„Beim Barte des Proleten“ – Ein Abend im Zeichen der legendären "Distel"

von Admin (05.02.2014)

Am gestrigen Abend hatten wir wieder eine sehr spannende Veranstaltung in unserem Besucherzentrum. Jürgen Klammer las aus seinem umfangreichen Werk über das bekannte Berliner Kabarett-Theater „Distel“, welches den Titel „Beim Barte des Proleten“ trägt. Zusätzlich, sozusagen als „Sahnehäubchen“, unterhielt er das Publikum mit originalen Ton- und Filmmitschnitten aus den Programmen der „Distel“.

 

Klammer studierte Finanzwirtschaft und Informatik in Ost-Berlin, war jedoch seit seiner Jugend vom Kabarett begeistert und arbeitete in den siebziger Jahren auch einige Zeit selbst als Autor für die „Distel“. In den vergangenen zehn Jahren befasste er sich eingehend mit deren Geschichte, recherchierte in Archiven und sprach mit nahezu allen der noch lebenden Schauspieler aus den ersten Jahrzehnten des Kabaretts. „Die Distelals ein Verdienst von für das Kabarett brennenden Künstlern darzustellen, ihre Gedanken zur jeweiligen politischen Situation nachzuvollziehen, dabei gleichzeitig einen Einblick in das höchst interessante Auf und Ab der grauen wie bunten Kulturpolitik der untergegangenen DDR, des gescheiterten Versuchs eines sozialistischen Deutschlands zu geben – das ist das Anliegen des vorliegenden Buches.“, heißt es im Vorwort.

 

Gestern Abend berichtete Klammer beispielsweise von dem bekannten Kabarett-Autor Helmut Schneller alias Hans Rascher und von der Schauspielerin Ingrid „die Ohle“ Ohlenschläger, die 1968 aus der DDR floh. Begeistert lauschten wir einem der Berlin-Lieder von 1958, dem „Rosenthaler Fratz“,  in welchem Gina Presgott (sehr bekannt durch ihre Version von "Pack die Badehose ein" im Jahre 1952) die Träume einer siebenjährigen Göre vom Rosenthaler Platz so inniglich besang, dass trotz herzlichem Lachen noch immer die Stimmung im späten Nachkriegs-Berlin nachempfunden werden konnte.

 

Ein weiteres, ganz besonderes „Schmankerl“ war definitiv eine Filmaufnahme, die den berühmten Gerd E. Schäfer in seiner Rolle als „Gesamtberliner“ zeigte. „Mit dieser Figur hat der sich als „Gesamtberliner“ fühlende und immer noch in West-Berlin lebende, jedoch für das Ost-Berliner Kabarett schreibende Autor Hans Rascher die Widersprüchlichkeiten des zwar politisch und wirtschaftlich, aber noch nicht architektonisch durch eine Mauer geteilten Berlin auf die Spitze getrieben. Mitten zwischen zwei Schildern mit der Aufschrift „Sie betreten den Amerikanischen Sektor von Berlin“ und „Ende des DemokratischenSektors von Gross-Berlin“, direkt an der Grenze stehend, begann der sich ebenfalls noch als „Gesamtberliner“ fühlende Schauspieler Gerd E. Schäfer – er war gerade erst von Neukölln nach Prenzlauer Berg umgezogen – seine Rede mit dem später zum Klassiker gewordenen Satz: Und nu wer ick Ihnen mal wat erzählen! Auch über ein halbes Jahrhundert später hat dieses Stück nichts von seinem Witz und Charme eingebüßt. Das Publikum brüllte vor lachen!

 

Die obligatorisch im Anschluss stattfindende Frage- und Diskussionsrunde wurde immer wieder von Lachsalven unterbrochen, es wurden bestimmte Kabarett-Theater mit bestimmten Musikgruppen verglichen und natürlich wurden auch die, manchmal versteckten, politischen Bedeutungen bestimmter Stücke besprochen.

 

Fazit: Eine ausgelassene, spannende Veranstaltung, die durch Jürgen Klammer mit einem charmanten Vortragenden abgerundet wurde.

 

Das umfangreiche, mit zahlreichen Originaldokumenten ausgestattete Werk „Beim Barte des Proleten“ umfasst 272 Seiten, enthält über 500 Abbildungen sowie 100 Künstler- Porträts. Der Preis beträgt 34,90 €.

Es kann bezogen werden in ausgewählten Buchhandlungen sowie direkt über den selbstironieverlag, Schwägrichenstraße 1, D-04107 Leipzig. ISBN ist die 978-3-00-043382-5.

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