Blog

Lenin und seine Nachbetrachtung in der DDR

Obwohl Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter seinem Kampfnamen Lenin, bereits 1924 verstarb, hatten seine Theorien und sein Wirken maßgeblichen Einfluss auf die DDR und ihre Entwicklung. von Dr. Liza Soutschek (20.01.2026)

Im November 1991 war es schließlich soweit: Das monumentale Lenindenkmal am damaligen Leninplatz, heute Platz der Vereinten Nationen in Berlin-Friedrichshain wurde abgerissen. Eine Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung hatte zuvor dafür gestimmt. Innerhalb weniger Wochen wurde die 19 Meter hohe Statue abgetragen und die Einzelteile in einer Sandgrube verscharrt. Lenin hatte offensichtlich keinen Platz mehr in der Erinnerungskultur des wiedervereinten Deutschlands bzw. Berlins.

Das Lenindenkmal in Ost-Berlin

Dies war zu DDR-Zeiten ganz anders gewesen. Das von dem sowjetischen Bildhauer Nikolai Tomski entworfene Denkmal gehörte zu den sichtbarsten Symbolen der sozialistischen Staatsideologie in Ost-Berlin. Seit 1970 prägte die überlebensgroße Figur das Zentrum des neu angelegten Platzes. Die Einweihung erfolgte am 19. April, drei Tage vor Lenins 100. Geburtstag, durch den damaligen Partei- und Staatschef Walter Ulbricht. Die DDR-Führung demonstrierte damit ihre enge ideologische Bindung an den Begründer der Sowjetunion, von der sie bis zum Ende nicht abrückte.

Tatsächlich nahm Lenin im Selbstverständnis der DDR eine zentrale Rolle ein. Er fungierte nicht nur als ideologischer Bezugspunkt, sondern auch als politisches Vorbild und als fester Bestandteil des offiziellen Weltbildes. Die Staatspartei SED berief sich konsequent auf den Marxismus-Leninismus, der als verbindliche Glaubenslehre das gesamte gesellschaftliche Leben durchdrang.

Kleinplastik von Wladimir Iljitsch Lenin in silberner Farbe auf einem Plexiglas-Sockel montiert sowie einem Abzeichen der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft

Wer war Lenin?

Lenin wurde 1870 im russischen Simbirsk geboren. Früh politisiert, wandte er sich dem revolutionären Marxismus zu. Aufgrund seiner oppositionellen Tätigkeit, die sich gegen die Zarenherrschaft richtete, lebte er über Jahre im Exil, unter anderem in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland. In zahlreichen Schriften entwickelte er seine Vorstellungen von einer revolutionären Partei als politischer Avantgarde und von der Notwendigkeit eines radikalen Umsturzes der bestehenden Ordnung.

Mit der Oktoberrevolution von 1917 gelang es Lenin und den Bolschewiki, die Macht im zerfallenden Zarenreich zu übernehmen. In den folgenden Jahren prägte er maßgeblich den Aufbau des neuen Staates. Dazu gehörten die Einführung eines Einparteiensystems, die Zentralisierung der politischen Macht sowie der Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung der neuen Ordnung im Bürgerkrieg. Ab 1922 zog sich Lenin zunehmend aus der aktiven Politik zurück und starb im Januar 1924.

Marxismus-Leninismus als Staatsideologie

Nach seinem Tod wurde Lenins Leichnam einbalsamiert und in einem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau aufgebahrt. In der Sowjetunion begann eine umfassende Heroisierung seiner Person. Insbesondere während der Zeit des Stalinismus wurde der Marxismus-Leninismus als verbindliche Staatsideologie etabliert. Nach Stalins Definition handelte es sich dabei um »die durch Lenin weiterentwickelte Marx’sche Lehre unter den neuen Verhältnissen des Klassenkampfes in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen«. Zentrale Elemente waren das Prinzip des Demokratischen Zentralismus sowie der Anspruch, Staat und Gesellschaft auf vermeintlich wissenschaftlicher Grundlage zu gestalten.

Großer Bürotisch mit interaktiven Elementen sowie einer Tischuhr, einem Wählscheibentelefon und einer Pflanze. An der Wand über dem Tisch drei Bilder mit den Porträts von Marx, Engels und Lenin.

Lenins Nachwirken in der DDR

Diese ideologischen Grundlagen wurden in der DDR weitgehend übernommen. Das Führungs- und Organisationsprinzip der Partei neuen Typus bestimmte den Aufbau der SED und das politische System insgesamt. Autoritäre und antidemokratische Tendenzen, Dogmatismus sowie die mit dieser Ideologie verbundenen Menschenrechtsverletzungen blieben im offiziellen Geschichtsbild ausgeblendet. Zur institutionellen Absicherung der Lehre wurde in Ost-Berlin das Institut für Marxismus-Leninismus eingerichtet, das neben der Marx-Engels- und Lenin-Forschung die Geschichte in der DDR insgesamt prägte.

Politisch-ideologische Schulungen gehörten in der DDR zum Alltag. An allen Hochschulen der DDR wurde der Marxismus-Leninismus als Pflichtfach gelehrt. Verpflichtend waren die Veranstaltungen aber auch in Schulen, Betrieben, beim Militär und in den Massenorganisationen. Nicht wenige begegneten dieser dauerhaften Präsenz mit innerer Distanz. Gleichwohl bildete der Marxismus-Leninismus eine tragende Grundlage der staatlichen Ordnung. Er vermittelte den Anhänger*innen der Staatsmacht die Überzeugung, Teil eines historischen Fortschritts zu sein und auf der moralisch richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Lenins Präsenz im öffentlichen Raum der DDR

Auch im öffentlichen Raum war Lenin allgegenwärtig. In nahezu jeder größeren Stadt der DDR trugen Straßen und Plätze seinen Namen. In Ost-Berlin existierte die Leninallee, heute Landsberger Allee, unweit des Depots des DDR Museum. Straßenschilder, Reliefs und Büsten zeugen als materielle Überreste in der Sammlung von einem Leninkult, der in der DDR ebenso wie in anderen Ostblockstaaten üblich war. Spätestens in den 1980er-Jahren hatte sich der Marxismus-Leninismus allerdings zunehmend von einer revolutionären Vision zu einem erstarrten Dogma gewandelt. Selbst staatstreue Funktionär*innen begannen, an der eigenen Lehre zu zweifeln. Mit der Friedlichen Revolution von 1989 verlor die Ideologie ihre politische Grundlage. Nach 1990 wurden die meisten Lenin-Zeugnisse der ehemaligen DDR entfernt. Der Abriss des Lenindenkmals am ehemaligen Leninplatz entwickelte sich zu einem weithin sichtbaren Symbol des politischen Wandels.

Erst 2015 wurde der 3,5 Tonnen schwere Kopf des Lenindenkmals, der auch im Film »Good Bye, Lenin!« eine wichtige Rolle spielte, geborgen. Seitdem ist er in der Ausstellung »Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler« in der Zitadelle Spandau zu sehen.

Weißes Straßenschild mit schwarzer Aufrschrift »Leninallee« auf hellgrauem Hintergrund

Mehr zum Thema