S. 205)

 

Foto oben: Wladyslaw Sojka

 

Mehr zum Thema

Tickets ohne Warteschlange ab € 5,50   Jetzt kaufen