DDR in Objekten 1949-1989

11 Favoriten des Art Directors aus Bildband I

Art Director Joris Buiks stellt in diesem Artikel seine elf persönlichen Lieblingsobjekte aus den elf Kapiteln des ersten Sammlungsbands »DDR in Objekten 1949-1990. Alltag, Heim, Konsum« vor. von Joris Buiks (23.09.2020)

1. Papiertüte »Guten Kauf!«

Gleich das erste Objekt im Buch ist einer meiner Favoriten. Diese Papiertüte zeigt eine schöne Grafik aus drei Farben, die im Hochdruckverfahren eine nach der anderen auf die Tüte gedruckt werden. Das kann man sich so vorstellen, als würde man drei Stempel (einen für jede Farbe) nacheinander auf das Papier drücken. Dieses Verfahren ist günstig, aber nicht immer sehr genau.

Die Grafik ist hier aber sehr schlau durchdacht worden: Es ist ziemlich egal, wie ungenau diese drei Farben aufgetragen (»gestempelt«) werden, denn das Ergebnis wird in diesem Fall fast immer gut aussehen.

2. Werbeschild »Neukircher Zwieback«

Durch Zufall erlangte ein kleines Mädchen aus Dresden große Bekanntheit. Die kleine Botschafterin war nicht mal ein Jahr alt, als das Foto im Jahre 1937 aufgenommen wurde. Diese fotografische Vorlage wurde übermalt (heute würde man sagen »retouchiert«) und als Werbemotiv auf Schildern und Blechdosen verwendet. Mir gefällt dieser Papp-Aufsteller besonders gut. Der Künstler hat zwei Ebenen angedeutet und mittels Faux-Schatten raffiniert eine optische Tiefe erzeugt. Außerdem erinnert mich das Mädchen an meine kleine Nichte.

3. Zigaretten »Karo«

Die Verpackung dieser »Lungentorpedos« ist wegen ihrer Einfachheit mindestens genauso einprägsam wie die der Tabak-Design-Ikonen Marlboro (die mit dem invertierten Dreieck) oder Lucky Strike (die mit den konzentrischen Kreisen). Die filterlosen Zigaretten werden bis heute vertrieben und das minimalistische Dekor aus zwei Farben kann sich tatsächlich noch sehen lassen auf dem einen Drittel der Fläche, auf dem die Grafik heutzutage Platz findet. 

4. Manikür- und Pedikürgerät AKA Electric »YMP-5«

Von den Industriedesignern Peter Grahl und Horst Oehlke (Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle) stammt dieses UFO-artige Design eines elektrischen Geräts zur Maniküre und Pediküre. Der Entwurf stammt bereits aus dem Jahr 1974. Sigmund Jähn flog vier Jahre später als erster Deutscher ins Weltall. Der Wettlauf ins All (als Weltraumzeitalter bekannt) inspirierte in den 1960er/70er-Jahren viele industrielle und architektonische Gestalter. Auch die Staatssicherheit interessierte sich für UFO-Sichtungen (also die am Himmel) und ging mehreren Fällen in Ostdeutschland nach. Die bekannteste Sichtung ereignete sich kurz vor der Wiedervereinigung, im August 1990, bei Greifswald, die sich allerdings als militärische Übung des Warschauer Pakts entpuppte.

5. Waschmittel »Fewa«

Fewa und der älteste Avatar der DDR: Johanna. Die Werbefigur gab es jedoch schon vor der DDR. Über die Jahre wurde Johanna regelmäßig an das Designempfinden der Zeit angepasst, überholt und neu gezeichnet. Das geometrisch runde Gesicht sowie der rote »Lady Bun« sind geblieben und ausreichend genug, um die Figur immer wiederzukennen. Fewa, du lässt Design so einfach aussehen!

6. Tischmenage

Die Verpackung der Tischmenage des VEB MLW Polyplast Halberstadt prahlt in großen, freundlichen Buchstaben mit den Worten »TISCHMENAGE praktisch • formschön«. Das sind wahre Worte!

