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Schaufuß: Ferienzeit mit Spiel, Sport und Abenteuer

Thomas Schaufuß stellt die unterschiedlichen Formen und Nutzen des Ferienlagers in Deutschland mit einem Schwerpunkt auf dem Betriebs- und Pionierferienlager in der DDR dar. von Praktikant (15.06.2017)

Sozialtourismus: dieses Wort wurde 2013 zum Unwort des Jahres gewählt. In dem Buch „Ferienzeit mit Spiel, Sport und Abenteuer. Kinder-und Jugendsozialtourismus“ geht es aber nicht um soziale Migration. Das Wort Sozialtourismus hat hier eine ganz andere Bedeutung und könnte als „Bemühungen, besonders einkommensschwachen Schichten der Bevölkerung die Möglichkeit einer Fernreise zu bieten“ beschrieben werden. Thomas Schaufuß, ein DDR-Zeitzeuge, hat sich für dieses umfangreiche Thema interessiert und versucht, die Entwicklung des Jugendsozialtourismus in Deutschland seit 1878 aufzuzeichnen. Auch wenn er sein Buch „ohne wissenschaftlichen Anspruch“ (S. 8) verfasst hat, stellt er die unterschiedlichen Formen und Nutzen des Ferienlagers in Deutschland zu bestimmten Zeitpunkte mit Hilfe von zahlreichen Originaldokumenten dar. 

Thomas Schaufuß beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts und führt den Leser durch die Weimarer Republik, das Dritte Reich und die DDR-Zeiten bis zur Wiedervereinigung. Dieser historische Überblick ist ein notwendiger Bestandteil des Buches: Ferienlager in der DDR waren nicht nur das Resultat der damaligen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, sondern wurden auch von allen ihren Vorläufern geprägt. Trotzdem ist sein Schwerpunkt der Sozialtourismus in der DDR, insbesonders die Pionier- und Betriebsferienlager. Er illustriert dieses Thema sogar mit einer Fallstudie über das Kinder- und Pionierlager des Kombinats EKO „Hermann Matern“ in Eisenhüttenstadt, das bis 1961 „Stalinstadt“ genannt wurde. Eingangs gewinnt man Einblick in die Finanzierung des Ferienlagers. Zweitens zeigt diese Fallstudie die Rolle des Ferienlagers bei der Schaffung einer sozialistischen Modellstadt. Zusätzlich werden die Probleme und Widersprüche der betrieblichen Sozialpolitik beleuchtet, vor allem die schlechte Hygiene und der Wohnraummangel. Die ausgewogene Zusammenstellung von allgemeiner Information und Fallstudien erlaubt einen Einblick in die Vielfalt des Themas Sozialtourismus.  

Die Stärke des Buches liegt nicht nur in der Beschreibung, sondern auch in den zusätzlichen Dokumenten, die von dem Autor ausgewählt wurden. Die zahlreichen Fotos, Postkarten und Künstlerkarten helfen den Lesern, ein besseres und lebendigeres Bild der Ferienlager zu bekommen und zwischen den unterschiedlichen Zeiträumen zu differenzieren. Mit jeder Periode entwickelten sich andere architektonische Stile. Es ergeben sich zahlreiche Assoziationen zwischen politischen Epochen und der dazu gehörigen Ästhetik. Außerdem erhalten die Leser auch Dokumente, wie einen Zeittafel oder eine Dokumentensammlung, die sie benutzen können, um ihre Kenntnisse weiter zu vertiefen. 

Thomas Schaufuß beleuchtet auch die breiteren Auswirkungen des Ferienlagers, indem er mehrere Formen und politischen Bedingungen von Ferienlagern vergleicht. So stellt er eine Verbindung zwischen Ferienlagern und dem Verhältnis der Bevölkerung zum Staat her. Die Analyse von Ferienlagern sagt viel darüber aus, wie unterschiedliche Generationen ihren Zustand wahrgenommen haben: ab den 70er Jahren wurden „sozialistischen Rituale“ in Ferienlagern immer weniger ernst genommen. Das ging soweit, dass man Westmusik in der Lagerdisco hörte (S. 152). Aufgrund der Beschreibungen wird klar, dass die Feriengestaltung politisch motiviert war, und dies unabhängig vom Zeitraum. Pionierlager waren besonders stark politisch-ideologisch orientiert, da sie „die zukünftige Elite“ (S. 81) erziehen sollten. Die Instrumentalisierung des Ferienlagers war allerdings keine Erfindung der DDR, wie man im Kapitel über nationalsozialistische Jugendorganisationen im Dritten Reich nachlesen kann. 

Auch wenn alle Ferienlager von den jeweiligen politischen Bedingungen beeinflusst werden, haben sie oft ähnliche Strukturen und folgen organisatorische Richtlinien. Die meisten fördern Werte wie das Zusammenleben, den Kontakt mit der Natur und Unabhängigkeit. Als ich 16 Jahre alt war, habe ich meine Ferien in einem deutsch-französischen Ferienlager am Bodensee verbracht und habe auch solche zeitlosen Richtlinien erlebt. 

Das Buch erinnert Leser daran, dass Ferienlager auch jetzt noch einen großen Einfluss auf zukünftige Generationen haben. Die Teilnehmer werden von ihren dortigen Erfahrungen langfristig geprägt und dadurch tragen sie die Werte der gegenwärtigen Gesellschaft mit sich, gute und schlechte. Wie Thomas Schaufuß mit gutem Recht im Vorwort des Buches sagt: „Die Kinder sind die Zukunft Deutschlands, ja Europas“ (S. 9). 

 

Text: Julia van Duijvenvoorde

 

Quellen:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Sozialtourismus, abgerufen am 15.06.2017

https://www.welt.de/kultur/article123844456/Sozialtourismus-ist-das-Unwort-des-Jahres-2013.html, abgerufen am 15.06.2017

Bilder:

By Rössing, Roger & Rössing Renate, Deutsche Fotothek. (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fotothek_df_roe-neg_0006146_013_Ansicht_des_Lagers_mit_Kindergruppe.jpg) 

By BrThomas (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Zentrales_Sommerlager_%27Georgij_Dimitroff%27_Prora.jpg#filelinks)

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