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Känguruh-Stuhl und Garten-Ei – Kunststoffmöbel in der DDR

Känguruh-Stuhl und Garten-Ei zeigen eine wenig bekannte Seite der DDR-Möbelproduktion. Der Blogbeitrag beleuchtet, wie moderne Kunststoffmöbel zwischen DDR-Alltag, Exportwirtschaft und internationalem Design entstanden. von Lena Will (26.08.2026)

Möbeldesign aus der DDR wird häufig mit funktionalen und langlebigen Alltagsmöbeln verbunden. Weniger bekannt ist, dass die DDR an internationalen Produktions- und Handelsbeziehungen im Möbeldesign beteiligt war und sich zu einem wichtigen Produktionsstandort moderner Kunststoffmöbel entwickelte. Zwei Objekte aus dem Depot des DDR Museum zeigen dies besonders anschaulich: der Känguruh-Stuhl und das Garten-Ei.

Kunststoff als Material der Zukunft

Seit den späten 1950er-Jahren veränderten neue Kunststoffe das Möbeldesign weltweit. Das Material galt als modern, leicht und vielseitig formbar. Besonders das Space-Age-Design wäre ohne den synthetischen Werkstoff kaum denkbar gewesen: Organische Formen, kräftige Farben und futuristische Entwürfe ließen sich damit einfacher und kostengünstiger herstellen. Geprägt wurde dieser Stil von der Raumfahrt, der Begeisterung für technische Innovationen und den Vorstellungen eines Wohnens der Zukunft.

In der DDR spielte Plastik eine wichtige Rolle. Seit den späten 50er-Jahren förderte die SED-Führung den Ausbau der chemischen und petrochemischen Industrie, die als Schlüsselbranche der sozialistischen Wirtschaft galt. Mit der Inbetriebnahme der Erdölleitung Druschba (Freundschaft) Ende 1963 verbesserte sich zudem die Versorgung der DDR mit sowjetischem Erdöl, sodass günstige Voraussetzungen für die Herstellung moderner Kunststoffprodukte entstanden. Schon bald produzierte die DDR Möbel, die sich an internationalen Designtrends orientierten und auch auf Exportmärkten erfolgreich waren.

Weißer, geschwungener Stuhl aus Kunststoff auf grauem Hintergrund

Der Känguruh-Stuhl: Kunststoffmöbel für den Alltag

Der Känguruh-Stuhl (auch bekannt als z.stuhl oder Z-Stuhl) wurde Ende der 1960er-Jahre vom Designer Ernst Moeckl (1931-2013) für die Firma Horn in Rudersberg (Baden-Württemberg) entworfen. Ziel war ein freischwingender, stapelbarer Kunststoffstuhl, der leicht und stabil sein sollte. Dabei sind die weit ausgestellten Beine charakteristisch. Sie erinnern an die Hinterläufe eines Kängurus und gaben dem Möbelstück seinen Namen.

1972 wurde der Stuhl auf der Kölner Möbelmesse vorgestellt. Kurz darauf begann die Produktion in Rudersberg. Ab 1973 wurde er zusätzlich im Petrolchemischen Kombinat Schwedt in der DDR gefertigt. Gründe dafür waren die leistungsfähige petrochemische Industrie, günstige Produktionsbedingungen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Unternehmen aus der Bundesrepublik und Betrieben aus der DDR. Für westdeutsche Firmen war die DDR ein attraktiver Produktionsstandort, während der sozialistische Staat durch den Export wichtige Devisen einnahm.

Ab Mitte der 1970er-Jahre wurden Möbel aus Polyurethan (PUR) in der DDR in großen Stückzahlen produziert. Im privaten Wohnbereich blieben sie jedoch zunächst unbeliebt. Vielen galten die futuristischen Formen als ungewohnt, zudem waren die Möbel relativ teuer. Während klassische Holzmöbel weiterhin bevorzugt wurden, eignete sich der witterungsbeständige Känguruh-Stuhl besonders für Terrassen, Gärten und Wochenendhäuser.

Besonders verbreitet war der Stuhl jedoch im öffentlichen Raum der DDR. Um die Produktionskapazitäten in Schwedt auszulasten, wurden die Möbel zunehmend für Großabnehmer produziert. Känguruh-Stühle standen bald in Hotels, Ferienheimen, Kantinen, Eisdielen sowie Freibädern. Für viele Menschen wurden sie so zu einem selbstverständlichen Teil des DDR-Alltags. Auf diese Weise entwickelte sich der ursprünglich westdeutsche Entwurf im kollektiven Gedächtnis zu einem Möbelstück, das heute häufig mit der DDR verbunden wird.

Rotes aufgeklapptes Garten-Ei

Das Garten-Ei: Futuristisches Design für den Export

Eine ähnliche Produktionsgeschichte weist auch das sogenannte Garten-Ei auf. Der kapselartige Gartensitz wurde Ende der 1960er-Jahre von Peter Ghyczy (1940-2022) für die Firma Elastogran aus Lemförde in Niedersachsen entwickelt. Das Möbelstück verband futuristisches Design mit praktischer Funktion: Im geschlossenen Zustand schützte die obere Hälfte die Sitzpolster vor Regen und Witterungseinflüssen.

1971 wurde der Prototyp auf der Kölner Möbelmesse vorgestellt, kurz darauf ging das Sitzmöbel in Rentrop und München in Serie. Parallel dazu wurde ein Teil der Produktion in die DDR verlagert. Ab 1972 wurde das Garten-Ei in Bernsdorf (Sachsen) gefertigt, später auch in Senftenberg (Brandenburg), woher die bis heute gebräuchliche Bezeichnung Senftenberger Ei stammt. 
Die DDR setzte stark auf den Export der modernen PUR-Möbel in den Westen. Bernsdorf produzierte vor allem für den westdeutschen Markt, während andere Standorte wie Schwedt stärker den Binnenmarkt versorgen sollten.

Trotz der Exportorientierung gelangten ab Mitte der 1970er-Jahre auch größere Stückzahlen der Möbel in den ostdeutschen Handel. Beispielsweise wurden zwischen 1972 und 1975 rund 15.000 Garten-Eier in der DDR verkauft. Mit einem Preis von etwa 430 Mark blieb das Möbelstück ein Luxusartikel. Anders als andere Kunststoffmöbel wie der Känguruh-Stuhl war das Garten-Ei deshalb im DDR-Alltag kaum präsent. Es stand weniger für Massenkonsum als vielmehr für modernes Design, Exportwirtschaft und den Versuch der DDR, internationale Wohntrends trotz begrenzter Konsummöglichkeiten aufzugreifen.

Ost-West-Verflechtungen im Möbeldesign

Beide Möbelstücke zeigen, wie eng Ost und West im Bereich des Designs trotz politischer Trennung miteinander verbunden waren. Die DDR war nicht nur Herstellerin funktionaler Gebrauchsmöbel für den Eigenbedarf, sondern zugleich Produktionsstandort moderner Kunststoffmöbel für internationale Märkte.
Känguruh-Stuhl und Garten-Ei stehen damit exemplarisch für eine oft übersehene Seite der DDR-Möbelproduktion: Viele Entwürfe entstanden im Westen, wurden jedoch teilweise in DDR-Betrieben gefertigt – kostengünstig, in großen Stückzahlen und häufig für den Export.

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