Was konnte man sich in der DDR für sein Geld kaufen? Auf den ersten Blick ist die Antwort eindeutig: Lebensmittel, Kleidung, Haushaltswaren, Unterhaltungselektronik – die Warenwelt war durchaus vielfältig. Doch schon diese scheinbar einfache Frage führt mitten hinein in die Widersprüche der zentral gelenkten sozialistischen Wirtschaft. Genau hier setzt der neue Ausstellungsbereich »Ökonomie des Mangels« im DDR Museum an, der sich unter dem grün erleuchteten Schild einer Konsum-Verkaufsstelle erstreckt. Anhand zahlreicher Exponate zeigt er, wie die Planwirtschaft das Leben der Menschen prägte.
Eine zentrale Erkenntnis lautet: In der DDR gab es viele Konsumgüter, aber sie waren nicht jederzeit und nicht für alle verfügbar. Deutlich wird dies etwa bei Elektronikartikeln, wie sie in der einleitenden Installation zu sehen sind. Radios, Fernseher oder Kassettenrekorder waren oft teuer und – insbesondere dann, wenn sie für den Export bestimmt waren – im Inland kaum erhältlich. Die staatlich gelenkte Produktion von Konsumgütern führte so strukturell zu einer Mangelwirtschaft.
Einerseits sorgte der Staat für ein hohes Maß an sozialer Sicherheit. Mieten waren niedrig, Grundnahrungsmittel stark subventioniert, der Urlaub an der Ostsee für viele erschwinglich. Preise wurden staatlich festgelegt und blieben über Jahrzehnte hinweg stabil.
Andererseits kam es trotz des staatlichen Fürsorgeversprechens immer wieder zu Engpässen, gerade im Bereich der Konsumgüter. Die wenigsten Artikel waren immer und überall erhältlich, regionale und saisonale Unterschiede waren deutlich spürbar. Ost-Berlin wurde als Hauptstadt bevorzugt beliefert, während Kleinstädte und ländliche Regionen oft das Nachsehen hatten. Hinzu kam, dass viele hochwertige Produkte für den Export bestimmt waren, um dringend benötigte Devisen zu erwirtschaften – und deshalb kaum im Inland verkauft wurden.
Zwar war die Versorgung in den meisten Lebensbereichen grundsätzlich gesichert, doch dies folgte nicht den Regeln von Angebot und Nachfrage eines freien Marktes. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Wohnen. Der bis zuletzt knappe Wohnraum wurde staatlich zugeteilt, Geld spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Auch in anderen Bereichen entschieden eher politische oder wirtschaftliche Vorgaben über Verfügbarkeit und Verteilung. In dem digitalen Laufband wird beispielsweise Schritt für Schritt dargestellt, wie man in der DDR an ein Auto gelangte und ab wann Jeans in der DDR erhältlich waren.
Offizielles Zahlungsmittel war die Mark der DDR, eine reine Binnenwährung, deren Ein- und Ausfuhr verboten war. Die Banknoten spiegelten das sozialistische Selbstverständnis wider: Marx und Engels standen an der Spitze, mit Clara Zetkin war zumindest eine Frau vertreten. Viele empfanden die kleinen Scheine und das leichte Aluminium-Münzgeld – im Volksmund »Aluchips« genannt – als wenig wertig. Eine Ausnahme bildete das 20-Pfennig-Stück aus Messing, das für Münztelefone benötigt wurde.
Die eigentliche Sehnsuchtswährung blieb die D-Mark. Bis 1974 war ihr Besitz verboten, trotzdem blühte der illegale Handel. Auf dem Schwarzmarkt wechselten »blaue Fliesen« – die 100-DM-Scheine – heimlich den Besitzer. Westgeld fungierte als stabile Schattenwährung, mit der sich viele Konsumwünsche erfüllen ließen. Ab 1979 musste dieses offiziell in Forumschecks umgetauscht werden – zum Kurs 1:1. Der Staat schöpfte so Devisen ab, während die Bevölkerung mit den bunten Scheinen in den Intershops begehrte Westwaren kaufen konnte.
Paradox war zudem die Einkommensentwicklung. Die Lohntüten illustrieren anhand echter Berufe unterschiedliche Bruttogehälter in den 1970er- und 1980er-Jahren. Trotz stagnierender Wirtschaft stiegen die Durchschnittslöhne, während die Preise unverändert blieben. Die Folge war ein »Geldüberhang«: Viele Menschen verfügten über Geld, fanden aber oft nichts, wofür sie es ausgeben konnten oder wollten. In dieser Situation wurden Privilegien und Beziehungen zu den eigentlichen Währungen des Alltags.
Die Vitrinenwand mit Waren des täglichen Bedarfs macht schließlich deutlich, wie stark Grundgüter subventioniert waren und wie günstig sie teilweise angeboten wurden. Gleichzeitig zeigen hohe Preise, etwa beim Kaffee, was als Luxus galt oder aufgrund von Knappheit teuer war. Weiße Platzhalter verweisen zudem auf typische Mangelwaren. Das digital aufbereitete Mangeltagebuch, das Ingeborg Lüdicke aus Sachsen-Anhalt über Jahre hinweg führte, illustriert diese Erfahrung eindrücklich.
Der tägliche Einkauf war oft eine Herausforderung, ein Dederon-Einkaufsbeutel gehörte dabei zur Grundausstattung. Zudem half es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Menschenschlangen vor Geschäften prägten das Straßenbild; wer eine Schlange sah, stellte sich an – oft ohne zu wissen, was es gab. Gleichzeitig unterliefen Delikat- und Exquisitläden das Ideal der Gleichversorgung. Hier waren begehrte Waren erhältlich, allerdings zu deutlich höheren Preisen. Dies war ein Mittel des Staates, um überschüssige Kaufkraft abzuschöpfen.
Kam neue Ware, gelangte nicht alles sofort in den Verkauf. »Bückware« verschwand unter dem Ladentisch und war guten Kund*innen oder Bekannten vorbehalten. »Da brauchst du Beziehungen« war ein häufig gehörter Satz. Netzwerke gegenseitiger Gefälligkeiten ersetzten fehlende Marktmechanismen, sei es bei Ersatzteilen, Dienstleistungen oder Konsumgütern. Der oft beschworene Zusammenhalt der Menschen war nicht zuletzt ein Ergebnis der Mangelwirtschaft.
Getreu dem Motto »Not macht erfinderisch« erzeugte der alltägliche Mangel in der DDR allerdings nicht nur Frust, sondern auch Kreativität. Improvisieren gehörte mit zu den wichtigsten Alltagskompetenzen. Was es nicht zu kaufen gab, wurde selbst gebaut: ein bekanntes Beispiel war der Rasenmäher mit Waschmaschinenmotor. »Marke Eigenbau« stand dabei für die Portion Einfallsreichtum und Pragmatismus, die nötig waren, um den Alltag in der DDR zu bewältigen.
In unserer Objektdatenbank befinden sich allerlei selbstgefertigte Alltagsgegenstände sowie Ratgeber wie Bücher und Magazine rund um das Thema DIY.