Neue Reihe „Orte der DDR“:

Ein Spaßbad geht Baden

Das legendäre SEZ bietet heute ein Bild des Jammers. Dies war wohl der Grund, warum viele Anwohner aus Friedrichshain und frühere Fans des Spaßbades erschienen waren. Der Geschäftsführer der Jahre 1991 bis 1999 erzählte in einem durch Bilder und Video-Clips illustrierten Vortrag die Geschichte des Kulturzentrums seit seiner Gründung im Jahr 1981. von Elke Sieber (09.03.2017)

„Was fällt Ihnen ein, wenn Sie SEZ hören“, fragte der Moderator Sören Marotz launig in die Runde. Die Antworten kamen postwendend: „Wellenbad, Eis-Disko, Bowlingbahn“. Einer rief noch dazwischen: „Schlangestehen“. Der Moderator griff seinerseits in die Erinnerungskiste und erzählte von dem Restaurant, das man in Badekleidung betreten konnte. Dann zeigte er einige Stücke aus seiner Badehosensammlung. DDR-Alltag pur also, mit einem leichten Hauch von Ostalgie.

Der Referent des Abends, mit dem die neue Serie, „Orte des DDR-Alltag“ eröffnet wurde, war Dipl.-Ing. Hartmut Hempel und man hätte kaum jemanden finden können, der sich in der Materie besser auskennt. Von 1991 bis 1999 war er Geschäftsführer des SEZ. Heute arbeitet der Stadtrat a.D. als freier Mitarbeiter der Senatsverwaltung Berlin. Eingangs erinnerte er an die Gründungsphase des Freizeitzentrums. 1977 beschloss die SED-Führung, mitten in dem traditionellen Berliner Arbeiterbezirk ein Zentrum für Kultur, Sport und Erholung zu schaffen. Das lag ganz in der politischen Linie der Honecker-Führung. Die Werktätigen sollten nicht nur arbeiten und kämpfen, sondern auch Spaß haben. So wurde am Volkspark Friedrichshain ähnlich wie im Palast der Republik, ein Klein-Utopia, geschaffen, das freilich nur einige tausend Quadratmeter umfasste. Und wo es um eine zentrale politische Aufgabe ging, war dem Staat nichts zu teuer. In nur 29 Monaten wurde der Komplex aus dem Boden gestampft. Vom Gesamtentwurf bis hin zu den Polstermöbeln  kam alles aus dem Westen. So entstand ein echtes Vorzeigeobjekt. Natürlich war die Eröffnung am 20. März 1981 von den üblichen propagandistischen Redensarten begleitet. Erich Honecker ließ es sich nicht nehmen, das SEZ persönlich zu eröffnen. Wenn man die Reden heute liest, hat man Eindruck, nur im Sozialismus hat es solche Badeanstalten gegeben. Die Besucher störte der ideologische Weihrauch wenig. Sie strömten in Massen ins SEZ. Neben dem erwähnten Wellenbad gab es Sportanlagen aller Art, Cafés, Restaurants, Räume für Kulturveranstaltungen, einen Sportkindergarten, ein Babyschwimmbecken, einen Friseursalon, ein Solarium und vieles mehr. Wäre die ganze DDR so schön gewesen, würde sie noch heute existieren und müßte eine Mauer bauen, um Wirtschaftsflüchtlinge aus der BRD abzuwehren. So kam es bekanntlich nicht. Mit der Wende begann auch der Niedergang des staatlich geschützten Freizeitparadieses. Trotz aller Bemühungen war das anspruchsvolle Unternehmen ohne Steuergelder nicht zu betreiben. Hierzu aber fehlte der politische Wille. Heute ist das SEZ nur noch ein Schatten seiner selbst. Entsprechend heftig war die Reaktion des Publikums. „Hier verrottet ein Stück Kulturgut“, schimpfte einer der Anwesenden - und niemand mochte ihm widersprechen.

Stefan Wolle

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