Der Spaziergang beginnt mit einem Besuch des DDR Museum unmittelbar an der Museumsinsel. Auf knapp 950 Quadratmetern bietet die Dauerausstellung einen anschaulichen Überblick über die Geschichte der DDR und lädt dazu ein, sich mit dem politischen System sowie dem Alltag des vergangenen Staates auseinanderzusetzen. Zahlreiche originale Objekte und interaktive Stationen machen das Leben in der DDR unmittelbar erfahrbar. Damit ist das DDR Museum ein idealer Ausgangspunkt, um die historischen Orte, die uns auf dem weiteren Rundgang begegnen, in ihren jeweiligen Zusammenhang einzuordnen.
Nach diesem Auftakt geht es zu einem Ort, an dem sich die wechselvolle Geschichte des Berliner Zentrums besonders deutlich ablesen lässt. Dort, wo sich heute das Humboldt Forum im rekonstruierten Berliner Stadtschloss befindet, stand von 1976 bis 2008 der Palast der Republik. Der repräsentative Bau war einer der teuersten Prachtbauten der DDR und sollte als »Palast des Volkes« für alle offenstehen. Neben der Volkskammer, dem Scheinparlament der DDR, beherbergte das Gebäude mehrere Restaurants, Theater- und Konzertsäle, eine Bowlingbahn und sogar eine Diskothek. Für viele Menschen war der Palast der Republik deshalb weniger ein politischer Ort als ein Gebäude, mit dem sich persönliche Erinnerungen verbanden.
Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 durchlebte der Palast der Republik eine bewegte Geschichte. Zunächst erhielt er eine neue politische Bedeutung. So fand hier am 5. April 1990 die erste Sitzung der 10. DDR-Volkskammer statt. Im Gegensatz zur früheren Funktion als reines Akklamationsorgan des SED-Regimes repräsentierte die erste und letzte frei gewählte Volkskammer den demokratischen Aufbruch des Umbruchjahres. Schon im September musste das Gebäude allerdings aufgrund der Asbestbelastung geschlossen werden. Die Abgeordneten zogen vorübergehend ins Haus der Parlamentarier am Werderschen Markt um. Der Palast der Republik wurde daraufhin komplett entkernt und anschließend in den 2000er-Jahren abgerissen.
Vom heutigen Humboldt Forum führt der Weg weiter zum ehemaligen Machtzentrum der DDR. Der nächste Stopp ist das Staatsratsgebäude. Dieses entstand zwischen 1962 und 1964 als erster sozialistischer Regierungsneubau direkt im Herzen Ost-Berlins. Es war Sitz des Staatsrates, der nach dem Tod des ersten und einzigen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, als neues kollektives Staatsoberhaupt fungierte. Tatsächlich blieb die politische Macht jedoch fest in der Hand der SED und ihrer Führung, insbesondere da Walter Ulbricht nicht nur die Rolle des SED-Parteichefs, sondern auch die des Staatsratsvorsitzenden innehatte.
Auch architektonisch erzählt das Gebäude von der Selbstinszenierung der DDR. Moderne Formen wurden mit historischen Elementen verbunden. Besonders auffällig ist das sogenannte Portal IV, das aus dem ehemaligen Berliner Stadtschloss stammt und nach dessen Sprengung 1950 in den Neubau integriert wurde. Damit wurde ein Überrest der preußischen Vergangenheit Teil eines sozialistischen Repräsentationsbaus. In der »Orte Ost«-Folge zum Staatsratsgebäude räumt der Historiker Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk mit dem in der DDR weit verbreiteten Mythos auf, Karl Liebknecht habe von diesem Balkon im November 1918 die sozialistische Republik ausgerufen. Das Staatsratsgebäude zeigt exemplarisch, wie Architektur in der DDR nicht nur funktional, sondern auch ideologisch aufgeladen war.
Fast unmittelbar gegenüber befand sich der zentrale Ort der SED-Herrschaft. Auf unserem Rundgang sind wir nun im Herzen der Macht angekommen. Im Haus am Werderschen Markt, das von 1934 bis 1940 als Erweiterungsbau der Reichsbank errichtet worden war, hatte ab 1959 das Zentralkomitee der SED seinen Sitz, nachdem es zuvor das DDR-Finanzministerium beherbergt hatte. Hier wurden im kleinen Kreis des Politbüros, der eigentlichen Machtzentrale, Entscheidungen vorbereitet und getroffen, die das Leben in der DDR maßgeblich bestimmten. Walter Ulbricht, Erich Honecker und Egon Krenz hatten als Erste Sekretäre beziehungsweise Generalsekretäre des ZK hier ihre Arbeitsplätze.
