Plakate gehörten in der DDR zum alltäglichen Erscheinungsbild. Sie hingen an Hauswänden, an Haltestellen oder in Schaufenstern und begleiteten die Bevölkerung im öffentlichen Raum auf Schritt und Tritt. Als Teil staatlich gelenkter Beeinflussungsversuche der öffentlichen Meinung sollten sie weniger nüchtern informieren als vielmehr die Menschen mobilisieren und Loyalität gegenüber dem sozialistischen Staat erzeugen. In einer Medienlandschaft mit begrenzten Kommunikationskanälen kam den Plakaten vor allem in den Anfangsjahren der SED-Diktatur eine besondere Bedeutung zu – zugleich stellten sie bis zuletzt markante Farbtupfer im mitunter grauen Alltag dar.
Das DDR Museum zeigt in einer Installation eine Auswahl typischer Propagandaplakate aus verschiedenen Jahrzehnten der DDR-Geschichte. Ein Teil dieser Plakate wird bewusst ohne erläuternde Kommentare präsentiert. Besucher*innen sind eingeladen, Bildsprache, Symbole und Aussagen eigenständig zu betrachten und zu deuten. Anhand der gewählten Beispiele lässt sich die politische Ikonographie der DDR-Plakatkunst nachvollziehen: Neben dem Personenkult rund um sozialistische Vorbilder und dem Werben für Massenorganisationen sind die Motive durch klare Feindbilder einerseits und optimistische Zukunftsversprechen andererseits geprägt.
Besonders auffällig sind die inhaltlichen Spannungen und Widersprüche. Plakate zum Jahrestag des Mauerbaus oder zur Errichtung der Kampfgruppen der Arbeiterklasse – paramilitärische Einheiten in den Betrieben unter Führung der SED – stellen militärische Stärke und Wehrhaftigkeit in den Vordergrund. Getreu der Losung »Der Frieden muss bewaffnet sein« wird der Begriff der »Friedensmacht«, den die selbsternannte »Arbeitermacht« für sich beanspruchte, visuell mit Waffen verknüpft.
Im starken Kontrast dazu steht das Plakat »Frieden und Abrüstung«, auf dem eine Figur symbolisch ein Gewehr zerbricht. Die Forderung nach Abrüstung richtete sich allerdings in der DDR-Propaganda stets nach außen, vor allem gegen die NATO, die als »Kriegstreiberin« dargestellt wurde. Das bekamen insbesondere diejenigen zu spüren, die sich in den 1980er-Jahren in kirchlichen Friedensgruppen gegen die Aufrüstung im eigenen Land engagierten. Der scheinheilige Anspruch auf Frieden und die gleichzeitige Militarisierung der Gesellschaft verdeutlichen einen grundlegenden Widerspruch der Selbstinszenierung der DDR.
Ergänzend zur offenen Präsentation sind in Schubfächern, die an die Aufbewahrung von Plakaten im Archiv erinnern, weitere Abdrucke untergebracht. Diese werden ausführlich in ihre historischen Zusammenhänge eingeordnet: Entstehungszeit, politische Anlässe und intendierte Botschaften werden erläutert. Die vertiefenden Informationen ermöglichen es, die Plakate nicht nur als grafische Arbeiten, sondern als gezielte Instrumente politischer Kommunikation der SED-Führung zu verstehen.
Die Herstellung und Verbreitung von Propagandaplakaten lag übrigens vollständig in staatlicher Hand. Dem Gestaltungsprozess wurde dabei ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zuteil. So existierte beim Zentralkomitee der SED eine eigene Abteilung für »Agitprop« (ein Zusammenschluss der Worte »Agitation« und »Propaganda«). Für die konkrete Produktion und Verteilung der Sichtwerbung war hingegen die DEWAG (Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft) zuständig, die ein Monopol auf Plakate, Bilder, Transparente, Spruchbänder und Wandzeichnungen in der DDR innehatte.
Gestaltung, Inhalte und Bildmotive unterlagen klaren Vorgaben. Propaganda war kein Randphänomen, sondern ein zentraler Bestandteil des politischen Systems der DDR. Neben Plakaten waren beispielsweise die Wandzeitungen in Betrieben und anderen öffentlichen Einrichtungen weitere Medien der politischen Agitation. Die Propaganda diente der sozialistischen Erziehung, verkündete Erfolge und Gedenktage, informierte über »Freund und Feind« und sollte zu Höchstleistungen motivieren. Im Vordergrund standen zunächst Gründungs- und Einheitssymbolik einerseits, der Antifaschismus und die Abgrenzung zum Westen andererseits. Ein übergeordnetes Ziel war die Diskreditierung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland bzw. der USA als »imperialistischer Aggressor«. Dieses Feindbild diente dazu, die eigene Gesellschaftsform aufzuwerten und ein »Wir-Gefühl« zu stärken.
Die Installation »Propagandaplakate« im DDR Museum lädt dazu ein, genauer hinzusehen: Welche Bilder sollten wen überzeugen – und von was? Welche Gefühle wurden angesprochen? Welche Widersprüche werden sichtbar, wenn man die Motive miteinander vergleicht? Die Präsentation leistet einen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit visueller Agitation in der DDR.
In der Episode »Plakate in der DDR« der Reihe »Frag Dr. Wolle« erläutert Historiker Dr. Stefan Wolle, wie der Staat den öffentlichen Raum gezielt nutzte, um Botschaften zu verbreiten.