Egal welches Geschlecht oder welche Identität – Menschen aus der LGBTQI+-Community (also z. B. lesbisch, schwul, bi, trans, queer, inter und mehr) haben auch heute noch mit Diskriminierung und gesellschaftlichem Druck zu kämpfen. Wer von der heteronormativen Vorstellung abweicht, muss sich häufig rechtfertigen. Und das ist kein rein ostdeutsches Thema.
Wer sich mit queerer Geschichte beschäftigt, wird schnell erkennen: Lesbische Frauen sind in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Medien deutlich weniger sichtbar als schwule Männer. Das gilt auch für die DDR. Denn obwohl queere Menschen dort für mehr Rechte und Sichtbarkeit kämpften, war die Bewegung stark von männlichen Stimmen geprägt. Der Zeitzeuge Rainer Herrn erzählte dem MDR zum Beispiel, dass sich aus der Schwulenbewegung in der DDR und den Anliegen lesbischer Frauen trotz gemeinsamer Ziele oft zwei getrennte Räume entwickelten. Viele Frauen fühlten sich innerhalb der Community einfach nicht mitgemeint oder gehört.
In der DDR wurde offiziell viel Wert auf Gleichstellung gelegt – ganz nach dem Vorbild des Marxismus-Leninismus. Frauen sollten genauso am Arbeitsleben teilhaben wie Männer, und tatsächlich waren viele berufstätig. Gleichen Lohn für gleiche Arbeit gab es jedoch vor allem auf dem Papier. In der Realität verdienten Frauen oft weniger.
Im Vergleich zur alten BRD war die DDR in Sachen Frauenrechte allerdings sogar ein Stück weiter. So wurde die Berufstätigkeit von Frauen nicht nur geduldet, sondern explizit gefördert, auch in männerdominierten Berufen. Klingt erstmal ziemlich progressiv. Jedoch gab es einen Haken, denn die Erwartungen an Frauen waren riesig. Neben dem Vollzeitjob sollten sie auch noch perfekte Mütter und Hausfrauen sein. Kurz gesagt: sozialistische Superheldinnen.
Die SED warb mit Gleichberechtigung und schuf Strukturen, die Frauen den Zugang zum Berufsleben erleichterten. Aber der Antrieb dahinter war weniger feministisch als wirtschaftlich. Der Staat brauchte einfach jede Arbeitskraft, die er bekommen konnte. Die traditionelle Rollenverteilung in Familie und Alltag blieb oft unangetastet – nur dass jetzt alles auf einmal gestemmt werden musste. Die DDR schützte dabei vor allem die Ehe zwischen Mann und Frau als kleinste Zelle der sozialistischen Gesellschaft. Sie ist als besonders schützenswerte Institution in der Verfassung der DDR vermerkt, so steht es im Artikel 38.
Auch wenn Homosexualität in der DDR schon 1968 offiziell entkriminalisiert wurde, sah die Realität für queere Menschen trotzdem alles andere als offen oder tolerant aus. Die gesellschaftliche Grundhaltung war nicht queerfreundlich und das bekamen besonders lesbische Frauen zu spüren.
Der Druck war groß, sich entweder anzupassen oder die eigene Identität zu verstecken. Und das war nicht nur eine Frage des persönlichen Wohlbefindens. Denn wer offen lesbisch war, hatte oft auch schlechtere Chancen im Job.
Vor allem in kleinen Städten und Dörfern war es schwierig, Privates und Berufliches zu trennen. In der Anonymität der Großstadt war es zwar etwas leichter, sich Freiräume zu schaffen, aber sicher war das Leben dort auch nicht. Einige oppositionelle Gruppen suchten Schutz in kirchlichen Räumen, zum Beispiel Friedens- oder Umweltaktivist*innen. Die evangelische Kirche war auch für die Homosexuellenbewegung ein zentraler Zufluchtsort, da viele Gemeinden auch ihnen ihre Räume für Treffen zur Verfügung stellten. Die Entscheidung hing oft an einzelnen Pfarrer*innen, ob sie diese Offenheit begrüßten oder nicht, und diese Entscheidung war intern häufig umstritten. Die Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg war eine der bedeutendsten ersten ostdeutschen Gemeinden, die ihre Räumlichkeiten unter anderem der Arbeitsgruppe »Lesben in der Kirche« zur Verfügung stellte. Als nicht-kirchliche Alternative öffnete darüber hinaus Mitte der 1980er-Jahre der »Sonntags-Club«, der auch heute noch besteht. Gegründet wurde er von der Frauenrechtlerin Ursula Sillge und diente als Treffpunkt für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen. Die Stasi hatte den Ort und dessen Menschen stets im Visier, doch die Organisator*innen ließen sich nicht abhalten – der Sonntags-Club wurde zum Raum für Beratungen, Vernetzung und kulturellen Veranstaltungen. Man wusste dennoch nie ob, und wenn ja, wer innerhalb einer Gruppe möglicherweise Inoffizielle*r Mitarbeiter*in (IM) ist und Informationen an die Staatssicherheit weitertrug.
Das SED-Regime betrachtete jede Form von unabhängiger Organisation mit Misstrauen – vor allem, wenn sie außerhalb der staatlich kontrollierten Strukturen stattfand. Wer sich also in queeren Netzwerken oder Gruppen engagierte, lief Gefahr, ins Visier der Stasi zu geraten. Die Geheimpolizei arbeitete oft mit subtilen Mitteln, z. B. durch das gezielte Streuen von Gerüchten, um Menschen im Beruf oder im Freundeskreis zu isolieren. Gerade queere Personen litten unter diesen Methoden besonders stark.
