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Gottesdienst im Rinderoffenstall

In unserem heutigen Blogbeitrag geht es um den Vortrag anlässlich des Kirchentages von Dr. Christian Halbrock über Kirchenabriss und –neubau in der DDR. von Dr. Stefan Wolle (07.06.2017)

Das SED-Regime hätte die Kirche gerne an den Rand der Gesellschaft gedrängt, doch fest gemauert und achtungsgebietend standen die Kirchgebäude oft schon seit Jahrhunderten in den Zentren der Städte. Traditionell bildeten sie gerade in den alten Städten den Mittelpunkt des städtischen Lebens. Das Glockengeläut bestimmte den Rhythmus des Tages und wenigstens am Sonntag gingen die Menschen dorthin, um das Wort Gottes zu hören.
Dies alles war der SED ein Dorn im Auge, zumal man die Kirche nicht verbieten konnte. Die Religionsfreiheit war in der Verfassung festgeschrieben und die SED hatte 1953 die Erfahrung machen müssen, dass der offene Kirchenkampf deren Anhänger nur stärkt. Doch immer,  wenn es einen Vorwand gab, Gotteshäuser dem Erdboden gleich zu machen, waren die lokalen und regionalen Partei- und Staatsbehörden schnell mit der Abrissbirne vor Ort. Solche Vorwände konnten Baumaßnahmen sein, moderne Straßenführungen, neue Wohnviertel oder einfach nur die angebliche oder tatsächliche Baufälligkeit der Kirchen.
Dr. Christian Halbrock, Historiker und Mitarbeiter der BStU, der kurzfristig für die erkrankte Referentin eingesprungen war, hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Kirchenabriss und –neubau in der DDR beschäftigt. Anlass dafür war die spektakuläre Sprengung der Versöhnungskirche im Jahre 1985. Das Gebäude stand seit dem 13. August 1961 im Mauerstreifen und konnte nur von West-Berlin aus betreten werden. Im Laufe der Jahre verfiel das Gebäude. Zuerst verschwand das Kirchenschiff und nur der Turm diente noch den Grenzposten als Beobachtungspunkt. Doch um endlich freies Schussfeld zu erlangen, wurde schließlich auch der Turm gesprengt. Die Kirche stimmte der Zerstörungsmaßnahme in der Hoffnung zu, in den Neubaugebieten kirchliche Einrichtungen wie Gemeindezentren erbauen zu dürfen, was unter vielen Schwierigkeiten auch geschah.
Ins öffentliche Gedächtnis haben sich auch die Vernichtung der Garnisonkirche und Potsdam und der Universitätskirche in Leipzig eingegraben. Die näheren Umstände dieser Kulturbarbarei sind lange bekannt, und in den betroffenen Städten wird teilweise bis heute diskutiert, wie man damit umgehen soll. Viel weniger bekannt ist die Vielzahl von Kirchenabrissen seit den frühen Jahren der DDR. In dem Vortrag wurden mehrere Beispiele vorgestellt. Den Zuschauern, die zu der im Rahmen des Evangelischen Kirchentages stattfindenden Veranstaltung gekommen waren, versschlug es förmlich den Atem angesichts der fotografisch dokumentierten Vernichtungsaktionen.
Ein vergessenes Kapitel sind auch die gelungenen Rettungen der Kirchen durch entschlossene Pfarrer und Gemeindemitglieder. Christian Halbrock berichtete davon, wie mit einiger Schlitzohrigkeit in einer kleinen mecklenburgischen Gemeinde, die Kirche einen Rinderoffenstall errichtete, wogegen die SED-Verwaltung schwer etwas sagen konnte. Als der Stall fertig war, wurden die Buchten zugemauert und fertig war eine neue Kirche, die schließlich sogar ein Kreuz auf den Dachfirst setzen konnte. So verwirklichte man in der DDR das Bibelwort: „Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“ (Matth. 10,16).

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