20 Jahre nach der Friedlichen Revolution

Das ehemalige Staatsratsgebäude, heute Sitz einer Elite-Universität, war am gestrigen Freitag Pilgerziel einer ganz anderen Zielgruppe: Auf Einladung des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee, strömten über 300 Zeitzeugen, Wissenschaftler und Interessierte zur Konferenz "Rückblicke und Ausblicke - 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution". 
von Admin (27.06.2009)

Das ehemalige Staatsratsgebäude, heute Sitz einer Elite-Universität, war am gestrigen Freitag Pilgerziel einer ganz anderen Zielgruppe: Auf Einladung des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee, strömten über 300 Zeitzeugen, Wissenschaftler und Interessierte zur Konferenz "Rückblicke und Ausblicke - 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution". 

Die vom DDR Museum konzipierte und organisierte Veranstaltung glänzte mit prominenten Referenten und einem vollem Programm zu den Themen Alltag in der DDR, Zustand der Städte und Friedliche Revolution. 

Bereits in der Eröffnung forderte Tiefensee: "Wir brauchen einerseits das Wissen über die jüngste deutschdeutsche Geschichte, andererseits gilt es, weiter an der Vollendung der sozialen Einheit zu arbeiten." Am zweiten Punkt setzte er direkt an, als er anschließend eine knappe Stunde mit Dr. Joachim Gauck über ihre persönlichen Erfahrungen in der DDR plauderte.

Im Anschluss stellte der Wissenschaftliche Leiter des DDR Museum, Dr. Stefan Wolle, die von ihm erarbeitete Studie und die Interpretation der Umfrage zur heutigen Einschätzung von 20 Jahren Friedliche Revolution vor: Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen findet die DDR im Rückblick gar nicht so schlecht - trotzdem sind fast alle Deutschen stolz auf das geschichtliche Ereignis "Friedliche Revolution". Die komplette Studie können Sie hier downloaden!

Die erste Diskussionsrunde unter Moderation von Dr. Ulrich Mählert widmete sich der "Opposition im Alltag". Die Dissidenten Freya Klier und Ulrike Poppe, der Buchhändler Carsten Wist und der Friedliche Revolution-Experte Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk diskutierten spannend und kurzweilig über ihre Erfahrung und heutigen Einschätzungen der Anfänge der Oppositionsbewegung in den 80er-Jahren. Das Publikum, darunter auch zahlreiche Schulklassen, hörte gespannt zu. 

Den Nachmittag eröffnete der Strukturforscher Dr. Harald Engler mit seinem Referat über Altstädte und Kulturgüter in der DDR: Die Altbauten waren in den 80er-Jahren kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch - statt Sanierung setzte das SED-Regime nur auf moderne Plattenbausiedlungen. Für Erhalt fehlte es an politischem Willen genauso wie an Fachkräften. So waren es nur einzelne Bürgerinitiativen, die in ehrenamtlicher Arbeit, Fachwerkhäuser sanierten oder auf wichtige kulturelle Schätze hinwiesen. 

Mit Christian Feigl vom AK Innenstadt aus Halle saß im anschließenden Podium "Ruinen schaffen ohne Waffen" ein bekannter Vertreter der Bürgerinitiativen. Damals und heute setze er sich für den Erhalt von Altbauten ein. Auf der Konferenz hatte er nun die Möglichkeit, den Generalkonservator der DDR, Dr. Peter Goralczyk und den berühmten DDR-Architekten Wulf Brandstädter zu befragen, warum die staatlichen Stellen nichts getan haben oder nichts tun konnten. Der bekannte Fotograf Harald Hauswald erzählte von seinen Erfahrungen verkommener Altbauten in Berlin - viele seiner Fotos zeigen den Widerspruch. Hervorragend moderiert wurde die zweite Diskussion vom Berliner Landesdenkmalschutzbeauftragten Prof. Dr. Haspel.

Die Abschlussdiskussion von Moderator Michael Sontheimer (Der Spiegel) zog Bilanz nach 20 Jahren Friedliche Revolution. Welche Ziele wurden erreicht, welche sind auch 20 Jahre später nur Wunschdenken - sind wir dafür auf die Straße gegangen? Als Vertreterin der damals wichtigsten Institution, der evangelischen Kirche,  versuchte Pröbstin Friederike von Kirchbach zu analysieren, warum die Kirche in Ostdeutschland ihre Bedeutung eingebüßt hat. Dr. Hans-Joachim Maaz und Prof. Dr. Andreas Zick erläuterten ihre Studien zur inneren Lager der Deutschen, der Journalist Christoph Dieckmann erinnerte an den Widerspruch zwischem persönlichen Leben und staatlichem Terror in der DDR. Ulrich K asparick, für die neuen Bundesländer zuständiger Staatssekretär, sieht für die Zukunft zuvorderst die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands als die Aufgabe der Politik an. 

Zum Ausklang der Tagung präsentierten Harald Hauswald und Marc Thümmler ihren Film "Radfahrer" - Hauswalds Bilder hinterlegt mit Zitaten aus seiner Stasi-Akte. 

Die Teilnehmer schienen nach dem vollen Programm hochzufrieden zu sein: "Perfekte Organisation", "spannendes Programm" oder "die Idole meiner Jugend" waren die meistgehörten Aussagen...

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