Bundespräsident Wulf zu Besuch bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Ein Anstoß zum Nachdenken über Verharmlosungstendenzen

Dort eröffnete Wulf die gemeinsame Veranstaltungsreihe "Vergangenheit erinnern - Demokratie gestalten" und warnte dabei vor der Verharmlosung der SED-Diktatur.
von Melanie Alperstaedt (05.07.2011)

Dort eröffnete Wulf die gemeinsame Veranstaltungsreihe "Vergangenheit erinnern - Demokratie gestalten" und warnte dabei vor der Verharmlosung der SED-Diktatur.

Er ist nicht der erste, er wird auch nicht der letzte sein, der vor der Verharmlosung warnt. Auch wir werden in unserer alltäglichen Arbeit regelmäßig mit Verharmlosungstendenzen konfrontiert. Sei es beim Familientreffen, im Internet oder in der Literatur: Ein "So schlimm ist es nicht gewesen!" werden Sie doch sicherlich auch schon gehört haben, oder?
Es gibt die Zahlen über politische Gefangene, das Vorgehen der Staatssicherheit ist bekannt, an der Mauer wurden Staatsbürger erschossen, die Verletzungen der Menschenrechte waren eindeutig, es gab keine freien Medien und das Wahlrecht war weit von gleich, frei und geheim entfernt.
Selbst wenn man glaubt, dass all dies das eigene Leben damals nicht betroffen hat, weiß man doch heute nach all der Aufklärung, dass es tausend andere Menschen in der DDR betraf. Ist das den Menschen egal, weil dieses Unrecht nicht im persönlichem Umfeld vorgekommen ist?
Liegt die Verharmlosung daran, dass die Ergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung nicht akzeptiert werden? Glaubt man, dass die Betroffenen von DDR-Unrecht doch selbst schuld sind oder lügen? Ist es die Unzufriedenheit mit den heutigen Verhältnissen? Ist es die Sehnsucht nach all dem, was man im Gegenzug für den Verlust der Freiheit bekommen hat so groß?
Ist die Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen der DDR auch eine Kritik am Leben des einzelnen DDR-Bürgers?  Hat dies mit der erlernten starken Identifikation jedes einzelnen mit der DDR zu tun? Kritik am Staat gleich Kritik am Bürger? Für uns nicht, für andere schon.

Sie merken, dass sind viele Fragen und wenig Antworten. Ich selbst komme nicht aus der DDR und kann die Verharmlosungstendenzen nicht nachvollziehen. Was jedoch auffällt, ist die Aggressivität und der scharfe Ton, der einem bei solchen kritischen Fragen entgegenschlägt. Von der Absprache der Kompetenz aufgrund mangelnder DDR-Sozialisation oder des Alters bis hin zur Geringschätzung der wissenschaftlichen Ausbildung. Überspitzt formuliert: In der Diskussion über das Unrecht in der DDR disqualifiziert die kritische Frage den Fragestellenden als Unwissenden mit westlich-verblendeter Siegermentalität.

Und jeder Moment im Leben, in dem eine kritische Frage so heftig abgestraft wird, sollte meiner Meinung nach zum Nachdenken anregen.

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