Fragt man ehemalige DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger, welche Betriebe die wichtigsten Hersteller von motorisierten Zweirädern in der DDR waren, fällt den meisten wohl direkt Simson aus Suhl im Thüringer Wald oder MZ aus Zschopau im sächsischen Erzgebirge ein.
Simson war für die vielen verschiedenen Mokick- und Moped-Baureihen wie etwa die berühmte Vogelserie mit den klangvollen Namen Schwalbe, Spatz, Star, Sperber und Habicht bekannt oder auch für die weitverbreiteten Modelle S50 und S51, die oft einfach als »Simmen« bezeichnet wurden. Die Einzylinder-Zweitakt-Motorräder aus dem Motorradwerk Zschopau (MZ) mit den Typenbezeichnungen RT, ES, ETS, über TS bis hin zu ETZ haben sich sogar über die DDR hinaus einen guten Ruf erarbeitet.
Nicht selten, vor allem in den 1960er-Jahren, nahmen die Zweiräder aus Zschopau vordere Plätze im internationalen Motor- und Endurosport ein und galten als gute und zuverlässige Konstruktionen, die sich auch im westlichen Ausland verkauften. So sind die Fahrzeuge etwa in Großbritannien bis heute ausgesprochen beliebt. Auch die Kleinkrafträder aus dem VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl, ab 1969 VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk »Ernst Thälmann«, wurden in über 40 Länder exportiert – vor allem in sozialistische Bruderländer, während sie im Westen eher unbekannt blieben.
In Zschopau wurden auch Sonderfahrzeuge für die Volkspolizei und die NVA produziert. Grundlage für die Produktpalette von MZ bildeten Zweitaktmotoren von DKW (Dampfkraftwagen) mit ihrer einfachen Bauweise, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg beliebt waren und bis zum Ende der DDR und darüber hinaus immer weiterentwickelt wurden.
In der Geschichte der DDR sind aber nicht nur Suhl und Zschopau als Standorte des ostdeutschen motorisierten Zweiradbaus zu nennen, sondern auch Ludwigsfelde in Brandenburg. Denn in den Jahren 1955 bis 1964 wurden dort, im VEB Industriewerke Ludwigsfelde (später: Automobilwerke Ludwigsfelde), vier verschiedene Rollermodelle gebaut, ehe das Werk sich ganz dem Lastkraftwagenbau widmen musste. Darunter auch der IWL Pitty oder der IWL SR 59 Berlin, der in der Ausstellung des DDR Museums zu finden ist.
In Ermangelung einer ausreichenden PKW-Produktion sorgten Mopeds, Roller und Motorräder für individuelle Mobilität in der DDR, während die motorisierten Zweiräder in der Bundesrepublik ab den 1970er-Jahren mehr und mehr zu Sport- und Freizeitgefährten avancierten. So kann die DDR zurecht als Zweiradland bezeichnet werden, denn die kurzfristige Verfügbarkeit ohne lange Wartezeit und die im Vergleich zum Auto moderaten Preise trugen zur hohen Verbreitung der motorisierten Zweiräder in der DDR bei. Dies sollte auch bis zur Wende so bleiben.
Gerade bei Jugendlichen hatten die Mokicks von Simson mit ihren 50 ccm und 60 km/h Höchstgeschwindigkeit durchschlagenden Erfolg, denn sie durften bereits von 15-Jährigen gefahren werden. Dies gilt bis heute, da diese Regelung Teil des Einigungsvertrages von 1990 war. Mit über 1,6 Millionen gebauten Fahrzeugen sind die verschiedenen Simson S50/S51-Baureihen bis heute die meistgebauten Kleinkrafträder Deutschlands. Insgesamt wurden zwischen 1949 und 1990 rund 6 Millionen motorisierte Zweiräder in der DDR gebaut.
Zwar war die DDR-Zweiradproduktion nach dem Übergang in das vereinigte Deutschland etwas sanfter gefallen als die der Hersteller der vierrädrigen ostdeutschen Fahrzeuge, der überwältigenden Konkurrenz aus Japan oder Italien hatten sie aber langfristig kaum etwas entgegenzusetzen. In der Planwirtschaft noch heißbegehrt, waren sie über Nacht im Niedrigpreissektor der bundesdeutschen Marktwirtschaft gelandet. Schnell war in den Nachwendejahren die große Zeit der motorisierten Zweiräder für den Alltagsgebrauch in den neuen Bundesländern vorbei. Mit der Schließung des MZ-Werks 2008 und dem endgültigen Produktionsende 2012 endete die industrielle Serienproduktion ostdeutscher motorisierter Zweiräder nach einer gut 70 Jahre dauernden Geschichte. Dies bedeutet aber nicht, dass auch die Geschichte der produzierten Fahrzeuge aus der DDR vorbei ist, ganz im Gegenteil. Heute genießen die Simsons und MZ aus dem untergegangenen Staat Kultstatus und es hat sich eine lebendige Schrauber-, Bastler und Liebhabercommunity entwickelt. Mit den letzten Entwicklungsstufen der Motoren M451 und M 471, die noch zu DDR-Zeiten in Suhl entwickelt wurde, wird auch heute wieder ein Teil der ostdeutschen Zweiradindustrie in Thüringen hergestellt. Heute dient er in erster Linie als Auswechselmotor und Basis für Umbauarbeiten an den alten Ostmopeds, die bis heute auf den Straßen der Bundesrepublik unterwegs sind.
Der hauseigene Sammlungsbestand des DDR Museum umfasst 140 motorisierte Krafträder, die im Pyramidenring 10 in einer alten Bestandshalle des ehemaligen Autobahnbau Kombinat Betrieb Nord untergebracht sind. Die Fahrzeuge aus Suhl, Ludwigsfelde und Zschopau decken den gesamten Zeitraum der DDR ab. Viele Maschinen wurden restauriert, haben ihre Erstzulassung jedoch meist im jeweiligen Produktionszeitraum. Neben typischen Alltagsfahrzeugen, wie sie häufig auf den Straßen der DDR zu sehen waren, befinden sich auch einige Raritäten in unserer Sammlung, etwa eine MZ FBM Brasil 250 RSJ, die die Zschopauer gemeinsam mit dem brasilianischen Fahrzeugbauer Fabrica Brasiliera de Motos (FBM) für den brasilianischen Markt entwickelten oder eine AWO Eskorte, von der in Suhl lediglich 30 Fahrzeuge gebaut wurden.
Wer sich die Fahrzeuge und unsere restliche Sammlung von Alltagsobjekten der DDR gerne einmal selbst anschauen möchte, hat jeden Donnerstag von 12 bis 17 Uhr und jeden 1. und 2. Sonntag eines Monats von 11 bis 16 Uhr die Möglichkeit. Tickets für die jeweiligen Besichtigungs- und Führungstermine gibt es auf unserer Seite »Depotbesichtigung«.