Ausstellung

Das Wohnzimmer - Teil 3: Die Perspektive der Kuratorin

Heute soll es um das Wohnzimmer der WBS 70-Plattenbauwohnung unserer Ausstellung gehen...
von Elke Sieber (18.10.2016)

Heute soll es um das Wohnzimmer der WBS 70-Plattenbauwohnung unserer Ausstellung gehen. Auch in der DDR war das Wohnzimmer der Raum in dem das Familienleben stattfand. Hier wurde gemeinsam gegessen, gespielt, ferngeschaut oder man unterhielt sich. Natürlich wurden auch die Festtafeln bei der Jugendweihe oder dem runden Geburtstag gerne im größten Raum der Plattenbauwohnung aufgebaut und das große Sofa bot Platz zum Lesen und Musikhören.


Sie sehen, allein durch die damalige Nutzung des Raumes bieten sich diverse Themen an, die das Privatleben der DDR-Bürger genauer beleuchten. Nun galt es, diese Themen in einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Die sofort ins Auge fallende Carat-Schrankwand, die in vielen Wohnzimmern anzutreffen war, ist auf den ersten Blick authentisch wie zu DDR-Zeiten eingerichtet. Es stehen verschiedene Bücher im Regal, die im „Leseland DDR“ für jedermann zu ergattern waren, einige Dekoartikel wie Vasen, Krüge und Töpferwaren und eine damals teuer zu erstehende Musikanlage nebst Kassettenkarussell. Doch getreu unseres Museumkonzepts steckt mehr dahinter als die bloße Darstellung der Wohnsituation von damals. Öffnet man die Klappen und Schubladen sind auch hier Informationen zu den Themen nachgemachte Spiele, Fernsehkonsum, Wohnungssuche und Wohnraumzuteilung, WBS 70, Möbelkauf, Drogen- und Alkoholkonsum sowie Feste und Feiern zu finden.

Blick in die Carat-Schrankwand
Durch die Sammlung der Spielekopien-Experten Michael Geithner (Social Media Manager) und Martin Thiele-Schwez kamen wir an eine Reihe ganz besonderer Exponate: Spielekopien, die liebevoll von DDR-Bürgern von Hand gefertigt wurden, veranschaulichen, welchen Aufwand Menschen in der geschlossenen Gesellschaft betrieben, um selbst die Brett- und Kartenspiele des Westens ins eigene Wohnzimmer zu holen. Eine der häufigsten Kopien war übrigens das kapitalistische Monopoly!

Das Thema West- und Ostfernsehen nimmt außerdem breiten Raum ein. Stets konnte der Klassenfeind Einzug in den Wohnzimmern halten, da die Funksignale aus dem Westen die Mauer überquerten. Lediglich in einigen kleinen Gebieten, insbesondere um das weit östlich gelegene Dresden, konnten sich die Bürger nicht zensurfrei über das Westfernsehen darüber informieren, was in der Welt und auch im eigenen Land vor sich ging. Als interaktives Museum sollen auch unsere Besucher selbst entscheiden, welches Programm sie wählen. Über einen Touchscreen, der in den berühmten Mufuti (Multifunktionstisch) eingelassen ist, können verschiedene Sendungen eines ganz normalen Montagabends, dem 3. März 1984, angewählt werden, die dann auf der Röhre in der Schrankwand gespielt werden. Vom Sandmännchen, selbstverständlich Ost und West, über die Aktuelle Kamera oder Tagesschau bis zum Spielfilm oder Schwarzen Kanal sind dem Zappen keine Grenzen gesetzt. Der Tag wurde übrigens deshalb gewählt, da er gerade nichts Außergewöhnliches bot, sondern einen normalen Montag in der DDR abbildet. Jedoch war eben der Montag eine zentrale Entscheidung, um den Besuchern den montäglichen Schwarzen Kanal vorführen zu können.

Auch eine weitere Installation bietet eine Vielzahl an Auswahlmöglichkeiten: die Audiostation zum Thema Musik und Literatur in der DDR. Hier kann der Besucher aus den Top 100 von 40 Jahren DDR oder zwölf DDR-Literaturklassikern wählen und sogar für die Museumscharts abstimmen. Für die Auswahl der Titel unterstützte uns der ehemalige AMIGA-Chef Jörg Stempel, aber auch die Community aus den Social-Media-Kanälen, die das Museum über diverse Musiktitel abstimmen ließ, um ein möglichst authentisches Bild über die beliebtesten DDR-Hits zu bekommen. Allerdings verstecken sich auch einige wenige subversive Songs im Repertoire, ganz wie sie auch zu DDR-Zeiten zwischen den AMIGA-Platten verschwanden.

Darüber hinaus bieten verschiedene Kaufbelege, wie beispielsweise für die Carat-Schrankwand, den Trabant oder Colormat-Fernseher Anhaltspunkte für die staatlichen Preisfestlegungen. Grundgüter wie etwa Brötchen, Wohnungsmieten, Strom oder Wasser waren vom Staat subventioniert und sehr günstig, jedoch fielen sehr viele Produkte – vom Kühlschrank bis zum Fernseher - zumeist Mangelwaren, unter die Kategorie Luxusgut und waren nur zu beträchtlichen Preisen zu erstehen.

Ein weiterer Teil der Schrankwand widmet sich den Themen Alkoholkonsum sowie Feste und Feiern. Doch auch wenn es viele Feier, Gedenk- und Kampftage gab sowie die christlichen Feste und DDR-typische Familienfeste wie die Jugendweihe gefeiert wurden, war der Alkohol sehr viel alltäglicher. Bedenklich, zeigt die Statistik, schnellten die Pro-Kopf-Verbrauchszahlen in den 40 Jahren nach oben und lagen weitaus höher als in der Bundesrepublik. Dasselbe Bild liefern die Zahlen zum Zigarettenkonsum des einzelnen Bürgers. Die harten Drogen waren dafür im Westen viel stärker verbreitet, kamen sie doch zumeist gar nicht an den Grenzkontrollen der DDR vorbei.

Wer nach diesem Streifzug durch die Alltagsaspekte und –probleme gerne wieder selbst aktiv werden möchte, der kann am Esstisch Platz nehmen und an der Erika-Schreibmaschine seine Gedanken aufschreiben oder einfach einmal den Telefonhörer abnehmen, um zu erfahren, was der Anrufer zu sagen hat. Aber auch ein Verweilen am großen Fenster lohnt sich. Man hat nicht nur das Gefühl, dass der Tag hier im Wohnzimmer kurzweiliger ist....
 

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