Geschichte

„Antiimperialistische Solidarität“ - Entwicklungshelfer der DDR in Afrika

Obwohl die DDR genügend eigene wirtschaftliche Probleme hatte, leistete das kleine Land ab den 1960er Jahren an vielen Orten der Welt Entwicklungshilfe, welche im sozialistischen Sprachgebrauch allerdings „Antiimperialistische Solidarität“ genannte wurde. von Jörn Kleinhardt (07.01.2016)

Obwohl die DDR genügend eigene wirtschaftliche Probleme hatte, leistete das kleine Land ab den 1960er Jahren an vielen Orten der Welt Entwicklungshilfe, welche im sozialistischen Sprachgebrauch allerdings „Antiimperialistische Solidarität“ genannte wurde. Geholfen wurde zumeist jungen Staaten die vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika nach der Beendigung der Ära des Kolonialismus ihre Unabhängigkeit erlangten. Oftmals war die politische und wirtschaftliche Lage in vielen dieser neu gebildeten Staaten sehr angespannt. Der Aufbau einer stabilen Wirtschaft vor Ort bedurfte in der Regel der Hilfe anderer Staaten. Die DDR machte sich die Situation zu Nutze und half vor allem Staaten oder Gruppierungen, welche der Ideologie des Sozialismus folgten oder es zumindest zukünftig vorhatten. Selbstverständlich war die Solidarität und Entwicklungshilfe des kleinen deutschen Staates keine Einbahnstraße. Im Gegenzug für die „Antiimperialistische Solidarität“ bekam die DDR von den Staaten beispielsweise dringend benötigte Rohstoffe, welche ansonsten nur für Devisen auf dem Weltmarkt eingekauft werden konnten. Politisch erhoffte man sich durch die Entwicklungshilfe eine Stärkung des Sozialistischen Blocks und die internationale Anerkennung als eigenständiger Staat, ab den 1980er Jahren stand der ökonomische Gedanke im Vordergrund.

In unserem Sammlungsbestand befindet sich eine Broschüre „Internationalisten im Blauhemd“ welche den Brigaden der Freundschaft der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und ihrem weltweiten Wirken gewidmet ist. Die Broschüre mit zahlreichen Fotos wurde im Jahr 1988 vom Zentralrat der FDJ erstellt. Gegliedert nach den jeweiligen Ländern, in denen die Brigaden der Freundschaft tätig waren, schafft sie einen Überblick über die Art und Dauer der „Antiimperialistischen Solidarität“. So erfährt der Leser beispielsweise, dass die FDJ-Brigaden im seit 1975 unabhängigen Angola, bei der Instandsetzung von eigens gelieferter KFZ- und Erntetechnik behilflich waren und sukzessive den Aufbau eines Berufsausbildungszentrums vorantrieben, um Einheimische als KFZ-Schlosser, Schlosser oder Maurer auszubilden. Im Gegenzug erhoffte man sich die Lieferung von Kaffee aus dem angolanischen Hochland um der seit 1976 bestehenden Kaffeekrise in der DDR entgegenzuwirken. Die logistischen Schritte wie Ernte und Transport des Kaffees sollten weitestgehend durch das südafrikanische Land in Eigenregie abgewickelt werden, die benötigte Logistik, Technik und das Know-How lieferte hingegen die DDR. Nachträglich gesehen war das DDR-Engagement ein waghalsiges Unterfangen da man berücksichtigen muss, dass sich die ehemals portugiesische Kolonie zwischen 1975 und 2002 im Bürgerkrieg befand.

Im ebenfalls südafrikanischen Staat Mosambik waren die FDJ-Brigaden ab 1978 aktiv. Auch hier herrschten chaotische Zustände, da sich das Land seit 1976 im Bürgerkrieg befand. Analog zur Vorgehensweise in Angola wurde Technik und Know-How von der DDR geliefert um günstig an Rohstoffe zu kommen. Aus Mosambik bezog die DDR Steinkohle, welche für die heimische Energiegewinnung nötig war und einen weitaus höheren Brennwert hat als die auch in der DDR abgebaute Braunkohle. Zudem begann man in Mosambik mit der Errichtung mehrerer Großfarmen, auf welchen Südfrüchte für den Export in die DDR angebaut werden sollten. Im Jahr 1984, genauer am 6. Dezember, kam es in der Nähe der Stadt Unango zu einem der schwersten terroristischen Anschläge auf DDR-Bürger. Insgesamt wurden acht ostdeutsche Entwicklungshelfer sowie zahlreiche weitere Menschen getötet. Aufgrund der instabilen Verhältnisse in Mosambik, beendete die DDR-Führung das kurz währende Intermezzo seiner Entwicklungshelfer knapp ein halbes Jahr später.

Die vorliegende Broschüre der FDJ thematisiert allerdings nur einen Teil der Entwicklungshilfe. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass man für die gebotenen Leistungen auch eine Gegenleistung bekam. Ebenso unerwähnt bleibt die oftmals geleistete militärische Entwicklungshilfe für die jungen, afrikanischen Nationalstaaten. Zur Stabilisierung der politischen Machtverhältnisse oder zur Unterstützung freundlich gesinnter Gruppierungen entsandte die DDR tausende Militärberater, welche beim Aufbau von Armee-, Geheimdienst- und Polizeistrukturen behilflich waren. Auch Waffenlieferungen an afrikanische Länder waren in den 1970er und 1980er Jahren an der Tagesordnung und erreichten ein jährliches Volumen von ca. 200 Millionen Mark.

Um dem fortwährenden Arbeitskräftemangel in der DDR entgegenzuwirken, wurden tausende Vertragsarbeiter aus afrikanischen Entwicklungsländern rekrutiert, in DDR-Betrieben ausgebildet und danach in der Produktion eingesetzt. Viele der afrikanischen Vertragsarbeiter wurden im Zuge der politischen Wende 1989 in ihre Heimatländer zurückgeschickt und konnten ihr in der DDR erlerntes Wissen als Grundstock für eine Karriere in der Heimat nutzen.

In seltenen Fällen wurden von den afrikanischen Staaten auch einfache Konsumgüter in die DDR geliefert. So haben wir beispielsweise einen Wecker „Inal“ in unserem Bestand welcher in den 1980er Jahren in Mosambik hergestellt wurde und nach dem Export in der DDR für 16 Mark im Handel erhältlich war.

Neben Angola und Mosambik wurden auch andere afrikanische Staaten wie Äthiopien, Guinea-Bissau, Sao Tome und Principe, Simbabwe, Mali, Algerien und Tansania durch die DDR unterstützt

Nächste Woche wird diese Blogreihe mit dem DDR-Engagement in Asien fortgesetzt.

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