Und trotzdem: Lesbisch-feministische Gruppen schafften es, sich zu organisieren – oft über persönliche Netzwerke, Freundschaften, Liebesbeziehungen oder bei Veranstaltungen wie Kirchentagen und Friedenswerkstätten. In einigen Städten entstanden richtige Treffpunkte für junge Frauen, meist zwischen 20 und 30, wo sie sich über ihr Leben, über Politik und über ihre Identität austauschen konnten. Dort wurden auch Bücher, Filme und Zeitschriften zum Thema Homosexualität gesammelt.
Ein ganz besonderes Projekt war die Zeitschrift »frau anders« – die erste und einzige Lesbenzeitschrift der DDR. Sie erschien ab Januar 1989 in Jena, wurde heimlich verteilt und hatte eine Mini-Auflage von gerade mal 100 Stück. Ein Teil der Texte kam von der Redaktion, der Rest waren Einsendungen von Leserinnen. Dass so ein Projekt überhaupt möglich war, zeigt, wie stark und kreativ diese Community trotz aller Einschränkungen war.
Homosexualität wurde im SED-Staat zwar nicht als »Sünde« angesehen, aber als Abweichung von der »sozialistischen Norm«. Der Historiker Rainer Marbach beschreibt das in seinem Buch über Homosexualität in der DDR so: Homosexuelle galten als »Abweichung von der gesunden Normalität des sozialistischen Menschen«. Offenheit und Toleranz waren also nicht unbedingt an der Tagesordnung – auch wenn es einzelne Stimmen gab, die sich dafür aussprachen.
Ein Beispiel dafür ist der Psychologe Reiner Werner, der an der Humboldt-Universität forschte und sich in seinem Buch »Homosexualität – Herausforderung an Wissen und Toleranz« mit dem Thema beschäftigte. Auf den ersten Blick klingt das vielversprechend, immerhin sprach er sich für mehr Menschlichkeit und gesellschaftliche Integration aus. Doch gleichzeitig behandelte er Homosexualität wie eine psychische Störung, verwendete Begriffe wie »Betroffene« und stellte queeres Leben in eine Reihe mit »jugendlichem Fehlverhalten« und »Verhaltensstörungen«. Kritische Stimmen ließen nicht lange auf sich warten: Die Aktivistin und Autorin Ursula Sillge etwa bemängelte, dass in Werners Buch auf 179 Seiten gerade mal auf viereinhalb über lesbische Frauen geschrieben wurde, obwohl im Titel Toleranz und Wissen versprochen wurde.
Ursula Sillge war eine der wichtigsten Stimmen der Lesbenbewegung in der DDR. Schon in den 1970ern begann sie, sich öffentlich für die Rechte und Sichtbarkeit lesbischer Frauen einzusetzen – trotz der Repressionen, die ihr dadurch drohten. 1978 organisierte sie zusammen mit einer Freundin das erste Lesbentreffen mit Teilnehmerinnen aus der ganzen DDR. Etwa 100 Frauen nahmen teil, doch auch die Volkspolizei und die Staatssicherheit waren anwesend. Von diesem Moment an wurde die Überwachung deutlich verstärkt.
Auch die Gründung des Sonntags-Clubs, den sie 1985/86 ins Leben rief, rückte sie in den Fokus der Staatssicherheit. Bei ihrer späteren Akteneinsicht entdeckte sie Berichte von mehr als einem Dutzend Inoffizieller Mitarbeitender (IM), die sie über Jahre hinweg bespitzelt hatten.
In ihrem Buch »Un-Sichtbare Frauen. Lesben und ihre Emanzipation in der DDR« beschreibt Sillge, was queeres Leben lebenswert macht: geschützter Wohnraum, öffentliche Sichtbarkeit, Orte für Begegnung, gesellschaftliche Teilhabe und vor allem Rechte – soziale wie politische. Sie machte auch deutlich, dass die Unsichtbarkeit lesbischer Frauen kein Zufall war. Um sie zu zitieren: »Die geringe Sichtbarkeit von Lesben ist die Potenzierung der geringen Sichtbarkeit von Frauen.«.
Das bringt auf den Punkt, was wir heute unter Intersektionalität verstehen. Diskriminierung findet nämlich oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt. Lesbische Frauen waren nicht nur wegen ihrer Sexualität benachteiligt, sondern auch, weil sie Frauen waren. Und wer zusätzlich Schwarz oder eine Person of Color war, hatte es noch schwerer. Diese Mehrfachdiskriminierung prägte viele Lebensrealitäten. Es geht um patriarchale Strukturen in unserer Gesellschaft, in denen Männer in der Hierarchie die oberen Ränge einnehmen. Diese Zustände existieren auch in der queeren Gemeinschaft, sowohl damals in der DDR als auch heute.
Um noch mehr über einzelne Lebensgeschichten von queeren Frauen in der DDR zu erfahren, ist der Dokumentarfilm »Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR« von Barbara Wallbraun aus dem Jahr 2019 empfehlenswert.
Dass (weibliche) Homosexualität in der DDR tabuisiert wurde, spiegelt sich auch in unserem überschaubaren Sammlungsbestand in diesem Bereich wider. Das DDR Museum würde sich über Objektspenden queerer (ehemals) DDR-Bürger*innen freuen und (nicht nur, aber) insbesondere Frauen ermutigen, ihre Geschichte zu teilen. Dies könnte in Form von Bildern, Tagebucheinträgen, Briefen oder anderen Objekten geschehen. Durch Zeitzeug*innen und persönliche Erfahrungsberichte kann Geschichte auch für nachfolgende Generationen erhalten bleiben.