Aus unserer Sammlung: Schallplatten von AMIGA und LITERA

Liebevoll geordnet und feinsäuberlich im Inhaltsverzeichnis eingetragen lachen uns die bunten Cover der DDR-Schallplatten einer Plattentasche entgegen. Doch die Vielfalt der farbenprächtigen Plattenhüllen täuscht, stammt doch jede einzelne von ihnen aus dem Presswerk der "VEB Deutsche Schallplatten Berlin, der einzigen Plattenfirma der DDR.
von Admin (17.07.2014)

Liebevoll geordnet und feinsäuberlich im Inhaltsverzeichnis eingetragen lachen uns die bunten Cover der DDR-Schallplatten einer Plattentasche entgegen. Doch die Vielfalt der farbenprächtigen Plattenhüllen täuscht, stammt doch jede einzelne von ihnen aus dem Presswerk der "VEB Deutsche Schallplatten Berlin, der einzigen Plattenfirma der DDR.

Auf  den Trümmern der zerstörten Plattenindustrie gründete der Arbeitssänger Ernst Busch in der Nachkriegszeit die Lied der Zeit GmbH, die von einem kleinen Handwerksbetrieb zu einem großen Unternehmen avancierte und schließlich die Monopolstellung als einziger Produzent legaler Tonträger einnahm. Nach ihrer Verstaatlichung erfolgte 1955 die Umbennenung in der VEB Deutsche Schallplatten, dem Volkseigenen Betrieb, welche im Laufe der Jahre insgesamt sieben Unterlabels mit unterschiedlichen Schwerpunkten hervorbrachte.

Den größten Erfolg erzielten dabei die AMIGA-Produktionen, die das breite Spektrum zwischen Schlager, volkstümlicher Musik, Pop und Rock abdeckten. Daneben versorgte LITERA die DDR-Bürger mit Sprech- und Märchenaufnahmen, wohingegen ETERNA ähnlich der NOVA als Plattform für die neue Ernste Musik mit großen Orchestern kooperierte und das sogenannte „kulturelle Erbe“ publizierte.

In den Arbeiterlieder-Platten von AURORA, und SCHOLA, die Unterrichtsmaterial herstellte, spiegelt sich der (kultur)politische Auftrag wider, den die VEB Schallplatten Berlin als einzige Plattenfirma in der ostdeutschen Tonträgerindustrie neben der reinen Publikation von Musik verfolgte. Das Label HO-Echo kam dagegen nie auf den Markt, obwohl es speziell für die staatlichen Handelsorganisationen des Einzelhandels konzipiert war. Diese waren neben dem Konsum das Versorgungsorgan der DDR schlechthin.

Die kleine Plattensammlung erzählt trotz begrenzter Quantität die Geschichte der Plattenindustrie der DDR, die trotz Produktionseinschränkungen erfolgreiche Platten im Inland und der Welt herausbrachte.

Die Filmmusik mit den beiden Titeln Dakota und Sioux zum DEFA-Film Die Söhne der großen Bärin  sind zwei mit dem Orchester Günther Gollasch umgesetzte Foxtrotte, die 1965 auf AMIGA publiziert wurden. Der erste Indianerfilm der DEFA basiert auf einer Romanvorlage von Liselotte Welskopf-Henrich und orientiert sich im Gegensatz zum Westpendant der Winnetoufilmreihe weniger an  Spannung als vielmehr an historischen Fakten. Der Protagonist Gojko Mitic symbolisierte in seiner Rolle als Häuptling Tokei-ihto Freiheit und Unabhängigkeit und stieg dadurch zum Idol der DDR-Jugend auf.

Die Platte von Aurora Lacasa in der kleinen Plattentasche verwundert nicht, da sie eine sehr populäre ostdeutsche Schlagersängerin war, die sich auch erfolgreich auf dem Terrain des Chansons bewegte. Ihr Erfolg öffnete ihr die Pforten in fast alle osteuropäischen Staaten, die ehemalige UdSSR, Cuba, aber auch in westliche Länder wie Frankreich oder Spanien. Den Hit Rock Bottom nahm sie mit der Gruppe Wir auf, die mit ihrem damaligen poppigen Diskosound eine Marktlücke in der Musiklandschaft der DDR füllten. Zählt die Lacasa zu den bevorzugten einheimischen DDR-Produktionen, tauchten in den 1970ern unter Honecker vermehrt ausgewählte Rock- und Popproduktionen aus dem westlichen Ausland bei AMIGA-Produktion auf. Die sogennaten Lizenz-LPs, wie  Bob Dylan, The Beatles und später Michael Jackson, waren oft schnell vergriffen.

Märchen fanden in der DDR großen Zulauf, wovon nicht zuletzt die unzähligen DEFA-Märchenfilme, sondern auch die Märchenhörspiele zeugen. Die Märchenplatte Rotkäppchen / Der gestiefelte Kater aus dem Jahr 1969 ist eine LITERA-Hörspiel-Produktion und sticht durch die grellen Farben der Plattenhülle hervor, auf der die beiden Märchen liebevoll bildlich vereint umgesetzt wurden. Wie auch auf vielen anderen Märchenplatten schlüpfte der Film- und Theaterschauspieler Benno Gellenbeck in die Rolle des Katers und des Wolfs. Das Zurückgreifen der LITERA auf Spitzenschauspieler, sowie bekannte Orchester und Chöre bei der Umsetzung von Grimm’schen aber auch ausländischen Märchen stellte keine Seltenheit dar. Mit dem Einheitspreis von 12 M und der zusätzlichen "Kulturabgabe" von 10 Pfennigen, die der Subventionierung des sozialistischen Kulturlebens dienen sollte, waren die LITERA-Platten für viele erschwinglich.

Nach der Friedlichen Revolution ging die VEB Schallpaltten Berlin in die neu gegründete Deutsche Schallplatten GmbH über, bevor in den darauffolgenden Jahren die Urheberrechte vieler Produktionen beispielsweise an die Edel Music GmbH oder die Bertelsmann Music Group verkauft wurden.

P.S.: Vor einigen Wochen hatten wir den letzten Chef von AMIGA, Jörg Stempel, bei uns zu Gast. Er unterhielt sich mit Dieter „Maschine“ Birr, dem Frontmann der Puhdys, und beide erzählten von Ihrer Rolle in der DDR-Musikgeschichte.

 

Mehr zum Thema

Online-Tickets ohne Warteschlange

Ticket kaufen