Das Tisch-Utensil umfasst einen Salz- sowie Pfefferstreuer und außerdem ein Fässchen für alles Mögliche. Wie praktisch! Das formschöne Designerstück aus »Polystyrol« (eine wirklich hübsche Bezeichnung für Kunststoff) war außerdem günstig zu haben: Lediglich 39 Pfennig kostete das praktische Set.

7. Selbstgenähtes Kleid

Das selbstgenähte Kleid ist wahrlich schön, aber es ist der Stoff, der ihm die Show stiehlt. Auf einem smaragdgrünen Grund befindet sich ein besonders schönes Muster. Dazwischen sind Kraniche, verschiedene Blumen, Blätter und Früchte abgebildet. Die Ornamente sind vielleicht nicht eindeutig zu erkennen, aber wow! 1a.

8. Gartenmöbel »Senftenberger Sitzei«

Neben dem Manikür- und Pedikürgerät das zweite UFO des Sammlungsbands. Wir sind also wieder im Weltraumzeitalter. Was soll ich sagen? Ich bin eben ein Nerd. Das Gartenmöbel Senftenberger Sitzei, 1968 von Peter Ghyczy entworfen, ist eine Design-Ikone, die letztendlich viel zu schön geraten ist für die Terrasse. Deswegen ist sie im Museum besser aufgehoben. Oder in meinem Wohnzimmer…

9. Querstromlüfter AKA Electric QL 2

1963: John F. Kennedy hält eine Rede in Berlin und verkündet, ein Berliner zu sein. Auf dem Rednerpult stand ein Tischlüfter HL 1 von Braun, der 1961 von Reinhold Weiss entworfen wurde.

Meine Eltern hatten in den 1970er/80er-Jahren einen Tischlüfter, der verdächtig ähnlich aussah: den Tischlüfter »Typ 5830« vom belgischen Hersteller KALORIK. Auch dieser entpuppte sich als waschechter Berliner, denn produziert wurde er in Ostberlin von AKA Electric. Ich erinnere mich, wie ich als Kind schon fasziniert war von diesem Tischlüfter und dessen außergewöhnlichem Design … und wie ich mir einmal einen Finger eingeklemmt habe. Was ja auch irgendwie klar war.

10. Fernsehgerät »Combi-Vision 3101«

Mut zur Farbe! Das Fernsehgerät »Combi-Vision 3101« gab es in Quietschgelb, Knallrot und, nun ja, Weiß. Der tragbare Fernseher wurde 1975 von Jochen Ziska (Hochschullehrer und ehemaliger Rektor der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle) und Klaus Ebermann entworfen. Ziskas Produkte orientierten sich stark an der minimalistischen, herstellungsorientierten Gestaltung der Ulmer Hochschule für Gestaltung (man denke z.B. an Dieter Rams). Von Vorne betrachtet lenkt nichts vom Fernsehprogramm ab. Helligkeit, Kontrast und Senderegler befinden sich außer Sicht. Das passt auch ganz gut so, denn zum Umschalten musste man damals sowieso noch aufstehen.

11. Baukasten »Der kleine GROSSBLOCK Baumeister Typ 2«

Wer an die DDR denkt, sieht sofort Plattenbauten vor dem inneren Auge. Die vorgefertigten Bauteile mit einer Tragkonstruktion aus Ortbeton waren viel schneller zu verarbeiten als die konventionellen Mauerwerksbauten. Diese Bauweise wurde deswegen im Zuge des staatlichen Wohnungsbauprogramms (ab 1972) bevorzugt angewandt. So entstanden im Zeitraum von 1972 und 1990 etwa 1,8 bis 1,9 Millionen Plattenbauwohnungen in der gesamten Republik.

Unter den Spielwaren konnte sich die Bauweise allerdings nicht durchsetzen. Bis heute sind Mauerwerksbauten wie die Bausteine von LEGO (bzw. FORMO oder PEBE in der DDR) beliebter. Das macht diesen Baukasten zu so einer spannenden Kuriosität.

Im Onlineshop: Bildband I »DDR in Objekten 1949-1990«

Der erste Sammlungsband »DDR in Objekten 1949-1990. Alltag, Heim, Konsum« ist in unserem Museumsshop vor Ort sowie in unserem Onlineshop erhältlich.

Bildband 1 »DDR in Objekten 1949-1990. Alltag, Heim, Konsum«

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