„Compañeros-Im sozialistischen Amerika“, die Beziehungen zwischen Kuba und der DDR

von Jörn Kleinhardt (28.05.2015)

Kuba, die kleine Insel in der Karibik, war für viele Ostdeutsche ein exotischer Traum. Die Revolutionäre unter der Führung von Fidel Castro und Ernesto „Che“ Guevara stürzten den  Diktator Fulgencio Batista und bauten die kolonialen Strukturen zu einer sozialistischen Gesellschaft um. Zunächst wurden die kubanischen  Sozialisten in Ostberlin misstrauisch beäugt, da sie im Gegensatz zu den durch die sowjetischen Parteischulen geprägten SED Genossen einen relativ eigenständigen Weg des Sozialismus gingen. Zu riskant schien den Genossen um Walter Ulbricht der eigenständige und selbstbestimmte Weg der Kubaner. Ein internes Regierungspapier aus dem Jahr 1963 beschreibt die Situation so: "Castro geht nur ungenügend von den ökonomischen Realitäten aus und zeigt Ansätze zu gewagten Experimenten." Allen Vorbehalten zum Trotz gab es in den Anfangsjahren eine Zusammenarbeit auf staatlicher Ebene. So halfen beispielsweise Experten des Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministerium des Innern beim Aufbau kubanischer Polizei- und Geheimdienststrukturen.

Nachdem Erich Honecker die Regierungsgewalt in der DDR übernahm, intensivierten sich die deutsch-kubanischen Beziehungen. Im Jahr 1972 erfolgte der erste Besuch Fidel Castros in der DDR. Zwei Jahre später besuchte eine Delegation angeführt von Erich Honecker den sonnigen Inselstaat. Auch die wirtschaftlichen Beziehungen wurden verstärkt. Ostdeutsche Ingenieure und Berater unterstützten die Kubaner beim Bau leistungsfähiger Industrieanlagen wie Kraftwerken oder dem Zementwerk "Karl Marx" in Cienfuegos, welches in den 1970er Jahren erbaut wurde und bis heute das größte Zementwerk Lateinamerikas ist. Das Schul- und Gesundheitssystem Kubas wurde nach DDR Vorbild reformiert. Lehrkräfte und Wissenschaftler aus der DDR verhalfen dem kleinen Land innerhalb weniger Jahre zu einem enormen Entwicklungsschub. Schon wenige Jahre später gab es auf Kuba kaum noch Analphabeten, ein Umstand der für lateinamerikanische Verhältnisse sehr fortschrittlich war.

Durch das von den USA nach der Kubanischen Revolution verhängte Embargo musste Kuba einen Großteil seiner benötigten Nahrungsmittel aus den Ländern des Ostblocks importieren. Für Beraterleistungen und Grundnahrungsmittel erhielt die DDR im Gegenzug Zucker oder begehrte Südfrüchte wie die sehr kernhaltige „Kuba Orange“, Bananen oder Ananas. Auch seltene Bodenschätze wie Nickel konnte die kleine Karibikinsel anbieten. Zudem schickte Kuba tausende von Arbeitern in die DDR. Diese Vertragsarbeiter wurden in verschiedenen Industrieberufen wie beispielsweise in der Textilindustrie ausgebildet und sollten ihr erlerntes Wissen später im eigenen Land anwenden. Für die DDR war es eine günstige Möglichkeit den chronischen Arbeitskräftemangel in der Industrie entgegenzuwirken.

Zudem wurde versucht Kuba als Tourismusdestination zu etablieren. Tatsächlich gab es ab 1973 für DDR Bürger die Möglichkeit über das Reisebüro der DDR nach Kuba zu reisen. Da das Platzkontingent allerdings sehr knapp war und die Reisen selbst für DDR Verhältnisse sehr teuer waren, waren die Urlaubsreisen meistens Partei- und Regierungskadern vorbehalten.

Mit dem Zusammenbruch des Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) ab Ende der 1980er Jahre verschwand Kubas größter Wirtschaftspartner. Zuvor wickelte der Karibikstaat 85% seines Handelsvolumens mit dem „Ostblock“ ab. Das kleine Land fiel in eine tiefe Krise und musste sich über die Jahre auf Tourismus als Haupteinnahmequelle umorientieren. Ab 2013 wurden die restriktiven Ausreiseregelungen für Kubaner gelockert.

Was von dem knapp drei Jahrzehnte währenden Engagement der DDR bleibt, ist die bis heute fortschrittliche Bildungs- und Gesundheitsversorgung der Kubaner. Pro Kopf besitzt das kleine Land die höchste Ärztedichte der Welt, auf 10.000 Einwohner kommen 64 Ärzte. Zum Vergleich in Deutschland kommen 35 Ärzte auf 10000 Einwohner, in den USA 27, in Norwegen 39, in Frankreich 37 und in Belgien 42 Ärzte. Trotz eigener wirtschaftlicher Probleme unterstützt Kuba bis heute andere Entwicklungsländer insbesondere im medizinischen Bereich und ist weltweit in vielen humanitären Einsätzen mit medizinischem Personal präsent.

Der charismatische Revolutionär und Diktator Fidel Castro, seit 1961 im Amt als Regierungschef, Staatspräsident und Vorsitzender der Kommunistischen Partei Kubas, überdauerte den kompletten Zeitraum vom DDR Engagement und der darauffolgenden Jahre. Mit insgesamt 49 Jahren gilt Castro als der am längsten regierende nichtmonarchische Herrscher des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Erst vor vier Jahren gab er die Regierungsmacht an seinen jüngeren Bruder Raul ab.

Unser Blogtitel „Compañeros- Im sozialistischen Amerika“ ist angelehnt an das gleichnamige Buch aus dem Jahr 1974. Erschienen im Brockhaus Verlag Leipzig, wird auf 160 Seiten der Freundschaftsbesuch der Partei- und Regierungsdelegation der DDR unter Leitung Erich Honeckers dokumentiert. Mit zahlreichen Abbildungen soll ein  Einblick in den sozialistischen Alltag der exotischen Karibikinsel vermittelt werden. Die Texte sind im Duktus ihrer Zeit sozialistisch geprägt.

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