Blog

Der Wartburg 353 – Mittelklasse in der DDR

Der Beitrag erzählt die Geschichte des Wartburg 353 – vom modernen DDR-Mittelklassewagen über den späten Umstieg auf den Wartburg 1.3 bis zum Produktionsende 1991. Außerdem stellen wir ein Exemplar aus unserer Sammlung vor. von Sören Marotz & Lars Leonhardt (31.07.2026)

Zum Zeitpunkt seiner Vorstellung war der Wartburg 353 modern gestaltet und galt von der Formgebung her als einer der modernsten Wagen aus dem Ostblock. Als geräumiger Viertürer war er ein begehrter Wagen in einem Land, dessen Bürger zum größten Teil mit dem zweitürigen Trabant unterwegs waren. Was ihm jedoch von Anfang an zum Außenseiter machte, war der vom IFA F9 übernommene, in mehreren Stufen weiterentwickelte Dreizylinder-Zweitaktmotor, der zwar für ansprechende Fahrleistungen sorgte, aber eine riech- und sichtbare blaue Abgasfahne hinter sich herzog. Zweitakter waren in der Mittelklasse ab Mitte der 1960er international nicht mehr gefragt, denn die immer weiter anwachsende Verkehrsdichte erforderte Maßnahmen zur Luftreinhaltung, vor allem in Städten und Ballungszentren. Internationale Abgasvorschriften erschwerten die Verkäufe ab Mitte der 1970er-Jahre in westlichen Ländern.

Rote Wartburg-Broschüre mit frontaler Abbildung eines Wartburgs 353

Der Wartburg 353 in der DDR-Planwirtschaft

So modern und zeitlos der Wartburg 353 bei seinem Erscheinen auch gestaltet war, so moralisch verschlissen war seine Außenform nach der über 22jährigen Produktionszeit. An Ideen, Konzepten und international konkurrenzfähigen Neu- und Weiterentwicklungen mangelte es in Eisenach nie. Doch die sozialistische DDR-Planwirtschaft sah die Pkw nur zur Kaufkraftabschöpfung der seit den 1970er-Jahren jährlich anwachsenden Sparkonten. Auch war der Binnenmarkt der DDR viel zu klein, um eine wirtschaftlich tragfähige Produktionsrate zu ermöglichen. Ohne Export ging es nicht und ohne ein modernes Auto war der Export schwierig. Ein Henne-Ei-Problem, das nicht zu lösen war.

In unserem Sammlungsbestand befindet sich ein Wartburg 353 deLuxe vom VEB Automobilwerk Eisenach, der mit dem beliebten Schiebedach sowie einer Anhängerkupplung ausgestattet ist. Die 18.095,50 Mark teure, blaue Limousine mit dem Baujahr 1969 hatte noch den alten 45 PS Motor, der wenige Monate später von einer Weiterentwicklung mit 50 PS abgelöst wurde. Erstmals zugelassen wurde der Wagen mit dem Kennzeichen VB 25-33 am 06. Januar 1970 in Bad Dürrenberg bei Leipzig. In den folgenden Jahren blieb der Wartburg bei verschiedenen Besitzern in im Raum Leipzig, bevor er 1991 ebendort auch stillgelegt wurde. Später komplett restauriert, gelangte der Wagen per Anhänger in unsere Sammlung.

Blauer Wartburg 353 auf einer Wiese vor Bäumen, aufgenommen aus schräger Frontansicht.

Der Wartburg 1.3 – Der letzte Wartburg aus Eisenach

Die DDR hatte aber auch Fürsprecher im Westen. Anfang der 1980er-Jahre bot der neue VW-Vorstandsvorsitzende Carl Hahn, geboren und aufgewachsen in Zschopau im Erzgebirge, der DDR-Wirtschaftsführung eine Fertigungsstraße für VW-Viertaktmotoren zu einem günstigen Preis an. Mit einer beachtlichen Kraftanstrengung gelang bis zum Sommer 1988 der Aufbau der Viertakt-Motorenproduktion bei Karl-Marx-Stadt und VW konnte die Taktstraße an das IFA-Kombinat übergeben. Die Investitionen in die PKW-Zulieferindustrie kostete den Staat am Ende ein Vielfaches der geplanten Summe. Daher musste der Motoreneinbau in die vorhandenen Pkw-Typen Trabant 601 und Wartburg 353 erfolgen, für ein neues PKW-Programm fehlte das Geld. Für die ab 1988 (Wartburg 1.3) und 1990 (Trabant 1.1) produzierten Wagen kam diese Initiative zu spät. Vor der Wende sicherten Wartezeiten von bis zu 18 Jahren den Verkauf. Mit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom 1. Juli 1990, der den DDR-Bürgern über Nacht die D-Mark brachte, brach der Verkauf zusammen. Am Ende warteten hunderte Wartburgs auf einen Käufer. Am 10. April 1991 endete die Produktion und erst am 7. Oktober 1991 wurde der letzte Wartburg 1.3 verkauft. Genau zwei Jahre zuvor feierte die DDR-Regierung noch ihren 40. Jahrestag. Nun war der Arbeiter- und Bauern-Staat Vergangenheit und ein Kapitel deutscher Industriegeschichte endete: Mit einem indianroten Wartburg 1.3 rollte am 10. April um 11:48 Uhr der letzte Wartburg aus der Eisenacher Fabrikhalle.

Warum der Wartburg bis heute begeistert

Nach den Wendejahren, in denen ein Wartburg zum Schnäppchenpreis Mobilität ermöglichte, kam es ab Ende der 1990er-Jahre zu einer Rückbesinnung. Die robuste Konstruktion, der reparaturfreundliche Aufbau und die fast zeitlose Form begeistert heute eine treue und wachsende Fangemeinde. Nicht zuletzt ist es aber auch der Stolz vieler Eisenacher, dass knapp zehntausend Wartburgs das Ende ihrer Produktionsstätte überlebt haben und heute noch auf den Straßen Ostdeutschlands oder beim internationalen Wartburg-Treffen in Eisenach unterwegs sind.

Insgesamt gab es den traditionsreichen Namen »Wartburg« übrigens dreimal im Automobilbau der Stadt am Fuße der Wartburg: Zur Vorstellung eines gleichnamigen Motorwagens schon 1899, in den 1930er-Jahren als »BMW Wartburg« für einen kleinen Sportwagen und ab 1955 für den Eisenacher Hoffnungsträger, der zuerst als »Wartburg 311« in über 50 Länder exportiert wurde, darunter in die USA, nach Südafrika, Kolumbien, Finnland und Großbritannien.

Mehr zum Thema