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Simone Tippach-Schneider: Messemännchen und Minol-Pirol. Werbung in der DDR

Simone Tippach-Schneider ist Expertin für Werbung in der DDR. Lesen Sie heute über ihr Buch "Messemännchen und Mini-Pirol", in dem sie die Werbegeschichte der DDR beleuchtet und kulturgeschichtlich einordnet. von Elke Sieber (23.02.2017)

Simone Tippach-Schneider: Messemännchen und Minol-Pirol. Werbung in der DDR, Berlin 1999.

Tippach-Schneider studierte nach ihrer Lehre als Dekorateurin in der DDR Werbeökonomie an der Fachschule für Werbung und Gestaltung und wurde Redakteurin der DDR-Zeitschrift „Neue Werbung“. Heute arbeitet sie als freie Autorin und Ausstellungsmacherin. Ihre Schwerpunkte liegen dabei auf der Geschichte der industriellen Massenkultur, der Alltagskultur und der Kunst in der DDR und der Zeitgenössischen Kunst. Neben der hier besprochenen Publikation verfasste sie ihre Promotion zum Thema Werbefernsehen, diverse Aufsätze zur Werbung und Konsumkultur der DDR sowie ebenfalls ein Lexikon der DDR-Werbung.

Tippach-Schneider beschäftigt sich in ihrer Monografie zur Werbung in der DDR mit einigen Einzelthemen zur Werbebranche in der DDR. Insbesondere gehen ihre Betrachtungen bis 1975, da ein Ministerratsbeschluss in diesem Jahr Werbung faktisch verbot. Die Gründe waren Ressourcenmangel und die Unzufriedenheit darüber, wie die Werbung die ihr gegebenen Aufgaben verwirklichte. Sie bespricht nicht nur die einzelnen Werbefunktionen im Sozialismus im Wandel der Zeit, sondern illustriert die mit der Propaganda eng verknüpften Aufgaben mit den Werbekampagnen einzelner Produkte.

Nachdem sich die Werbeschaffenden in den 50er Jahren einen Platz in der DDR Wirtschaft erkämpft hatten, ging es ab den 60er Jahren um die Inhalte der Kampagnen. So erklärt die Autorin anhand der Malimo-Kampagne, dass die wirtschaftlichen Erfolge, die zu einem Teil auf der Chemieindustrie beruhten, von der Werbung der Bevölkerung vor Augen geführt werden sollten. Doch Produktwerbung war nicht nur ein Mittel zur Werbung für den Sozialismus, sondern auch zur Erziehung. Sozialistische Konsumtionsgewohnheiten sollten sich durchsetzen, indem die Werbung diese vorgab und den Bedarf auf solche Produkte lenkte, die ausreichend vorhanden waren und der sozialistischen Lebensweise entsprachen. Dazu zählte auch eine gesunde Ernährung und die Einschränkung des ausufernden Fleischkonsums. Frischer Fisch lautete die Lösung der Staatsführung. Sein Konsum und seine Zubereitung wurde fortan im Fernsehen als auch in anderen Werbemedien verstärkt angepriesen. Auch diese Kampagne nimmt die Autorin genauer in den Blick.

Ebenso das DDR-Kultprodukt Florena-Creme, die Nivea des Ostens, untersucht Tippach-Schneider anhand ihrer Werbekampagnen. Durch dieses Beispiel ermöglicht sich ein spannender Blick auf den Wandel der Werbemethodik und die Inhalte der Werbung.

Bisher einzigartig ist außerdem ihre mit Quellen belegte Untersuchung der Geschichte der SED-eigenen Werbeagentur DEWAG (Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft), die einen Großteil der Werbemaßnahmen in der DDR umsetzte sowie ihre Analyse zur Entwicklung der Werbebranche in der DDR, die sie anhand von Originaldokumenten und der DDR-Fachzeitschrift „Neue Werbung“ beleuchtet. Insbesondere beschäftigt sie sich außerdem mit dem Werbefernsehen in der DDR. Einige Zeit nach dieser Publikation veröffentlichte sie hierzu ein eigenes Buch (Tausend Tele-Tips. Das Werbefernsehen in der DDR), während sie in diesem Werk speziell die Trickfilmproduktion fürs Werbefernsehen in den Blick nimmt.

Selbst für diejenigen, die kein explizites Interesse an Werbegeschichte haben, ist das Buch lesenswert. Tippach-Schneider liefert hier aus einer anderen Perspektive einen Blick auf die Kulturgeschichte der DDR. Durch die Gestaltung der Werbung und ihrer inhaltlichen Schwerpunkte lässt sich viel über Konsumgesellschaft der DDR lernen genauso wie über die Absicht der SED, diese zu kontrollieren und zu lenken.

Eine Neuauflage wäre deshalb wünschenswert!

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