Ein Spaziergang durch die eigene Nachbarschaft offenbart manchmal überraschende Entdeckungen. Wer mit offenen Augen unterwegs ist, findet überall Spuren der Vergangenheit: Welche Geschichte verbirgt sich hinter einer alten Industriehalle oder dem Denkmal im Stadtpark? Wessen Schreibtisch stand früher im heutigen Rathaus und nach wem war noch einmal die eigene Straße benannt? Gerade in Berlin und Ostdeutschland prägen Hinterlassenschaften der DDR bis heute den öffentlichen Raum.
Hier setzt die neue YouTube-Serie des DDR Museum an und lädt zu filmischen Entdeckungstouren ein, die bequem vom Wohnzimmersessel aus unternommen werden können. »Orte Ost« steht für eine lebendige Form der Geschichtsvermittlung, die eng mit der Gegenwart verzahnt ist. Die Reihe knüpft an das Konzept der Erinnerungsorte des französischen Historikers Pierre Nora an und erweitert es um die Perspektive der Zukunftsorte. Historiker Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk nimmt ostdeutsche Schauplätze, Themen und Ereignisse in den Blick, deren Geschichte bis heute nachwirkt. Er führt durch »Lost Places«, aber auch vermeintlich vertraute Straßenzüge und belebte »Hotspots« und verbindet historische Einordnung mit aktuellen Entwicklungen und persönlichen Beobachtungen. Den Auftakt bildet der Pilotfilm »Oberschöneweide. Silicon Valley des Ostens«, der unterschiedliche Zeitschichten sichtbar macht.
Um 1900 galt Oberschöneweide als das »Chicago an der Spree«. Als boomende Elektropolis entwickelte sich das Areal zu einem der modernsten Industriegebiete Europas. In der DDR wurde Oberschöneweide zu einem der größten Industriestandorte Ostdeutschlands. Großbetriebe wie das Kabelwerk Oberspree (KWO), das Transformatorenwerk Oberschöneweide (TRO) und das Werk für Fernsehelektronik (WF) im Behrens-Bau prägten den Arbeitsalltag zehntausender Beschäftigter und standen für technologischen Anspruch und sozialistischen Fortschrittsglauben.
Die Pilotfolge von »Orte Ost« beleuchtet dieses industrielle Herzstück und erzählt vom Arbeitsleben in der DDR ebenso wie von Stillstand und Verfall in den 1980er-Jahren. Nach dem radikalen Umbruch 1989/90, der mit tiefgreifender Transformation und Massenarbeitslosigkeit verbunden war, vereint Oberschöneweide heute Vergangenheit und Zukunft. Mit der Ansiedlung einer Hochschule entwickelte sich das Quartier zu einem Innovationsstandort und ist zugleich ein Denkmal ostdeutscher Industriekultur. Mit eindrucksvollen Bildern und historischem Archivmaterial zeigt der Film, warum Oberschöneweide einst als »Silicon Valley des Ostens« galt – und warum ein genauer Blick bis heute lohnt.
Der Pilotfilm ist nur der Auftakt: Ab Februar 2026 folgen kürzere Episoden, die zunächst den Berliner Raum in den Blick nehmen. Geplant sind beispielsweise Beiträge über das Haus am Werderschen Markt, die ehemalige SED-Parteizentrale, in dem heute die Außenpolitik Deutschlands gestaltet wird, sowie über das Funkhaus in der Nalepastraße, den früheren Sitz des DDR-Rundfunks, hinter dessen bröckelnden Fassaden hochmoderne Tonstudios verborgen sind. Jede Folge widmet sich einem Ort mit hoher historischer Dichte und aktueller Relevanz.
So geht eine Folge der Debatte um das umstrittene Thälmann-Denkmal im Prenzlauer Berg nach, während eine andere das Potenzial der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt in der Keibelstraße als Lernort zu Diktatur und Demokratie beleuchtet. Drei Episoden erweitern die Frage des Wohnens der Zukunft in Berlin zudem um die historische Perspektive, mit einem besonderen Fokus auf die DDR. Damit verknüpft »Orte Ost« Vergangenheit und Gegenwart auf anschauliche Weise. Perspektivisch soll die Reihe auch über Berlin hinausgehen und weitere Erinnerungs- und Zukunftsorte in Ostdeutschland vorstellen.
Der Pilotfilm »Oberschöneweide. Silicon Valley des Ostens« ist ab dem 19. Januar 2026 auf dem YouTube-Kanal des DDR Museum zu sehen. Ab dem 2. Februar 2026 erscheint jeweils montags im zweiwöchentlichen Rhythmus eine neue Folge. Alle Folgen der Serie können über die YouTube-Playlist »Orte Ost« aufgerufen und abgespielt werden.