Das zu DDR-Zeiten hermetisch abgeriegelte Gebäude wurde damit zu einem Symbol der SED-Diktatur. Während der friedlichen Revolution im Herbst 1989 war es eines der wichtigsten Ziele der Protestierenden. Am 8. November, einen Tag vor dem Mauerfall, erfolgte der geschlossene Rücktritt des Politbüros unter dem Druck der Demonstrationen. Heute ist das historische Gebäude, das um einen modernen Teil erweitert wurde, Sitz des Auswärtigen Amts.
Die Folge »Das Zentralkomitee der SED – Machtzentrum der DDR« unserer Filmreihe »Orte Ost« erkundet die Räume von den obersten Büroetagen bis hin zu den früheren Reichsbank-Tresoren, in denen heute das politische Archiv des Auswärtigen Amts untergebracht ist. Ein Spaziergang an diesem Ort macht damit gleich mehrere politische Zeitschichten Berlins sichtbar.
Das ehemalige Zentrum Ost-Berlins war jedoch stets mehr als nur ein unbelebter Machtort. Nur wenige Fußminuten vom früheren Marx-Engels-Platz, dem heutigen Schlossplatz, entfernt, verbirgt sich eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt: das Nikolaiviertel. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein idyllisches, historisch gewachsenes Altstadtquartier. Tatsächlich ist ein großer Teil des heutigen Viertels eine Schöpfung aus DDR-Zeiten.
Anlass für die umfassende Neugestaltung des mittelalterlichen Stadtkerns war die 750-Jahr-Feier Berlins 1987. Ost und West lieferten sich damals einen Wettstreit darum, wer das Jubiläum eindrucksvoller inszenieren konnte. Im Zentrum der sozialistischen Hauptstadt sollte ein historisch anmutendes Stadtquartier entstehen. Zugleich wollte die DDR zeigen, dass sich die industrielle Plattenbauweise nicht nur für die auf der grünen Wiese errichteten Neubauviertel wie Marzahn eignete. Während allerdings das Nikolaiviertel aufwendig rekonstruiert und neugestaltet wurde, ließ man andernorts, zum Beispiel im Prenzlauer Berg, die Altbausubstanz verfallen.
Heute lässt es sich zwischen Nikolaikirche, engen Gassen und rekonstruierten Fassaden entspannt flanieren. Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein.
Weiter geht es zum Alexanderplatz, einem der bekanntesten Orte Berlins, nicht zuletzt durch Alfred Döblins Roman »Berlin Alexanderplatz«. Besonders markant ist der 1969 eröffnete Fernsehturm, der pünktlich zum 20. Geburtstag der DDR fertiggestellt wurde. Mit seinen 365 Metern sollte er nicht nur ein bauliches Prestigeprojekt, sondern auch ein weithin sichtbares Symbol für den Fortschrittsanspruch der DDR sein. Zur Eröffnung am 3. Oktober 1969 versammelte sich die SED-Führung um Walter Ulbricht am Alexanderplatz. Gleichzeitig begann mit dem zweiten Fernsehprogramm der DDR die Ära des Farbfernsehens.
Auch die Weltzeituhr gehört bis heute zu den bekanntesten Wahrzeichen des Platzes. Sie wurde ebenfalls 1969 aufgestellt und entwickelte sich rasch zu einem beliebten Treffpunkt. Angetrieben wird das Uhrwerk bis heute von einem umgebauten Trabantgetriebe. Der Alexanderplatz selbst war Teil eines umfassenden städtebaulichen Umbaus, mit dem das Zentrum Ost-Berlins als moderne sozialistische Hauptstadt gestaltet werden sollte. Wer sich hier umsieht, erkennt bis heute die Mischung aus Repräsentationsarchitektur und Funktionsbauten, die den Platz in der DDR prägte.
Nur ein kurzes Stück davon entfernt verändert sich der Charakter unseres Rundgangs grundlegend. In der Keibelstraße befand sich zu DDR-Zeiten eine Untersuchungshaftanstalt der Volkspolizei. Zwischen 1951 und 1990 wurden hier Tausende inhaftiert. Neben Menschen, die wegen klassischer Straftaten in Gewahrsam genommen wurden, befanden sich darunter auch Personen, die aufgrund politischer Aktivitäten oder anderer als unerwünscht geltender Verhaltensweisen mit dem Staat in Konflikt geraten waren. Der Ort steht damit exemplarisch auch für die staatliche Repression in der DDR. Nicht zuletzt durch die unmittelbare Nähe zum Alexanderplatz war die Keibelstraße im Volksmund ein geflügeltes Wort, das Schrecken verbreitete.
Heute erinnert der Lernort Keibelstraße an die Geschichte der Haftanstalt und setzt sich mit dem Rechts- und Herrschaftssystem der DDR auseinander. Die Folge »Keibelstraße – Haft im Herzen Berlins« aus der Filmreihe »Orte Ost« nimmt diesen besonderen Schauplatz ebenfalls in den Blick.
