Für sie gelesen

Aus unserer Bibliothek : Hubertus Knabes Werk über das Schönreden der SED-Diktatur

In unserem Blog stellen wir Ihnen ja regelmäßig die Schätze in den Regalen unserer Präsenzbibliothek vor. Dabei hatten wir nun unter anderem schon Alltagsthemen und Fluchtgeschichten.Heute widmen wir uns einem ernsten Thema, dass nach wie vor für Debatten zu sorgen scheint. Denn offenbar gibt es noch immer Vereinzelte, die versuchen, sich gegen die Einstufung der DDR als Diktatur, gegen die „Delegitimierung der DDR", zu wehren.
von Admin (17.09.2013)

In unserem Blog stellen wir Ihnen ja regelmäßig die Schätze in den Regalen unserer Präsenzbibliothek vor. Dabei hatten wir nun unter anderem schon Alltagsthemen und Fluchtgeschichten.
Heute widmen wir uns einem ernsten Thema, dass nach wie vor für Debatten zu sorgen scheint. Denn offenbar gibt es noch immer Vereinzelte, die versuchen, sich gegen die Einstufung der DDR als Diktatur, gegen die „Delegitimierung der DDR", zu wehren. Dabei ist dieser Punkt keinesfalls strittig. Was sind die Merkmale einer Diktatur? Es sind die Verletzung der Menschen- und Bürgerrechte (von Einschränkungen der freien Meinungsäußerung bis hin zur gewaltsamen Verfolgung politischer Gegner oder ganzer Bevölkerungsgruppen), Justiz ohne Unabhängigkeit, Zensur von Presse und Medien, Manipulierte Wahlen sowie eine Geheimpolizei (zur Überwachung der Bürger und Verfolgung politischer Gegner). All diese 5 Merkmale erfüllte die DDR. Und doch betrachten manche das Unrechtsregime der SED in Ostdeutschland als Kavaliersdelikt.

Diese Thematik polarisiert bis heute. Es gibt unzählige Werke, Bücher, Abhandlungen, Dokumentationen und vieles mehr darüber. Und auch Hubertus Knabe, von 1992 bis 2000 Mitarbeiter in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und seit 2001 wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, verfasste hierzu ein Buch: Die Täter sind unter uns - Über das Schönreden der SED-Diktatur.

Das Buch ist nach dem einführenden Vorwort in vier Hauptkapitel unterteilt, welche dann nochmal in insgesamt 50 Unterkapitel unterteilt sind. Es ist ein sog. Hardcover, umfasst 384 Seiten und ist 2007 im Propyläen Verlag (gehört zu der Ullstein Buchverlage GmbH) in Berlin erschienen. Der Preis beträgt 22,00 €, die ISBN ist 978-3-549-07302-5.

„Der Titel klingt ein wenig dramatisch. Der Untertitel "Vom Schönreden der SED-Diktatur" bringt Hubertus Knabes Intention aber exakt auf den Punkt.", schrieb die Berliner Zeitung zum Erscheinen des Buches. „Knabe versucht eine Bestandsaufnahme politischer Realitäten 17 Jahre nach der deutschen Einheit" (hier nachzulesen). Schon im Klappentext steht „In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht eine erschreckende Unkenntnis über die Realität der kommunistischen Diktatur und das Ausmaß politischer Verfolgung in der DDR." Knabe zeigt unter anderem, wie sich die Täter von einst durch tatkräftige Lobbyarbeit einen auskömmlichen Lebensabend erstritten und wie die SED durch Umbenennung und geschicktes Taktieren ihr Überleben in der Demokratie sicherte.
Tatsächlich nannte sich die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) am 04. Februar 1990 in die „Partei des Demokratischen Sozialismus", kurz PDS, um. Im Juni 2005 kam es erneut zu einer Namensänderung. Aus der PDS wurde „die Linke".

Schon im Ersten Kapitel: Die Schöne Welt der Diktatur, Unterkapitel „Verklärung einer Diktatur" schreibt Knabe von jenen, die die DDR nicht als das akzeptieren können oder wollen, was sie war:
(s. 53) „Umso vehementer wehrt [man] sich gegen Begriffe, die die DDR als Unterdrückungsregime qualifizieren. Mit Händen und Füßen wehrt man sich zum Beispiel gegen das Wort „Unrechtsstaat", obwohl sogar im Einigungsvertrag vom „Unrechtsregime der SED" die Rede ist. Genauso wenig möchte man die DDR als „Diktatur" bezeichnen, obgleich bekanntlich sogar die SED von der „Diktatur des Proletariats" sprach. [...] Mit Nachdruck wendet man sich gegen alle Versuche der „Delegitimierung der DDR". Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man das SED-Regime bis heute für legitim hält."

Als Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen geht er auch auf die Reaktionen der einstigen Täter auf heutige Aufarbeitungs- und Erinnerungsstätten ein, beispielsweise im Vierten Kapitel: Die Stasi lebt, Unterkapitel „Die Hohenschönhausen-Lüge":
(s. 291) „Von Anfang an richten sich die Attacken der Obristen vor allem gegen die Gedenkstätte im ehemaligen Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Die Einrichtung ist in Stasi-Kreisen besonders verhasst, weil in der Regel frühere Häftlinge die Besucher durch das Gebäude führen. Sie berichten dabei aus eigener Anschauung, wie sie von Wärtern und Vernehmern des DDR-Staatssicherheitsdienstes behandelt wurden. Dass täglich ein Dutzend Busse vor der Gedenkstätte parkt, scharenweise Schüler kommen und die Besucherzahlen immer neue Rekorde erreichen, wurmt die früheren Stasi-Offiziere besonders."

Dieses Buch stellt sich gegen Verklärung. Es stellt sich gegen das Schönreden. Es stellt sich gegen jene, die Unrecht begangen und gebilligt haben, und es im Nachhinein bagatellisieren. Es ist eines dieser Werke, das den Opfern einer Diktatur eine Stimme gibt, das zum Protest gegen die Verharmlosung aufruft und beiträgt.
Meiner Meinung nach eine Publikation, die man gelesen haben sollte. Denn mit der Thematik Verharmlosung wird man wahrscheinlich noch öfter als gewollt konfrontiert werden. Knabe verdeutlicht in seinem Buch die Argumentationslinien der „Verharmloser", widerlegt diese und hilft dabei, die Logik solcher Aussagen nicht nur zu verstehen, sondern auch als das einzuordnen, was sie sind: Die Verharmlosung von diktatorischen Strukturen.

Schließen möchte ich mit folgenden Worten auf dem Vorwort des Buches: „Dass die Täter [...] meistens keine Schuld empfanden, ist möglicherweise nicht zu ändern. Dafür zu sorgen, dass sich ihre Sicht auf die Geschichte nicht durchsetzt, ist hingegen Aufgabe aller, denen die politische Kultur der Bundesrepublik am Herzen liegt."


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