Das geheime Imperium

Gestern stellte der Wirtschaftshistoriker Matthias Judt im DDR-Museum ein im Ch. Links Verlag erschienenes Buch vor. Der Titel lautet: „Der Bereich kommerzielle Koordinierung".
von Dr. Stefan Wolle (08.05.2013)


Gestern stellte der Wirtschaftshistoriker Matthias Judt im DDR-Museum ein im Ch. Links Verlag erschienenes Buch vor. Der Titel lautet: „Der Bereich kommerzielle Koordinierung".

Auf dem Titelfoto des Buches sieht man das heute noch wohlbekannte Gesicht von Franz Joseph Strauß. Mit breitem Grinsen begrüßt er Erich Honecker, die Nummer eins im Machtgefüge der DDR. Neben dem Generalsekretär steht ein stämmiger Mann mit Sonnenbrillen, der damals nur Insidern bekannt war. Dr. Alexander Schalck-Golodkowski - graue Eminenz der DDR-Außenwirtschaft, Finanzjongleur im Auftrage der SED, Spezialist für dunkle Kanäle, oberster Menschenhändler und Offizier im besonderen Einsatz des Ministeriums für Staatssicherheit, eine Figur, die seit seiner spektakulären Flucht vor den eigenen Leuten im Dezember 1989, von Mythen umwoben ist.

Doch das Buch von Matthias Judt bietet keine billigen Sensationen sondern gesicherte Fakten. Der Autor sieht sein Buch in erster Linie als einen Betrag zur Entmystifizierung und Versachlichung der Diskussion. Der Bereich Koko war dem Wesen nach ein Außenhandelsunternehmen, das ohne die planwirtschaftlichen Hemmnisse der normalen Betriebe international agieren durfte. Der Verfasser verschweigt keineswegs die dubiosen und teilweise kriminellen Praktiken der Koko, beispielsweise bei der Beschlagnahme von Antiquitäten. Seine Ausgangsfrage aber ist weitergehend: Hat der Bereich Koko der DDR mehr genutzt oder geschadet? Das Urteil ist zwiespältig. Langfristig jedoch scheint sich vor allem die Beförderung der Gestattungsproduktion negativ ausgewirkt zu haben. Tendenziell wurde die DDR zum Billiglohnland des Westens.

Die Diskussion nach dem einleitenden Vortrag war sehr sachlich. Selbst hervorragend informierte Zuschauer zeigten sich über viele Einzelheiten erstaunt. Wer wusste z.B., dass achtzig Prozent der Westberliner Autos mit Kraftstoff aus der DDR fuhren? Jenseits aller Stasi-Enthüllungen sind die Ost-West-Verflechtungen in den siebziger und achtziger Jahren immer noch ein Thema voller Überraschungen.



 

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