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Aufbruch nach Utopia – Zukunftsvisionen aus der DDR

Die Sonderausstellung »Aufbruch nach Utopia – Zukunftsvisionen aus der DDR« thematisierte den sozialistischen Glauben an Fortschritt, Technik und eine bessere Zukunft. Dieser Blogbeitrag gibt einen zusammenfassenden Rückblick. von Dr. Stefan Wolle (30.01.2026)

Zukunfts- und Technikglaube in der DDR

Der Sozialismus in der DDR war unmittelbar verbunden mit einer konkreten Vision von der Zukunft. Sie war Teil der marxistisch-leninistischen Ideologie, die versprach, den alten Menschheitstraum von der glückseligen Insel Utopia bald schon zu verwirklichen. Die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung verband sich mit dem Glauben an die uneingeschränkten Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik. Spätestens im Jahr 2000 würde weltweit der vollendete Kommunismus herrschen, glaubte man. Es war also auch im DDR Museum an der Zeit, auf die Vergangenheit der Zukunft zurückzublicken. Vom 19. Juli bis 3. Oktober 2017 war diese Zukunftsbegeisterung daher Gegenstand der Sonderausstellung »Aufbruch nach Utopia – Zukunftsvisionen aus der DDR«.  

Die Sowjetunion verkündete 1961 die baldige Verwirklichung des Kommunismus auf der Basis einer beschleunigten Entwicklung der Produktivkräfte. Nun war der Beginn der Zukunft im Kalender angekreuzt. Auch in der DDR machte sich in allen Medien eine ungebrochene Zukunfts- und Technikeuphorie breit. Sie war Teil konkreter ökonomischer Reformpläne, die stark auf Wissenschaft und Technik setzte.

Comic-artige Grafik eines riesigen Staudamms

Sozialistischer Fortschritt um jeden Preis

Die Technikvisionen von damals lassen heute den Atem stocken. Umweltbedenken oder Rücksicht auf die Natur gab es keine. Mit Hilfe der Atomkraft sollten Wüsten bewässert und die Arktis in einen blühenden Garten verwandelt werden. Die Ströme Sibiriens wollte man in den Süden umleiten, um die Wüsten Mittelasien zu bewässern. Gigantische Staudämme würden die nötige Energie erzeugen. Maschinen und Roboter sollten dem Menschen die schwere Arbeit abnehmen und der Sozialismus allen ein sorgenfreies Leben ermöglichen.

Juri Gagarin und der sozialistische Aufbruch der 1960er-Jahre

Der Weltraumflug von Juri Gagarin am 12. April 1961 hatte das Tor zum Himmel aufgestoßen. Und es sollte ein Himmel ohne Gott sein. An die Stelle der Kirche war der Glaube an den Sozialismus getreten. Auch politisch war die Welt in Bewegung geraten. Viele afrikanische Staaten wurden um 1960 unabhängig und auf Kuba führten seit 1959 die bärtigen Rebellen um Fidel Castro das Land in den Sozialismus.

Zeitschrift »Jugend und Technik« mit bunt gestaltetem Titelblatt einer fliegenden Fahrzeugen in einer futuristisch anmutenden Welt

Science-Fiction und Technikvisionen in der DDR

Science-Fiction, Technikeuphorie und ideologische Zukunftsversprechen bildeten dabei eine organische Einheit. Sie setzten auch in der DDR eine Menge Phantasie frei. Die Helden der Bildergeschichte aus dem »Mosaik« reisten mit einer Rakete auf einen fremden Planeten, wo der Kommunismus bereits Wirklichkeit geworden war. Die Zeitschrift »Jugend und Technik« lieferte hingegen jeden Monat technische Visionen in Wort und Bild. Sie reichten von der Tiefseeforschung bis hin zu Weltraumflügen.

Ende der 1950er- und zu Beginn der 1960er-Jahre waren die Bücher des Autorengespanns Karl Böhm und Rolf Dörge echte Renner in den Buchläden der DDR. In mehreren Auflagen erschien seit 1959 das Buch »Unsere Welt von morgen«. Die visionären Städte der Zukunft, die vor den Augen der jugendlichen Leser entstanden, glichen verdächtig den als menschenfeindlich gegeißelten Metropolen, die damals schon in Amerika und anderswo gebaut wurden: breite Autostraßen, riesige Hochhäuser mit Landeplätzen für Hubschrauber, gigantische Kaufhäuser. Immerhin gab es auch einen Park mit einem Teich und einem Restaurant. Die Menschen aber, die vereinzelt dort umherirren, sind schon im Entwurf ganz winzig.

Buch mit zwei futuristisch anmutenden Autos auf dem Cover sowie dem Titel »Unsere Welt von morgen«

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