Von der Keibelstraße bietet sich ein kurzer Abstecher zur Ecke Torstraße/Prenzlauer Allee an. Auch wenn man heute als gewöhnliche*r Besucher*in nur von außen einen Blick auf das Soho House Berlin werfen kann, lohnt sich ein kurzes Innehalten – und zwar nicht nur wegen der Promis, die dort ein- und ausgehen. Das Gebäude war 1929 ursprünglich als Kaufhaus Jonaß eröffnet worden und hatte bereits vor der DDR eine wechselvolle Geschichte. Während der Zeit des Nationalsozialismus war hier die Reichsjugendführung untergebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED im Jahr 1946 zum Sitz der Parteiführung. Fortan trug es den Namen »Haus der Einheit«.
Im Zuge des Volksaufstands am 17. Juni 1953 war das Gebäude neben dem Haus der Ministerien ein Ziel des Protests. 1959 zog die SED in das Haus am Werderschen Markt um. Das ehemalige »Haus der Einheit« beherbergte anschließend das Institut für Marxismus-Leninismus sowie das zentrale Parteiarchiv. Heute erinnert vor allem eine Stele an die Geschichte des Gebäudes.
Zurück am Alexanderplatz geht es nur wenige Meter in die andere Richtung. Von der gegenüberliegenden Straßenseite fällt sofort die farbenfrohe Fassade des Hauses des Lehrers ins Auge. Das 1964 eingeweihte Gebäude war das erste Hochhaus, das nach dem Zweiten Weltkrieg am Alexanderplatz errichtet wurde. Das neue pädagogische Zentrum im Herzen Berlins ersetzte das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Lehrervereinshaus. Seine moderne Stahlskelettkonstruktion ermöglichte die offene Gestaltung der Fassade.
Besonders eindrucksvoll ist das monumentale Mosaik »Unser Leben« von Walter Womacka: Rund 800.000 Mosaiksteine zeigen auf mehreren Gebäudeseiten ein Idealbild der sozialistischen Gesellschaft. Im Gebäude selbst befanden sich unter anderem die Magazinbestände der Pädagogischen Zentralbibliothek. Das Haus des Lehrers verbindet damit auf besondere Weise moderne Architektur mit der Bildsprache und dem gesellschaftlichen Selbstverständnis der DDR. Mitverantwortlich für den Bau war der Architekt Hermann Henselmann, der durch seine eindrucksvollen Gebäude an der Karl-Marx-Allee bekannt wurde.
Das Haus des Lehrers steht am Zugang zur Karl-Marx-Allee. Die Magistrale gehört zu den markantesten Beispielen sozialistischer Stadtplanung in Berlin. Auf dem Weg zum Strausberger Platz verändert sich dabei das Stadtbild deutlich und spiegelt damit die die wechselvolle Geschichte der DDR wider. Anfangs geht es vorbei an Schaustücken der sogenannten Ostmoderne wie dem Kino International oder dem Café Moskau. Während im westlicheren Abschnitt vor allem Bauten der 1960er-Jahre zu sehen sind, prägen in Richtung Friedrichshain monumentale Wohnhäuser im sogenannten »Zuckerbäckerstil« der frühen 1950er-Jahre das Straßenbild. Insbesondere am Strausberger Platz dominieren die von Henselmann entworfene Hochhäuser das Bild.
Die Straße wurde 1949 zunächst in Stalinallee umbenannt und nach sowjetischem Vorbild zu einer repräsentativen Prachtstraße ausgebaut. Auch nach der Umbenennung in Karl-Marx-Allee 1961 fanden hier die großen Paraden zum 1. Mai und zum Republikgeburtstag statt. Die Straße war jedoch mehr als nur eine prachtvolle Fassade. Die großzügigen Wohnungen in den sogenannten »Arbeiterpalästen« waren begehrte Wohnräume, die an verdienstvolle Arbeiter*innen und Funktionär*innen vergeben wurden. Gleichzeitig zeigte sich auch hier die politische Realität der DDR. Die Baustelle rund um die Weberwiese wurde am 17. Juni 1953 zu einem Ausgangspunkt für Streiks und Kundgebungen gegen die SED-Herrschaft.
Von den U-Bahnstationen der Linie U5 aus gelangt man in kurzer Zeit zurück zur Museumsinsel. Der Rundgang zeigt, wie vielfältig die Spuren der DDR in Berlin-Mitte bis heute sind. Inmitten repräsentativer Architektur und alltäglichen Erinnerungsorten wird deutlich, dass die Geschichte der DDR nicht nur im Museum, sondern auch im Stadtraum erlebt werden kann. Wer mit offenen Augen durch die Mitte Berlins geht, kann an vielen Orten entdecken, wie die DDR bis heute nachwirkt und wie mit den baulichen und materiellen Überresten ihrer Geschichte umgegangen wird.