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"Den Blues haben - Momente einer jugendlichen Subkultur in der DDR"

Unser heutiger Schatz aus der Bibliothek ist der 2. Band der Schriftenreihe "Berliner Ethnographische Studien - Kulturwissenschaftlich-ethnologische Untersuchungen zu Alltagsgeschichte, Alltagskultur und Alltagswesen in Europa", herausgegeben vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. von Admin (27.01.2015)

Unser heutiger Schatz aus der Bibliothek ist der 2. Band der Schriftenreihe "Berliner Ethnographische Studien - Kulturwissenschaftlich-ethnologische Untersuchungen zu Alltagsgeschichte, Alltagskultur und Alltagswesen in Europa", herausgegeben vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Diese Reihe soll "Themen und Perspektiven einer Europäischen Ethnologie einem größeren wissenschaftlichen wie außeruniversitären Publikum zugänglich machen" (vgl. Vorwort der Herausgeber). Im vorliegenden Band beschäftigt sich Thomas Kochan, selbst ehemaliger Anhänger dergleichen, ausführlich und differenziert mit der jugendlichen Subkultur der 'Blueser' in der DDR: "Den Blues haben - Momente einer jugendlichen Subkultur in der DDR".

Kochan legt dar, dass die bluesige Szene nicht als statisches Phänomen zu verstehen ist, sondern sich die Entwicklung der Szene in drei historische Abschnitte unterteilen lässt: die Konstitutionsphase bis Mitte der siebziger Jahre, in der sich die Subkultur formierte und ihren eigenen Stil kreierte; die Hoch-Zeit in der zweiten Hälfte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre, in der das "Lebensgefühl Blues" zum Leitthema der Szene wurde; und die Stagnationsphase bis Ende der Achtziger, in der an den bewährten Mustern festgehalten wurde. Des Weiteren stellt er fest, dass sich ein fester "starting point" schwerlich festlegen lässt, diese Subkultur vielmehr als Verflechtung aus drei Entwicklungslinien hervorging: Der Beatmusik im Zuge der Beatlemania um 1964, des schwarzen amerikanischen Blues, dessen Startschuss das American Folk Blues Festival (1964 - 66 in der DDR zu Gast) gab, sowie die Aneignung der Hippie-Botschaften von "Love and Peace" um 1968.

Auch stellt Thomas Kochan fest, dass die Bluesbands und die bluesige Subkultur sich gegenseitig bedingten: Ohne das Bedürfnis der langhaarigen Jugend, den Blues zu hören, wäre er kaum zu einer "gewichtigen Größe der DDR-Rocklandschaft" aufgestiegen; ohne die Bluesbands hätte der Subkultur aber auch das musikalische Äquivalent zu ihrem Lebensgefühl gefehlt. Beide Entwicklungen, die Welle an entstehenden Bluesgruppen und die anwachsende Subkultur, scheinen vielmehr das Ergebnis einer sich breit machenden Stimmung der Unzufriedenheit und Resignation nach dem Ende der liberalen Phase gewesen zu sein. Der Blues als Klage- und Trauerlied - so wie er in Europa verstanden wird - konnte diesen Seelenzustand am geeignetsten transportieren.

Thomas Kochan hat für diese Arbeit diverse Interviews sowohl mit Zeitzeugen als auch namhaften Bluesmusikern geführt und recherchierte umfassend in Archiven von MfS, Polizei, Kirche uvm. Nach Prolog und Einleitung ist das vorliegende Werk in drei Teile geteilt: "Auffädeln: die Subkulturhistorie", "Erinnern: die Interviews" und "Verknüpfen: die Kulturanalyse". Es folgen Epilog sowie der Anhang, bestehend aus Quellen- und Literaturverzeichnis sowie der Auflistung der Interviewpartner/innen, der Archivalien und der Literatur.

"Den Blues haben - Momente einer jugendlichen Subkultur in der DDR" von Thomas Kochan wurde 2002 von der Humboldt-Universtität im LIT Verlag Berlin herausgegeben. Das Werk hat die ISBN 978-3-8258-5998-3 und kostete 9,90 €.

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